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Neues über Uwe Johnson

Ein Tagungsband mit den Ergebnissen einer Londoner Johnson-Konferenz

© Die Berliner Literaturkritik, 18.09.06

 

Wer mit den Lebensdaten Uwe Johnsons vertraut ist, kennt die Arithmetik der Gedenkkultur für diesen Schriftsteller: Weil Johnson 1934 geboren und 1984 gestorben ist, gibt es in Jahren, die auf vier enden, mit je einem runden Geburts- und Todestag doppelte Jubiläen zu begehen. Im Kreis der Johnson-Philologen hat sich eine spezielle Tradition akademischen Gedenkens etabliert, die unmittelbar mit Johnsons Tod zusammenhängt: Seit der Autor 1984 zu einer Lesung in Richmond nahe London aufgrund seines Todes nicht mehr erscheinen konnte, findet alle zehn Jahre in London eine wissenschaftliche Tagung „Uwe Johnson zum Gedenken“ statt.

So auch 2004. Unter dem Motto „So noch nicht gezeigt“ versammelten sich im September 2004 einige Dutzend Johnson-Spezialisten zu einer dreitägigen Konferenz im Institute for Germanic and Romance Studies der University of London am Russell Square. Ein umfangreicher Tagungsband mit 18 Beiträgen ist jetzt als Band 7 der Reihe Johnson-Studien bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen erschienen.

Neue Perspektiven

Der Titel des Bandes „So noch nicht gezeigt“ deutet es an – gefragt waren neue Blickwinkel auf das Johnson’sche Werk und dessen Rezeption. Ohnehin scheinen die zehnjährigen Phasen zwischen den Gedenktagungen, Zufall oder nicht, wichtigen Epochen der Johnson-Forschung zu entsprechen. Ein Blick in deren wichtigstes Diskussionsforum, das Johnson-Jahrbuch, das seit 2004 mit Michael Hofmann einen neuen Herausgeber hat, bestätigt die Vermutung: Nach zehn Jahren philologischer Detailarbeit mit deutlicher Konzentration auf die „Jahrestage“ scheint sich momentan das Forschungsinteresse in Richtung abseitigerer Johnson-Texte einerseits und breiterer, auch komparatistischer Untersuchungsperspektiven andererseits zu verschieben.

Der Londoner Tagungsband fügt dem eine weitere Facette hinzu: Auffällig viele Beiträge machen sich Gedanken über die Verknüpfung von Biografie und Werk. Vielleicht ist nach zehn Jahren geradezu störrischer Konzentration auf Textarbeit und sachliche Analyse unter Verzicht auf unkritische Autorenverehrung oder „biografische Hermeneutik“ die Zeit reif für die Auseinandersetzung mit der Frage, inwieweit sich Leben und Werk aufeinander beziehen lassen. Nicht zufällig entsteht zurzeit in Gemeinschaftsarbeit eine neue Johnson-Biografie – initiiert von den ehemaligen Herausgebern des Johnson-Jahrbuchs und geplant auch als Antwort auf die beiden bereits existierenden Biografien (von Jürgen Grambow und Bernd Neumann), die aus je unterschiedlichen Gründen unbefriedigend sind.

„So noch nicht gezeigt“ jedenfalls lässt sich auch im Hinblick auf die noch nicht hinlänglich beschriebenen wechselseitigen Bezüge zwischen Uwe Johnsons Werk und seinem Leben lesen. Wie der Tagungsband zeigt, läuft das Nachdenken über die Biografie-Problematik letztlich auf die Frage nach den grundlegenden Spielregeln und Wirkungsweisen des Johnson’schen Realismus hinaus. Das ist in der Johnson-Philologie in diesem Umfang und Facettenreichtum in der Tat ein neuer Ansatz.

Übersetzungen

Eine unvermittelte Verbindung zwischen Leben und Werk zieht Theo Buck, der Johnsons neuhochdeutsche Prosaübertragung des plattdeutschen Märchens „Von dem Fischer und syner Frau“ untersucht hat. Weil sie 1976 entstanden ist, also inmitten der etwa zehnjährigen Schreibpause zwischen dem dritten und vierten Band der „Jahrestage“, bringt Buck den Gehalt des Märchens in einen direkten Zusammenhang mit den Gründen für die Verzögerung – beides sei Ausdruck einer „Geschichte einer unglücklichen Ehe“. Zwar relativiert er eine Direktübertragung mit dem Satz: „Natürlich wäre es töricht, eine Gleichung aufzumachen zwischen dem Fischer und seiner Frau und dem eigenen Erleben Johnsons.“

Mit der Annahme, Johnsons private Situation beim Übersetzen des Märchens sei die Ursache für die Eigenheiten der Übersetzung, tut Buck aber genau das. Er stützt zudem seine These mit Zitaten aus der „Skizze eines Verunglückten“, einem erwiesenermaßen fiktionalen Text. Für die Beurteilung der Übersetzung und die Interpretation des Märchens sind biografische Begleitumstände jedoch schlicht belanglos.

