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Die Sphinx in der Hasenheide

Der Briefwechsel zwischen Gottfried Benn und Thea Sternheim

Von: PATRICK BAUMGÄRTEL - © Die Berliner Literaturkritik, 07.12.04

 

„Unwillkürlich kommt die Rede auf Benn. Immer wieder auf Benn.“ Mutter und Tochter finden sich gleichermaßen fasziniert von dem „blonden, schlanken, typisch preußisch aussehenden Menschen“, der ihnen im Winter 1917 vorgestellt wird und der schließlich der Arzt des nervenkranken Ehemannes und Vaters Carl Sternheim wird. Sie werden es bis an ihr Lebensende bleiben. Er wird der entscheidende künstlerische und geistige Einfluss, dem sie verhaftet bleiben, trotz aller sich ergebenden Differenzen.

Der vorliegende Briefwechsel zwischen Thea Sternheim, ihrer Tochter Mopsa und Gottfried Benn, inklusive Tagebucheintragungen der beiden Frauen, ist, anders als es der Klappentext suggeriert, im Grunde nur eine weitere Liebeskorrespondenz bennscher Prägung, wenngleich der anderen Art. Sie ist nicht (nur) Zeugnis einer kurzen, heftigen Affäre, sondern vermag es, sich über fast das gesamte Leben der drei und das Entstehen und Vergehen vier deutscher Staaten zu erhalten. Der Band macht 38 Briefe Gottfried Benns erstmals zugänglich; leider sind wohl im Laufe der Zeit mindestens ebenso viele Briefe abhanden gekommen. Thomas Ehrsam, der auch schon für die Herausgabe der Tagebücher Thea Sternheims verantwortlich zeichnete, hat ihn sachkundig mit einem Kommentar versehen.

Weissglühendes Feurrad des Geistes?

Als sich die Beziehung zwischen den wohlhabenden, großbürgerlichen Sternheims und dem Pfarrerssohn aus der Prignitz intensiviert, Mitte der Zwanziger, ist die Ehe Theas und Carls am Ende. Benn hat eine Affäre mit Mopsa, die damit endet, dass er ihr aufgrund eines gescheiterten Selbstmordversuches in seiner Funktion als Arzt den Magen auspumpen muss. Thea nimmt ihre zweifellos vorhandenen Gefühle für den „Arzt[.] und Kindererzieher[.]“ (!) zurück und versucht, Benn auf intellektueller Ebene anzusprechen.

Ihr stark ausgeprägter Kunstsinn, ihre Bildung auf literarischem Gebiet, ihre vielfältigen Kontakte in die Welt des Geistes und ihr außerordentliches Interesse künstlerischen Fragen gegenüber machen die um zwei Jahre Ältere aus Benns Sicht sicherlich zu einer äußerst attraktiven Freundin und Korrespondenzpartnerin. Dessen ist sie sich durchaus auch bewusst. So sieht sie nicht nur einen Kausalnexus zwischen ihrer Trennung von Carl Sternheim und dessen folgender Schreibblockade, sondern vertraut ihrem Tagebuch auch an: „Wie kommt es nur, dass ich auf Benns Werk Eigentumsrechte verspüre, sie beinahe geltend mache?“

Sie, der die künstlerische Laufbahn bis dato verwehrt geblieben war, versteht sich zumindest als zur Seite stehende Muse des männlich-kreativen Gegenparts. Bei Sternheim ist ihr dieses Verdienst nicht abzusprechen. Dabei verstellt ihr dieser kleine Zug zur Eitelkeit auch manchmal den Zugang zur Objektivität. Der Elitismus Benns ist zu spüren, wenn derselbe zum „Zauberkünstler der Sprache“, zu einem der „grossen Brennpunkte dieser Welt“, einem „weissglühenden Feuerr[ad] des Geistes und der Gefühlsintensität“ emporstilisiert wird, das im „Tiefstand der deutschen Mentalität“ einfach nur in „erlauchter Einsamkeit“ seine stillen Runden dreht. Der Geist Benns manifestiert sich aber nicht nur im Kunstverständnis der Mutter, sondern ebenfalls in der Ausdrucksweise der Tochter.

Barde des Nationalsozialismus

Doch schließlich muss auch Thea Sternheim feststellen, dass es mit der Splendid Isolation Benns nicht so weit her ist, als er sich 1933, als sie schon in Paris wohnt, zum Präsidenten der deutschen Dichterakademie wählen lässt und damit seinen verehrten Heinrich Mann ablöst. Plötzlich schlägt die Apotheose in Aversion um: „Sollte der mit Urinstinkten grosszügig durchsetzte Meklenburger [!] von derart hurtiger Anpassungsfähigkeit sein?“ Auf einmal werden Töne angeschlagen, die man bei der manchmal etwas altdamenhaft-preziös daherkommenden „grande dame“ (Benn) gar nicht vermutet hätte.

Verständlich -und bewunderswert in ihrer Konsequenz- wird dies, wenn man ihre pazifistische Haltung schon im Ersten Weltkrieg bedenkt sowie die Tatsache, dass sie zweimal mit jüdischen Männern verheiratet war. Anders als Benn steht sie zu der Ablehnung jeder Art von Faschismus und Sozialismus. Fakt ist, dass es gegen Ende der 20er-Jahre bei ihr zu einer Katholisierung kommt (u.a. durch den Berliner Dominikanerpater und Pazifisten Pater Franziskus Maria Stratmann), die Benn suspekt ist, und dass Benns „Wandlung vom Adepten Nietzsches zum Barden des Nationalsozialismus“, zum „Reklamechef der neuen Mordfirma“ bei ihr auf unmissverständliche Ablehnung stößt. Zudem mischt sich Benn in die Auseinandersetzung zwischen der „Inneren Emigration“ und den übrigen Emigranten und Exilanten: derlei Luxus sei ihm nicht vergönnt.

