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Vom Leben eines Anachoreten

„Franz Kafka – Biographie einer Jugend“ von Klaus Wagenbach

Von: ROLAND H. WIEGENSTEIN - © Die Berliner Literaturkritik, 20.06.06

 

Als dies Buch, eine Dissertation, „vom Germanistischen ins Gemeindeutsche übersetzt“, 1958 erschien, war Franz Kafka allein durch Max Brods Ausgabe und damals schon zahlreiche, mehr oder minder gewagte Interpretationen aufgrund nicht völlig gesicherter Texte (die erst viele Jahre später in der Kritischen Ausgabe zugänglich wurden) bekannt: als ein Prosaautor höchsten Ranges und voller Geheimnisse.

„Kafkaesk“ war zum Modewort geworden für literarische Hervorbringungen und Phänomene in der Gesellschaft, die erschrecken machten. Den jungen Mann, der das Buch geschrieben hatte, Verlagslektor beim S. Fischer Verlag und als solcher auch mit Kafkas Werken befasst, empörte der Umgang mit einem Werk, das er, nach einer ersten Bekanntschaft mit dem „Prozess“ in einem Zug gelesen hatte: „Eine phantastische und doch ganz reale Welt, mit wirklichen Autos und Telephonen, mit Angestellten und Vorgesetzten, mit Hotels, Brücken, Gerichtsgebäuden, Schiffen, eiligen Städtern und begriffsstutzigen Männern vom Land. Und mit unvergesslichen Bildern der Macht: unerkennbare Gesetze, unerreichbare Richter, unerklärliche Urteile. Alles in einer wortarmen, klaren, einfachen, fast schlichten Prosa, die ganz und gar unzeitgemäß war… Zu meiner Verblüffung wurde dann Kafka in Deutschland der fünfziger Jahre doch noch ein sehr zeitgemäßer Autor, praktikabel für allerlei mystisches Gesülze vom Numinosen, für Vereinnahmungen als Heiliger oder Prophet. Die Germanisten entwickelten noch eine besondere Variante der rauchfreien Realitätsvebrennung, die sogenannte ‚werkimmanente Interpretation’. Die Zeit zählt nicht, der Autor nicht, die Umstände nicht – nur der Text, der sozusagen als Komet durch das akademische Weltall fliegt, schlackenlos und frei von allen Gesetzen der Gravitation. Das war auch politisch eine feine Lösung in der braunen Biographie mancher dieser Germanisten – je brauner, desto werkimmanenter.“

Die Lebensumstände des jungen Kafka

So hat Klaus Wagenbach 2003 den Anfang seiner lebenslangen Geschichte als „Kafkas dienstälteste lebende Witwe“ und den Antrieb zu diesem Buch beschrieben. Es „erhielt ausführliche Rezensionen. Ihr Tenor: ein grundlegendes, materialreiches Buch, aber wo bleibt das Nichts und der Mythos, das Absurde und die Geworfenheit?“ Die Erstauflage betrug 3000 Exemplare und war bis in die siebziger Jahre lieferbar. Danach lebte diese „Biografie einer Jugend“ nur noch fort in den Anmerkungen anderer Autoren, in Kafka-Büchern ohne Zahl.

Diese Biografie nach fast fünfzig Jahren neu zu publizieren, sie bis in die Paginierung hinein integral wiederzugeben, zeugt von Selbstbewusstsein und dem richtigen Gefühl, dass es nicht „überholt“ sei. „Entscheidend war in jedem Fall, neues, aber sachliches und verlässliches Material zu geben. Die Quellen, besonders die mündlichen oder mir schriftlich mitgeteilten, wurden durch Querfragen und Vergleiche mit anderen Aussagen sorgfältig geprüft.“ Der nun auf über sechzig Seiten angewachsene Anmerkungsapparat enthält nicht nur Literatur- und Textverweise (mit den Seitenzahlen der Brod-Ausgabe, und denen der ab den achtziger Jahren erschienenen Kritischen Ausgabe), sondern auch, durch kleine Pfeile gekennzeichnet, die Ergebnisse späterer Forschungen, bringt das Buch also auf den neuesten Stand in allem, was zum Thema der Jugendbiographie gehört. Wo nötig, korrigiert sich Wagenbach auch. Es behandelt die frühen Jahre Kafkas bis zu seiner ersten Buchveröffentlichung 1912 und holt das Werk in seinen realen Voraussetzungen gleichsam zurück auf die Erde. „Erfahrungen, auch wenn sie unter quälenden oder nicht beabsichtigten Umständen gemacht werden, bleiben Erfahrungen. Sie besetzen das Denken und die Träume, nicht nur die Feder.“

Um diese Erfahrungen geht es: um Kafkas Lebensumstände, um all das, was ihn geprägt hat: die Familie mit dem übermächtigen Vater, die Schulen, das quälende Jura-Studium, die ersten Freundschaften, die Jahre bei der „Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt“, in der Kafka bald eine verantwortungsvolle und geachtete Position errang und deren Angestellter er blieb bis in die zwanziger Jahre. Allein dieser als drückende Last empfundene Beruf bewahrte ihn davor, von der finanziellen Hilfe seiner Familie (des so gehassten wie geachteten Vaters) abhängig zu werden. Es ging nicht anders.

