Gedächtniserforschungen

Die Suche nach der Wahrheit

© Die Berliner Literaturkritik, 02.03.11

BERLIN (BLK) – Der Berenberg Verlag hat im Februar 2011 „Das Gedicht in der Tasche“ von Héctor Abad herausgebracht. Ulrich Kunzmann hat den Text aus dem Spanischen übersetzt.

Klappentext: Als sein Vater am 27. August 1987 ermordet auf der ­Straße in Medellin lag, fand Hector Abad in der Jacke des Toten ein Gedicht, das dieser offenbar kurz vorher abgeschrieben hatte – Unterschrift J.L.B. Überzeugt, es handele sich um ein Werk von Jorge Luis Borges, und genötigt von einem Chor von Menschen, die das Gegenteil behaupteten, machte sich der Sohn auf die Suche nach der Wahrheit. Dass daraus eine Reise um die halbe Welt wurde, konnte er nicht ahnen. Das Gedicht ist von Borges, klarer Fall. Der Leser dieser poetischen Reise durch die Geo­graphie der lateinamerikanischen Seele könnte aber zu ganz anderen Schlüssen kommen.

Héctor Abad wurde 1958 in Medellín, Kolumbien, geboren. 1982 musste er das Land verlassen 1987 kehrte er zurück, musste aber nach der Ermordung seines Vaters noch im gleichen Jahr flüchten und lebte bis 1992 erneut in Italien. Seit seiner Rückkehr nach Kolumbien arbeitet Abad als Journalist und Schriftsteller. Er war als Dozent und Übersetzer aus dem Italienischen tätig und arbeitet zur Zeit für die von Gabriel García Marquez herausgegebene kolumbianischen Zeitschrift „Cambio“. Seit 2007 ist Héctor Abad Kolumnist der in Bogotá erscheinenden Tageszeitung „El Espectador“.

Leseprobe:

©Berenberg Verlag©

 

das gedicht

in der tasche

 

Gern hätte ich darauf verzichtet, dass mir das Leben diese Geschichte schenkt. Gern hätte ich darauf verzichtet, dass mir der Tod diese Geschichte schenkt. Aber das Leben und der Tod schenkten sie mir, besser gesagt, drängten sie mir auf: die Geschichte eines Gedichts, das in der Tasche eines Ermordeten gefunden wurde. Und mir blieb keine andere Wahl, als sie anzunehmen. Jetzt will ich sie erzählen. Es ist eine wahre Geschichte, allerdings hat sie so viele übereinstimmende Elemente, dass sie wie erfunden wirkt. Wenn sie nicht wahr wäre, könnte sie ein Märchen sein. Obwohl sie wahr ist, ist sie auch ein Märchen.

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Ist das Leben das Original, so ist die Erinnerung eine Kopie des Originals und die Niederschrift eine Kopie der Erinnerung. Doch was bleibt vom Leben, wenn man sich nicht daran erinnert und es nicht schriftlich festhält ? Nichts. Viele Bruchstücke unseres Lebens sind nichts mehr, und das wegen einer einfachen Tatsache: weil wir uns nicht mehr an sie erinnern. Alles, woran man sich nicht erinnert, ist für immer verschwunden. Das Leben hat zuweilen die gleiche Konsistenz wie jene Träume, die sich verflüchtigen, wenn wir erwachen. Darum sollte man bei bestimmten Lebensepisoden so vorsorglich handeln, wie wir es manchmal mit gewissen Träumen tun: Man sollte sie aufzeichnen, denn sonst vergisst man sie, und sie lösen sich in Luft auf. Shakespeare hat es besser als jeder andere in Der Sturm gesagt: „Ja selbst dieses Erdenrund, mit allen, die es in Besitz genommen haben, [wird] der Auflösung verfallen […] und nicht einmal ein Wölkchen zurücklassen. Wir sind aus solchem Stoff, wie Träume sind; und unser kleines Leben ist von einem Schlaf umringt.“²