Ganz anders geht Andreas Lorenczuk mit dem Thema Übersetzung um. Unter dem Titel „Von Melville zur South Ferry“ widmet er sich nicht den herbeispekulierten Berührungspunkten von Werk und Leben, sondern den nachprüfbaren zwischen Werk und Werk – in diesem Fall zwischen Herman Melvilles „Israel Potter“, den Uwe Johnson Ende der 50er Jahre ins Deutsche übersetzt hatte, und Johnsons eigenem Roman „Jahrestage“. Dass Lorenczuk Letzteren augenzwinkernd als „parodistische Fußnote“ zum „Israel Potter“ bezeichnet, ist zwar eine ziemlich provokante These für die Johnson-Philologen, die den 2000-Seiten-Roman lieber als Hauptwerk denn als Anmerkung lesen.

Aber Lorenczuk weist sehr überzeugend nach, wie produktiv ein Ansatz sein kann, der die Probleme des Übersetzens als Sujet und Strukturmodell der „Jahrestage“ – denn hier liegen die Parallelen zu Melville – begreift. Er legt den Interpretationsschwerpunkt auf die kulturellen Differenzen und damit auf das zentrale Thema nationaler und kultureller Identität, das sich auf diese Weise bis in sprachliche Feinheiten hinein verfolgen lässt. Neben dem inhaltlichen Ertrag ist Lorenczuks Beitrag auch ein Beleg dafür, dass es sich noch immer lohnt, Johnson ganz genau zu lesen.

Briefe

Dass Uwe Johnson auch scheinbar private Briefe zur Selbststilisierung und Literarisierung nutzte, ist spätestens seit der Veröffentlichung des Briefwechsels mit Siegfried Unseld bekannt. Dennoch ist der Brief (neben dem Tagebuch und dem seltenen Fall des aufgezeichneten Gesprächs) die Textsorte, in der der größte Anteil biografischen Bodensatzes zu finden ist. Was Katja Leuchtenberger anhand des unveröffentlichten Briefwechsels mit Fritz Rudolf Fries treffend als „Spiel. Zwang. Flucht“ bezeichnet, sind denn auch Informationen über Johnsons Charakter, die mit der literarischen Produktion nicht unmittelbar in Verbindung stehen. Sie ergänzen vielmehr die Einschätzungen von Zeitgenossen, Bekannten und Freunden über den Menschen Johnson – nachzulesen zum Beispiel in dem Band „Befreundungen“ – und vervollständigen so das Bild der Person. Neben anderen gehört dazu ein Wesenszug, den Leuchtenberger nicht zu Unrecht, wie ihr Beispiel zeigt, „perfide“ nennt.

Auch Greg Bond bedient sich, neben Tonband-Abschriften und Typoskript-Vorlagen, unveröffentlichter Briefe. Sein Thema ist Margret Boveris Memoiren-Projekt „Verzweigungen“, an dem Uwe Johnson mitarbeitete und für das er ein Nachwort schrieb. Anhand einer Gegenüberstellung des veröffentlichten Textes mit dem unveröffentlichten Material fragt Bond nach Art und Ausmaß der „Selbst-Inszenierung von Johnsons moralisch-politischen Wertvorstellungen“. Als zentral kann dabei die Frage gelten, „warum Uwe Johnson in seiner literarischen Bearbeitung des Themas ‚Emigration‘ deutlich offener verfahren ist als in seinem Umgang mit Margret Boveri“, der er im Gespräch unumwunden moralisches Versagen vorwarf.

Die mögliche Antwort werfe, so Bond, ein Licht auf den Menschen Johnson und dessen „linken Materialismus […] mitsamt einer kompromisslosen Deutschland-Kritik, die in diesem Fall ganz offensichtlich dazu führte, dass er die menschlichen Komponenten des individuellen Handelns nicht begreifen wollte“. Die Benennung dieser persönlichen Schwäche ist sauber deduziert aus der Diskrepanz zwischen dem Autor und der Privatperson Johnson. Bond benutzt nicht wie Buck biografische Äußerungen zur Interpretation eines literarischen Texts. Sondern er plädiert entschieden dafür, den Arbeitsprozess, der die ‚Lücke‘ zwischen biografisch-historischem Rohstoff und literarischer Verarbeitung füllt, nicht zu übersehen.

Poetologische Texte

Mit eben jenem Arbeitsprozess beschäftigen sich poetologische Texte, in Johnsons Fall vor allem die „Vorschläge zur Prüfung eines Romans“, die Büchner-Preis-Rede und die Frankfurter Poetikvorlesungen „Begleitumstände“. Weil hier ein Autor quasi autobiografisch über objektive Prinzipien seines Schreibens spricht, lassen sich die Kategorien Biografie und Literatur nicht konsequent auseinanderhalten – die erwähnte Lücke verschwindet. Diesem Umstand trägt Ulrich Krellner in seinem Beitrag zur poetologischen Funktion der „Begleitumstände“ Rechnung. Er betont die in den „Jahrestagen“ offen inszenierte Verschränkung von Leben und Werk, wenn er von dem „ästhetisch sorgfältig austarierte[n] Bezugssystem von adaptierter (Auto)Biografie, romanesker Erfindung und produktionsästhetischer Paktfiktion (die gleichfalls lebenswirkliche Implikationen besaß)“ spricht.