Vernichtung des Frühwerks

Wagenbach behandelt Kafkas (wenige) Reisen, die Stadt Prag der Jahrhundertwende und ihr literarisches Leben und fügt dem einem Exkurs hinzu über jenes verdorbene Prager-Deutsch der meist jüdischen, deutsch schreibenden Dichter, das erst die Nachwelt für vorbildlich zu halten sich entschloss, das jedoch allein in Kafkas Werk jene puritanische Reinheit erhielt, die ihn, wie neben ihm nur Karl Kraus, beispielhaft machte. „Kafkas knappe, unbeteiligte, wortarme, logisch konstruierte Sprache ist früh als besonderes Charakteristikum erkannt, die augenscheinliche sprachliche Diskrepanz zur Prager Schule bisher aber nicht beachtet worden.“ Das holt Wagenbach nach. Er zeichnet das Porträt eines von seiner Umwelt – wenn schon oft in der Form der Verweigerung – konditionierten Autors, der nicht bloß als einer der wenigen aus der deutschen - meist der oberen Mittelschicht und Oberschicht angehörenden - Minderheit, des Tschechischen (der Sprache der Mehrheit) völlig mächtig war, sondern auch die politischen Nationalitätenkämpfe und die ideologischen Auseinandersetzungen der Zeit wachen Sinns verfolgte.

In drei der neuen Ausgabe hinzugefügten, später entstandenen Aufsätzen kann Wagenbach das bauliche Vorbild des Romans „Das Schloss“ identifizieren, er beschreibt einige der früher Naturheilkunde verschriebenen Sanatorien, die der junge Kafka aufsuchte und auch seinen engen Kontakt mit der aufblühenden, auf rohe Weise kapitalistischen Industrie Nordböhmens nachweisen: Kafka kannte sich aus. Er hat es in seinem Brotberuf oft genug mit rücksichtlosen Fabrikherrn und durch Unfälle verletzten Arbeitern zu tun gehabt.

Es gehörte in den fünfziger Jahren ein Unmaß an Forschungsarbeit dazu - auch vor Ort in der Tschechoslowakei und in den weit vertreuten Archiven, die Zeugnisse von Kafkas Arbeit und Leben enthielten - eine solche Fülle von konkreten Daten, Fakten, Beziehungen aufzufinden, und so der sich langsam entfaltenden schriftstellerischen Existenz habhaft zu werden. Das war umso schwieriger, als Kafka ja sein „Frühwerk“ selbst vernichtet hat: wie es ausgesehen haben könnte, das lässt sich nur schließen aus den Schriften seiner Freunde und Zeitgenossen. Doch wie sich Kafka von deren ornamentalem Stil lossagte, seine eigene bewusst karge Prosa entwickelte, das kann man aus solchen Fakten mit einiger Sicherheit eruieren.

Grassierender Antisemitismus

Wagenbach hat nur an wenigen Stellen eigene Interpretationen einzelner Werke dort eingebaut, wo er ihre Rückbindung an den Erfahrungsstoff der frühen Jahre evident (oder mindestens wahrscheinlich) machen konnte. Ihm geht es darum, jenen Anteil an Kafkas Werk in buchstäblichen Sinn zu „verorten“, der sich eben den Umständen und der psychologischen Entwicklung infolge dieser Umstände verdankt, und eben nicht den genetischen Prädispositionen eines extrem empfindlichen Menschen.

Der Ertrag dieser Untersuchung ist immens – und bis heute nicht überholt. Viele Forschungen, die seitdem unternommen worden sind, wären kaum möglich gewesen ohne Wagenbachs solide Recherchen. Wagenbach kann zum Beispiel auch die anarchistischen Neigungen des Dichters, die üblicherweise unterschlagen werden, ebenso genau belegen wie die Rolle, die das Jüdische für ihn gespielt hat. Für die Familie war der jüdische Glaube bloße Konvention gewesen, der Gymnasiast und Student begriff sich als Agnostiker und erst für den reifen Kafka der letzten Lebensjahre spielte die Religion seiner Väter wohl eine Rolle. Bis dahin hatten ihn allenfalls jene Kooperativen interessiert, die frühe Zionisten im damaligen Palästina gründeten. Vom grassierenden Antisemitismus freilich hat er notwendigerweise Kenntnis genommen. „Es bleibt eine der wenigen Gerechtigkeiten der Geschichte, dass in den Jahrzehnten des Antisemitismus ein Jude die klarste deutsche Prosa geschrieben hat.“ Dass diese Arbeit viele Spekulationen, die noch immer in Umlauf sind, durch Fakten destruiert, ist nicht der kleinste Ertrag dieser Studie. Dass Kafkas Werk so enigmatisch erscheint, verdankt sich nämlich häufig schierer Unkenntnis. Dass der Erfahrungsgrund seiner Werke diese zwar beeinflusste, aber nicht völlig determinierte, das ist ohnedies klar. „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, heißt es einmal in Kafkas Briefen.

Wagenbachs Studie gehört zu den fürs Begreifen Kafkas maßstäblichen Arbeiten, ihr leidenschaftlicher Wirklichkeitssinn und die Liebe zu ihrem Gegenstand machen sie auch als Beispiel für eine aufklärende literarische Forschung unverzichtbar. Gut, dass es sie wieder gibt.

Literaturangaben:
WAGENBACH, KLAUS: Franz Kafka – Biographie einer Jugend. Wagenbach Verlag, Berlin 2006. 329 S., 29,50 €.

Weblink

Roland H. Wiegenstein arbeitet als freier Literatur- und Kunstkritiker für dieses Literaturmagazin. Er lebt in Berlin und Italien


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