  Ich zum Beispiel erinnere mich nicht mehr an den Augenblick, in dem diese Geschichte für mich beginnt. Ich weiß: Es war der 25. August 1987, ungefähr um sechs Uhr abends, in der Calle Argentina in Medellín, aber ich weiß nicht mehr, wann genau es war, als ich eine Hand in die Tasche eines Toten steckte und ein Gedicht fand. „Ein Glücksfall“, notierte ich damals in einem Heft. Ich notierte es in meinem Tagebuch, auch wenn ich wohl nie vergessen hätte, dass ich in der Tasche meines toten Vaters ein Gedicht entdeckt hatte. An den genauen Zeitpunkt erinnere ich mich also nicht mehr. Doch obwohl ich mich nicht daran erinnere, habe ich den Beweis, mehrere Beweise, dass dies in meinem Leben geschehen ist, auch wenn dieser Augenblick jetzt aus meinem Gedächtnis verbannt ist.

  Weil ich mich nicht genau erinnere, was am frühen Abend des 25. August 1987 geschah, weil die Erinnerungen verworren und von Schreien und Tränen überlagert sind, gebe ich einen Abschnitt aus meinem Tagebuch wieder, den ich geschrieben habe, als die Erinnerungen noch frisch waren. Der Abschnitt ist sehr kurz: „Wir fanden ihn in einer Blutlache. Ich küsste ihn. Er war noch warm. Aber still, ganz still. Die Wut ließ es beinahe nicht zu, dass ich Tränen vergoss. Die Trauer erlaubte mir nicht, meine ganze Wut zu fühlen. Mama zog ihm den Ehering ab. Ich wühlte in den Taschen und entdeckte ein Gedicht.“

  So weit das Tagebuch, die Eintragung vom 4. Oktober 1987. Danach kommen noch ein paar verstreute Zitate einzelner Verse des Gedichts, doch gibt es in meinem Heft keine vollständige Abschrift. Den ganzen Text des Gedichts veröffentlichte ich später, am 29. November 1987, im Sonntagsmagazin von El Espectador. Dort sage ich zum ersten Mal, dass das Gedicht von Borges sei.

  Wie war ich auf den Einfall gekommen, dass Borges der Autor des Gedichts sei ? Das weiß ich nicht genau. Am wahrscheinlichsten ist, dass das handgeschriebene Gedicht mit seinem Namen oder wenigstens mit seinen Initialen unterzeichnet war. Das Blatt, das mein Vater eigenhändig abgeschrieben hatte, kann ich nicht mehr finden. Man wird mir vorhalten, so etwas dürfe nicht geschehen, ein solch persönliches Dokument, ein derart wichtiges Papier verliere man nicht oder werfe es weg. Ich bin unordentlich, vergesslich, manchmal träge. Außerdem habe ich Kolumbien am ersten Weihnachtstag des Jahres 1987 verlassen, ohne dass ich überhaupt nach Hause kommen konnte, um den Koffer zu packen. Alles blieb zurück, bei einer Familie, die vor Trauer und Angst fast den Verstand verloren hatte. Irgendwann ging das Papier verloren – oder jemand hat es, ohne nachzudenken, in den Müll geworfen. Doch außer der Veröffentlichung in El Espectador habe ich einen weiteren Beweis, dass ich es erlebt habe, dass ich es nicht wie einen vergessenen Traum oder eine weitere Täuschung des Gedächtnisses erfinde. Es ist ein in Stein gemeißelter Beweis, der Grabstein, den wir auf dem Friedhof Campos de Paz auf das Grab meines Vaters stellten. Dort kann man das Gedicht noch sehen oder wenigstens er raten, weil selbst in Stein gemeißelte Worte, so wie das Leben und die Träume, mit der Zeit ausgelöscht werden.

©Berenberg Verlag©

Literaturangabe:

ABAD, HECTOR: Das Gedicht in der Tasche. Zwei Gedächtniserforschungen. Aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann. Berenberg Verlag, Berlin 2011. 136 S., 20 €.

Weblink:

BerenbergVerlag


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