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Zu beiden Seiten der Straße

„La Via“ von Fabrizia Ramondino

© Die Berliner Literaturkritik, 06.12.10

Von Roland H. Wiegenstein

Itri ist ein kleines Nest an der alten Straße zwischen Rom und Neapel, das aus zwei Ortsteilen besteht: dem Rione Terra, einem alten, im Krieg teilweise zerstörten Dorfkern und, westlich davon, dem Neubauviertel Borgo, das aussieht wie alle Straßendörfer in Süditalien. Neben verrotteten alten Häusern stehen die meist schlampig gebauten, dafür kitschigen Neubauten, die sich Rückkehrer aus ihren verschiedenen Auslandsjobs (in Nordeuropa, Amerika, Autralien) gebaut haben, ein paar Mafiaresidenzen und Investorenruinen der einheimischen „Reichen“ (die so reich auch wieder nicht sind). Itri heißt bei Fabrizia Ramdonino Acraia. Die napoletanische Schriftstellerin hat dort nach ihrer Pensionierung als Lehrerin und Aktivistin für ein menschenwürdiges Leben ihre letzten Lebensjahre verbracht und geschrieben. 2008 ist sie gestorben, nach einem Bad im Meer. Ein paar Tage nach ihrem Tod ist ihr letztes Buch erschienen: „La Via“.

  Es handelt von Itri/Acraia und ist eine traurige und komische, melancholische und erbitterte Beschreibung des Ortes zu beiden Seiten von La Via, der Straße. Ein Buch voller abschweifender, immer wieder neu ansetzender Geschichten und Anekdoten, die der namenlose Ich-Erzähler in Acraia zu hören bekommt, wo man ihn, den nach einem Unfall verletzten Schiffskapitän auf Genesungsurlaub, freundlich aufnimmt.

Der Mann: ein ruheloses Waisenkind in seiner Jugend, einer der zur See fährt, weil ihm als Halbwüchsigem keine andere Chance blieb („…jedem, der lange zur See gefahren ist, bleibt im Innersten ein Wunsch nach Freiheit, der keine falschen Herren duldet“), und der nun in die fest gefügte Ordnung des Dorfes eintritt und begreift, dass es auch dort Freiheit gibt. Für ihn die Freiheit des Gastes, für die Leute dort die, die sie sich selbst schaffen, diese Eigenbrödler und Landbewohner, die ihm von sich erzählen: Teodosio und Onofrio – die beiden Monteure einer Autoreparatur-Werkstatt, Bartolomeo, der anarchistische Schäfer in den Bergen, Rituzza, die Gelegenheitsarbeiterin, die sich damit durchbringt, dass sie für andere Leute kocht, die drei „Generale“, die gemeinsam ihre Tage damit verbringen, dass sie die Schlacht von Montecassino rekonstruieren (obwohl sie doch nie Offiziere waren) und Donna Rosita, die Gutes tut und die niemand aus dem Dorf je gesehen hat.

  Es sind lauter abgebrochene Geschichten, die womöglich später wieder aufgenommen werden oder Fetzen von Geschichten, die davon erzählen, wie es einmal war und was sie alle angestellt haben, ehe sie bürgerlich wurden. Es waren vor allem Diebstähle, aber nicht nur. Sie alle haben sich mit Witz und Einfallsreichtum durchgeschlagen. Und weil der Ich-Erzähler geduldig zuhört – er hat ja sonst nichts zu tun – können seine Nachbarn auf Zeit weit ausholen und auch ihre Kommentare einflechten zu Gott und der Welt, zur gesellschaftlichen Situation und Politik. Man könnte daraus viele Leitartikel machen und sie würden alle von einem Land handeln, das langsam zugrunde geht. Doch Ramondino ist viel zu klug, um sich auf Polemik einzulassen, der Zorn ihrer Figuren verraucht immer schnell, sie wissen doch, dass sie nichts ändern können oder nur, wenn sie sich anpassen. Sie versucht in ihrem Alterswerk, sich eine Welt zu imaginieren, in der die Menschen, allem Klatsch und Tratsch, aller kleinen Boshaftigkeiten zum Trotz, einander mit Freundschaft  begegnen. Eine Welt, in der Gastlichkeit und Hilfsbereitschaft natürlich sind. Acraia ist eine Utopie, wenn man will, ein liebevoll ausgemaltes Märchen, aber es ist nicht naiv. „Sehen Sie, mein Volk, ich meine die Napoletaner, das immer durch die Invasionen von Feinden oder die Okkupatioen von Freunden gelitten hat, hat eines gelernt: Gegen den größten Feind, der dir das Essen wegnimmt, muss man kämpfen, wie es in den vier Tagen von Neapel geschehen ist, doch den, der dir das Schlaraffenland verspricht und dir zumindest eine Zeit lang diese Hoffnung lässt, den muss man heuchlerisch preisen; denn die Leute wie wir haben nur einen einzigen Feind: den Hunger.“ Ramondino kennt sie gut, die geschmeidige Anpassung der Süditaliener sowie deren plötzliche, gewalttätige Ausbrüche. Sie hat im Grunde (beinah) resigniert und stellt sich eine Gesellschaft vor, in der es human zugeht – und sie richtet sie sich ein, zu beiden Seiten von La Via, der Straße, über die die Lastwagen donnern. Der Kapitän kehrt zurück in seinen Beruf, und ganz am Ende gibt es einen kurzen Dialog zwischen ihm und einem jungen Eleven aus Acraia: „’Wohin ziehen Sie sich denn zurück wenn sie mal in Rente gehen, da Sie doch keine Familie haben?’ Ich antwortete: ‚Wer weiß, wir sind alle unter dem Himmel’. Unwillkürlich blickte er nach oben, der Himmel war trüb, man sah keine Sterne. ‚Regnet es morgen?’ fragte er, ich weiß nicht ob mich oder sich selbst. Ich sog die Luft ein: ‚Nein, morgen regnet es nicht’. Ramondino, das ist die liebenswürdige, feste Stimme eines Süditalien, das noch nicht der Mafia gehört und eine, die auch Saviano, der Feind der Camorra, gelten ließe.

 

Literaturangabe:

RAMONDINO, FABRIZIA. La Via. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Arche Verlag, Zürich 2010. 319 S., 24,90 €.


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