Zitronenduft

Stefanie Gerstenbergers „Das Limonenhaus“

© Die Berliner Literaturkritik, 11.01.10

MÜNCHEN (BLK) – Im November 2009 ist der Roman „Das Limonenhaus“ von Stefanie Gerstenberger im Diana Verlag erschienen.

Klappentext: Ein Haus voller Trauer und Zitronenduft birgt ein altes Geheimnis. Nach dem Tod ihres Bruders und seiner Frau will Lella deren Tochter Matilde zu sich nach Köln holen. Doch der sizilianische Clan ihrer Schwägerin verweigert ihr das Mädchen, denn eine alte Fehde steht zwischen den beiden Familien. Lella will die Hintergründe dieses Streits aufdecken, immer in der Hoffnung, ihren Anspruch auf Matilde doch noch durchsetzen zu können. Im Limonenhaus, dem Haus ihrer Mutter, findet sie in einer alten Familienbibel einige lose Tagebuchseiten. Sie ahnt zunächst nicht, dass diese der Schlüssel sind zu jenem Ereignis, das seine dunklen Schatten bis in die Gegenwart wirft. Die perfekte Mischung aus atmosphärischem Italienroman, bewegender Liebesgeschichte und raffinierter Spannung.

Erst ein Deutsch- und Sportstudium, dann der Wechsel zum Hotelfach. Die Schriftstellerin Stefanie Gerstenberger war sich anfangs unsicher über ihren Berufswunsch. Die 1965 in Osnabrück Geborene arbeitete auf Elba und Sizilien, in der Karibik und in San Francisco. 1993 hielt sie schließlich in Köln inne, wo sie als Requisiteurin Polizeiserien, Krimis und Liebesfilme ausstattete. Dort hat sie den Schauspieler Thomas Balou Martin kennen gelernt, mit dem sie heute verheiratet ist und zwei Kinder hat. (ros)

Leseprobe:

©Diana Verlag©

Diesmal war es kein Besuch. Diesmal war es schlimmer.

Ich ließ meinen Gurt zuschnappen, atmete tief ein und schloss die Augen. Doch das seltsame Gefühl blieb. Als ich meinem Zwillingsbruder Leonardo das erste Mal nach Sizilien folgte, wusste ich nichts von diesem Land. Wir waren in unserer Kölner Wohnung auf dem Bettvorleger geboren worden, gewärmt vom Pizzaofen unter uns. Mein Bruder übermütig und als Erster, ich zögernd ein paar Minuten später. Bei uns gab es außer dem Dialekt meiner Eltern und den eindrucksvollen Flüchen meines Vaters überhaupt nichts Sizilianisches. Weder Fotos noch schwärmerische Landschaftsgemälde, keine Möbel und nicht eine einzige geweihte Madonnenfigur. Uns Kindern fiel nicht auf, dass wir nie in die Heimat meiner Eltern fuhren, sondern immer nur zu der Schwester meines Vaters in die Nähe von Bologna. Dort oben in Norditalien aß man gefüllte Teigtaschen statt pasta alla norma, es gab keine cannoli, und ich erinnere mich auch nicht daran, damals schon die eisige granita, die auf Sizilien im Sommer zum Frühstück serviert wird, probiert zu haben. Meinen Eltern gehörte die Pizzeria Da Salvatore. Sie lag direkt an den Ausläufern eines Autobahnzubringers in Köln-Ehrenfeld, und auch hier gab es nichts Sizilianisches. Die Weinlaubgirlanden aus Plastik und die mit Bast umwickelten Weinflaschen hatte mein Vater Salvatore dem Vorbesitzer zusammen mit den Holzstühlen und Tischen abgekauft, "für kleine Münze", wie er gerne erzählte, lautstark lachend. Vielleicht kam daher seine ständig gute Laune: Er liebte es zu bekommen, was er wollte, und dabei auch noch zu gewinnen. In diesem Moment stand er sicherlich summend in der Küche, während seine dicken Finger den Pizzateig in die Pfanne drückten. Er glaubte, ich sei bei einem Chorwochenende in der Eifel. Wie oft war ich in den letzten drei Jahren heimlich nach Palermo geflogen, um meine Nichte Matilde zu sehen? Acht Mal? Zehn Mal? Jemand blieb im Gang vor meiner Sitzreihe stehen, wahrscheinlich, um sich auf den freien Platz zwischen mir und dem Mann am Fenster zu setzen. Ich öffnete die Augen, schaute aber nicht hoch. Waren hinter uns nicht noch Plätze frei? Vielleicht ging er ja doch noch weiter. Dann fiel mein Blick auf seine Hände, und mein Herz setzte kurz aus, bevor es sich entschied, doch weiter zu schlagen. Alles passte: die Größe und Form, die Art, wie die Handgelenke aus den Ärmeln schauten, und sogar die Fototasche, die sie festhielten, alles genau wie bei meinem Bruder! Natürlich war mir in Sekundenbruchteilen klar, dass es nur eine Täuschung sein konnte, denn Leonardos alte Fototasche lag ja, gefüllt mit meinen Büchern, oben im Gepäckfach, und er selbst ...„Entschuldigung“, sagte der Unbekannte in diesem Moment zu mir und den rosafarbenen Blättern der Sportzeitung, hinter der sich der Mann am Fenster verschanzt hatte. Ich sah nur kurze, dunkelblonde Haare, breite Schultern und dann seine Beine, die mich streiften, während er Platz für die Stewardess machte, die sich mit einem Kichern an ihm vorbeizudrücken versuchte. Er schien ihren Annäherungsversuch gar nicht zu bemerken, sondern winkte jemandem in der Reihe hinter uns zu, offenbar dem vor sich hin wimmernden Baby, das erstaunt innehielt und dann verstummte.

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Literaturangabe:

GERSTENBERGER, STEFANIE: Das Limonenhaus. Diana Verlag, 2009. 448 S., 8,95 €.

Weblink:

Diana Verlag


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