So kommt es zu einer sechzehn Jahre währenden Zäsur der Beziehungen, in der trotz aller Schmähungen und Verwürfe der Name Benn mit zunehmender Regelmäßigkeit in den Tagebüchern der beiden Frauen seinen Platz hat. Bei der emotional labileren Mopsa, die vor allem versucht, sich intellektuell gegen den übermächtigen bennschen Einfluss zu wehren und sich literarisch mit ihm auseinander zu setzen, liest man Sätze wie: „Für Benn sterben? Ja, tausendmal ja, nach 20 Jahren.“, „OHNE IHN LEBEN. Ich KANN nicht.“. Sie spricht von „Gehirnvergiftung“, „Intoxikation“. Thea wiederum hört nicht auf, die „unbefleckten“ früheren Gedichte zu lesen und ihre Bekannten nach dem unter Emigranten als gering angesehenen Namen Benn zu fragen.

Das letzte Lebenszeichen

Als dieser 1949 auf ihren Brief antwortet, stehen ihr „die Tränen in den Augen“, obwohl „Benns Denkinhalte sich in keiner Weise gewandelt zu haben scheinen“ und er keinerlei Erklärung oder Bedauern für sein Verhalten gegenüber den Nationalsozialisten abgibt. Die erklärte Antifaschistin stellt das Private über das Politische. Von der Ravensbrück-Überlebenden Mopsa erfährt Benn ebenso wenig Kritik; die wird vornehmlich im Tagebuch ausgedrückt.

Benn engagiert sich für eine Veröffentlichung von Thea Sternheims großem Lebensroman „Sackgassen“. Die beiden „Altersgenossen“ raufen sich wieder zusammen. Benn schätzt den gemeinsamen Erfahrungshintergrund der Beziehung und die künstlerische und menschliche Anteilnahme der Briefpartnerin nach Zeiten der Isolation. Thea beobachtet mit Sorge die politische Lage in Europa, Algerien und Korea, befürchtet einen dritten Weltkrieg. Benn erkundigt sich nach André Gides, Theas 1951 verstorbenem Freund. Die Veröffentlichung der „Sackgassen“, ohne Benn womöglich nicht erfolgt, erfüllt einen der größten Lebenswünsche Theas. Auch für deren Verfassung sei er ein Auslöser gewesen. Die Freude Theas über den wiedergefundenen Freund ist übergroß.

In herzlichem, überschwänglichem Stil lädt sie den stetig berühmter werdenden „Christ mit dem Götzenhaupt“ (Lasker-Schüler) immer wieder ein. Er antwortet höflich, charmant, gewitzt und klug, doch er wird nie kommen. Zu Theas Buchpräsentation 1952 in Berlin sieht man sich ein letztes Mal. 1954 stirbt Mopsa, zwei Jahre später Benn. Thea überlebt den Freund um fünfzehn Jahre. In den letzten Jahren bricht der Kontakt ab, trotz aller Bemühungen Theas. Die „Sphinx in der Hasenheide“ (Mopsa) hat zu viel zu tun mit seinen Krankheiten, seinen Frauen (die letzte Geliebte Ursula Ziebarth) und den Vortragsreisen. Kurz vor seinem Tod lässt ihr Benn seine „Gesammelten Gedichte“ mit einer persönlichen Widmung schicken: das letzte Lebenszeichen.

Zeugnis der Zeitgeschichte

Was uns bleibt, ist ein Briefwechsel der gegenseitigen Anziehungen und Abstoßungen, Verehrungen und Verletzungen. Es ist jedoch vor allem ein Monument der menschlichen Größe Thea Sternheims, ihres künstlerischen Feinsinns, ihrer sprachlichen Eleganz, ihrer politischen Hellsichtigkeit und ihrer intellektuellen Unermüdlichkeit. So erweist sie sich in vielerlei Hinsicht als ebenbürtige, wenn nicht überlegene Partnerin. In ihrem Weltbürgertum zumal -der Hinweis darf heutzutage nicht fehlen, ist hier aber alles andere als Plakette- und in ihrer Liebe zur französischen, deutschen, europäischen Kultur.

Ihre emotionale Nähe zu Benn hat es ihr nicht erlaubt, objektiv über ihn urteilen zu können, seine Größe jedoch war ihr von Anfang an über alle Zweifel erhaben. Ihrer beider Liebe und Freundschaft zueinander hat uns ein beeindruckendes und ausdruckskräftiges Zeugnis der Zeitgeschichte und der Möglichkeiten und Grenzen der Individuen, die darin liegenden Beschränkungen zu überwinden, hinterlassen.

Literaturangaben:
EHRSAM, THOMAS (Hg.): Gottfried Benn – Thea Sternheim. Briefwechsel und Aufzeichnungen. Mit Briefen und Tagebuchauszügen Mopsa Sternheims. Wallstein Verlag, Göttingen 2004. 520 S., €32.

Patrick Baumgärtel ist freier Buchkritiker für dieses Literaturmagazin


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