Sich als Interpret auf diese Verschränkung einzulassen, birgt aber auch immer die Gefahren, biografistisch zu interpretieren oder, wie in Krellners Fall, dem Deutungsmuster auf den Leim zu gehen, das Johnsons literarisierte Selbststilisierung und die fiktionalisierte Inszenierung seiner Biografie vorschreibt. Denn stimmte Krellners These, mit der Öffentlichmachung der Ehekrise am Ende der „Begleitumstände“ habe Johnson in einem Akt der Selbsthilfe die Voraussetzung für das Ende seiner Schreibpause geschaffen, hätte das Konsequenzen für den Roman: Die Gesine Cresspahl aus dem vierten Band der „Jahrestage“ müsste durch Johnsons Unterfangen, sie „als fiktive Figur neu zu positionieren und ihr im Zuge dieser Operation alle ‚Elisabeth-Bestandteile‘ zu nehmen“, eine komplett andere Figur sein als in den vorherigen drei Bänden. Was sie nicht ist.

Sehr viel vorsichtiger geht Holger Helbig vor, der sich dem Thema Ökonomie und Poetik bei Johnson vor allem über den Vortrag „Wenn Sie mich fragen …“, der verlängerten Version der „Vorschläge zur Prüfung eines Romans“, annähert. Anhand der Frage, wofür genau ein Leser eigentlich bezahlt, wenn er ein Buch kauft, verdeutlicht Johnson im Vortrag die unauflösliche Verschränkung von Ökonomie und Ästhetik. Dass sich an dieser Stelle die „strenge Trennung zwischen literarisch und biographisch nur bedingt aufrecht erhalten lässt“ belegt Helbig mit einer Reihe von Beispielen für Johnsons „ausgeprägtes Bewusstsein für die Folgen der ökonomischen Bedingtheit literarischer Produktion“ und die daraus abgeleiteten poetologischen Forderungen – inklusive der nach Übertragung der lebensweltlichen ökonomischen Bedingungen auf die Fiktion.

Daraus folgert Helbig: „Für die weiterführende Betrachtung wird damit ein hoher analytischer Aufwand unvermeidlich. […] Was aus kategorialer Sicht wie eine zwangsläufige Unschärfe aussieht, dürfte, realistisch gesprochen, ein vielversprechendes Mittel sein, den Alltag des Schriftstellers Uwe Johnson und sein Selbstverständnis zu erfassen.“ Wir werden sehen, ob diese Art Realismus dem Johnson’schen gerecht werden wird. Das Erscheinungsjahr der neuen Biografie soll übrigens 2009 sein – keines der runden Vierer-Jubiläen, aber Johnsons 75. Geburtstag.

Kontinuität in der Forschung

Für Leser, die den Sinn und Nutzen des Biografie-Projekts zum Verständnis von Johnsons Werk eher skeptisch beurteilen, enthält der Band immer noch genügend Beiträge, die sich klassisch-philologischen Forschungsfeldern widmen. So etwa Uwe Neumanns intertextuelle Studie über die Spuren Thomas Manns im Werk Johnsons, die zeigt, dass sich mit Untersuchungen zur Intertextualität bei Uwe Johnson immer noch (und vermutlich noch eine ganze Zeit lang) Lorbeeren verdienen lassen. So auch komparatistische Studien wie Susanne Shanks‘ Aufsatz zur Regionalität bei Johnson und dem schottischen Autor Alisdair Gray oder Michael Hofmanns Ausführung zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den „Jahrestagen“ und Ingeborg Bachmanns „Malina“.

Außerdem versammelt der Band Untersuchungen zu kleineren Texten, die bis jetzt noch nicht im Fokus der Forschung standen, zum Beispiel die „Inselgeschichten“ (Ulrich Kinzel) oder das von Johnson lektorierte Lesebuch für amerikanische Deutschlerner „Das neue Fenster“ (Elisabeth K. Paefgen). Das alles sind verdienstvolle und nützliche Bausteine für eine sich vertiefende, erweiternde und aktualisierende Kenntnis dieses Autors. Sie schreiben eine Forschungstradition fort, die hoffentlich auch weiterhin gepflegt werden wird.

Umrahmt ist der Band von gleich zwei Tagungsberichten. Einer davon ist eine schöne Stilkopie in beinahe authentischem Johnson-Sound. Er endet mit der verheißungsvollen Frage nach dem nächsten Doppeljubiläum: „In 2014, isn’t it?“ It is.

Von Nicola Westphal

Nicola Westphal arbeitet als freie Journalistin für dieses Literatur-Magazin.

Literaturangaben:
FRIES, ULRICH / GILLET, ROBERT / HELBIG, HOLGER u.a. (Hg.): So noch nicht gezeigt. Uwe Johnson zum Gedenken, London 2004. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006. 377 S., 56,90 €.

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