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Aufbruch oder Stagnation?

Robert von Lucius berichtet aus Südafrika

© Die Berliner Literaturkritik, 27.01.10

Von Matthias Reichelt

Im nächsten Jahr wird Südafrika als Ort der Fußballweltmeisterschaft im internationalen Fokus stehen. Nachdem Anfang der neunziger Jahre erfolgreich das Apartheidregime beseitigt wurde, sind viele Hoffnungen auf schnelle Veränderungen für die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung enttäuscht worden. Zwar konnten demokratische Strukturen entwickelt werden, aber die große Diskrepanz in der Bildung und der ungleich verteilte Reichtum haben auf der Basis eines globalisierten Kapitalismus die Chancenungleichheit weiter verfestigt. Doch gibt es in diesem pauschalierten Befund viele Risse, Widersprüche und interessante Aspekte, die sich einer groben Synopse entziehen.

Um einen differenzierten Blick auf das Land des großen Umbruchs mit seiner harten Wirklichkeit zwischen Hoffnung und Stagnation zu werfen, kommt das Buch mit den gesammelten Artikeln und Reportagen von Robert von Lucius gerade rechtzeitig. Weit davon entfernt, auch nur die Nähe eines Tourismusführers zu suchen, will von Lucius mit seinen Aufsätzen die Neugier auf die disparaten Phänomene des südafrikanischen Staates am Kap wecken. Der langjährige Afrika-Korrespondent der FAZ hat mit großer Kenntnis, historischem Wissen und einer spürbaren Empathie und Liebe aus dem Land berichtet, dem er von Kindheit an verbunden war.

Landschaft, Kultur, Geschichte, Mythologien, Religion, Staatspolitik sind Bereiche, die von Lucius den Lesern en passant näherbringt. Den entscheidenden Personen und Wegbereitern des neuen Südafrika widmete der Autor hintergründige Artikel. Neben der „Ikone“ Nelson Mandela finden sich in dem als „Gestalten der Versöhnung“ überschriebenen Kapitel auch Thabo Mbeki, Desmond Tutu und die kürzlich verstorbene weiße Grande Dame Helen Suzman, eine Apartheidgegnerin von Beginn an. Aber von Lucius lässt auch eine zweifelhafte Person wie Frederik Willem de Klerk nicht aus, der als Apartheidbefürworter bekannt war und dennoch den Weg zum Ende des Regimes ebnen half. Die empathische Neugier des Autors auf das Land und seine Menschen macht auch vor dessen kulturellen Botschaftern, den Künstlern, Literaten und Satirikern, nicht halt. Mit kleinen Porträts sind legendäre Musiker wie Hugh Masekela und Miriam Makeba hier ebenso berücksichtigt wie die Schriftsteller Nadine Gordimer, Breyten Breytenbach und John M. Coetzee sowie wie der großartige Dramatiker Athol Fugard.

Auch auf den satirisch scharfen Literaten Tom Sharpe wirft von Lucius seinen journalistischen Blick. Sharpe wurde zwar in Großbritannien geboren, lebte aber in Südafrika, wo er 1961 ausgewiesen wurde, um sich dennoch als Südafrikaner zu empfinden. Bei den bildenden Künstlern nimmt die international renommierte, in den Niederlanden lebende Malerin Marlene Dumas eine prominente Rolle ein. Von ihr stammt das titelgebende Motto des Buches „Nicht von hier und nicht von dort“, mit dem sie ihr entwurzeltes Dasein beschreibt. Als Missing Link fehlt in der Liste merkwürdigerweise der Künstler William Kentridge, der sich mit seinen zu Filmen animierten Zyklen von Zeichnungen auf gleichwohl surreal-poetische und eminent politische Weise mit der südafrikanischen Gesellschaft beschäftigt.

Von Lucius’ Berichte und Reportagen sind in einer angenehmen und vermittelnden Sprache verfasst und von dem richtigen Gespür für historisch notwendige Erläuterungen und kontextuelle Informationen getragen. Dabei wird der Leser nirgendwo auf einen Anflug arroganter oder ignoranter Besserwisserei stoßen. Das einfühlende Verständnis im Buch und von Lucius’ sachlich-analytischer und auch werbender Ton für ein Land, dessen schwarze Administration sich als ignorant gegenüber der überwältigenden Präsenz von AIDS erweist, ist wichtig, um politische Zusammenhänge jenseits eilfertiger moralischer Urteile verstehen zu können. Denn das gesellschaftliche Erbe, das die ersten schwarzen Regierungen unter dem ANC antraten, wiegt schwer und wird noch lange in die Zukunft hinein Auswirkungen haben.

Das koloniale und postkoloniale Gift des Rassismus hat zu einem tiefen Riss in der Gesellschaft geführt und ist mit schuld an einer hohen Akzeptanz von Gewalt, die auch heute vielerorts die Gegenwart im Land bestimmt. Der Autor erinnert die Leser in seinen Artikeln über die jüdische Diaspora und das einzige Holocaust-Museum auf afrikanischem Boden daran, dass die Apartheidpolitik nicht zuletzt von der NS-Rassenlehre geprägt wurde. Von Lucius versteht es vortrefflich, das Interesse an einem multiethnischen Land zu wecken, das sowohl ein schweres Erbe trägt als auch gleichzeitig eine große Zukunft haben wird.

Das Buch ist mit zwei Fotostrecken des ebenfalls porträtierten deutschen Fotografen Jürgen Schadeberg ausgestattet. Mit Fotos in Schwarz-Weiß und Farbe aus sechs Jahrzehnten gibt es visuelle Eindrücke sowohl von der ländlichen Armut als auch von der reichhaltigen Kultur und dem langen Kampf gegen die Apartheid wieder. Jürgen Schadeberg war der einzige weiße Fotograf, der eine hohe Akzeptanz bei der schwarzen Bevölkerung hatte. In den fünfziger Jahren aus Berlin eingewandert, avancierte er bereits zum Cheffotografen des avantgardistischen Magazins „Drum“. Schadeberg wurde zum Impresario einer selbstbewussten südafrikanischen und schwarzen Fotografie. Sehr früh gewann er das Vertrauen von Nelson Mandela und setzte sich journalistisch mit seinen Bildern und Reportagen für das Ende der Apartheidpolitik ein. Als das Apartheidregime die Militanz und Repressalien gegen den ANC forcierte, ging er nach Europa, kehrte aber immer wieder zurück.

Literaturangabe:

LUCIUS, ROBERT VON: Nicht von hier und nicht von dort. Umbruch und Brüche in Südafrika. Fotos von Jürgen Schadeberg. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2009. 240 S., 19,90 €.

Weblink:

Mitteldeutscher Verlag

 


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