STUTTGART (BLK) – Am 8. September 2008 erscheint Leslie Stevensons und David L. Habermans philosophisches Fachbuch „Zehn Theorien zur Natur des Menschen“ beim J. B. Metzler Verlag.
Klappentext: Welche Erklärungs- und Handlungsmöglichkeiten für ein glückliches Leben bieten uns die philosophische Vernunft und die religiöse Weltsicht? Zehn Theorien aus Philosophie und Religion führen in die elementaren Fragen unseres Lebens ein. Anschaulich präsentiert der Band zentrale Ideen der großen Denker: u. a. Platon, Aristoteles, Kant, Marx, Freud und Sartre. Zudem werden Vorstellungen aus Judentum, Christentum, Hinduismus und Konfuzianismus beleuchtet. Spannende und gut lesbare Einführung, gerade auch für Philosophie-Anfänger.
Leslie Stevenson, lehrt an der University of St. Andrews, Schottland. David L. Haberman ist Professor für Religionswissenschaft an der Indiana University, Bloomington/USA. (vol/dan)
Leseprobe:
© J. B. Metzler ©
Einführung
Konkurrierende Theorien und kritische Bewertungen
Dieses Buch ist an alle gerichtet, die auf der Suche nach einer „Lebensphilosophie“ sind: nach einem Verständnis der menschlichen Natur, das als Orientierung dient, wie wir leben sollten. Einer solchen Suche geht oft die Diagnose voraus, dass einiges gerade schief läuft, was seinerseits ein Ideal voraussetzt, wie das Leben oder auch die Menschen tatsächlich sein sollten.
Wir benutzen die Titelformulierung „Theorien zur Natur des Menschen“ in einem erweiterten Sinne, um auch ältere religiöse Traditionen mit einzubeziehen, dazu einige klassische philosophische Systeme sowie jüngere Theorien, die mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden die menschliche Natur begreifen wollen und Anleitungen für das Leben der Menschen und für die Gesellschaft finden möchten. Das heißt die Bedeutung des Wortes „Theorie“ über rein wissenschaftliche Theorien ausdehnen. Wir könnten dafür das Wort „Philosophie“ in seinem klassischen Sinn der philosophia (der Liebe zur Weisheit) einsetzen, vielleicht auch die Vorstellung einer „Weltanschauung“ oder „Ideologie“ (Überzeugungen und Werte, nach denen eine Gesellschaft oder Gemeinschaft lebt). In unserem erweiterten Sinne umfasst eine „Theorie zur Natur des Menschen“: ein grundlegendes metaphysisches
1. Verständnis des Universums und des Ortes des Menschen darin;
2. eine Theorie der menschlichen Natur im Sinne klarer allgemeiner Behauptungen über den Menschen, die menschliche Gesellschaft und die Bedingtheit des Menschen;
3. die Diagnose typischer Fehler des Menschen und all dessen, was im Leben des Menschen und in der Gesellschaft fehl zu gehen droht;
4. eine Vorschrift bzw. ein Ideal, wie das Leben der Menschen am besten zu führen sei, meist in Form von Handlungsanleitungen an den Einzelnen und die Gesellschaft.
Nur Theorien in diesem erweiterten Sinne, die die genannten Elemente miteinander verbinden, lassen uns auf Lösungen für die Probleme der Menschheit hoffen. So ist die einfache Behauptung, alle Menschen tendierten zur Selbstsucht (handelten also nur im eigenen Interesse), zwar eine bündige Diagnose, bietet aber kein tieferes Verständnis dessen, was uns so selbstsüchtig macht; sie bietet auch keine Lösungen an, wie diese Selbstsucht zu überwinden sei. Die Feststellung, dass wir alle einander lieben sollten, ist eine Handlungsrichtlinie, erklärt aber nicht, warum wir genau dies so schwierig finden. Sie ist auch keine Erläuterung, welche Art der Liebe zum Nächsten wir anstreben sollten, und sie gibt keine Hilfe, wie man das schafft. Die Evolutionstheorie vermittelt uns wichtige Erkenntnisse über den Ort des Menschen im Universum, ist aber gleichfalls keine Anleitung, wie man lebt; als streng wissenschaftliche und kausale Erklärung, wie der Mensch überhaupt entstanden ist, will sie uns eben nicht den Zweck oder den Sinn unseres Daseins erklären – was wir tun oder sein sollten.
Dieses Buch ist keine übliche Einführung in die Philosophie im engeren Sinne des akademischen Gegenstandes, wie er heute gerne mit all seinen Unterteilungen in Logik, Sprachphilosophie, Metaphysik, Wissenstheorie, Ethik, politische Philosophie, Ästhetik, Religionsphilosophie und dergleichen mehr definiert wird. Wir werden viele dieser Themen streifen, wollen uns aber in erster Linie auf zehn verschiedene Denksysteme konzentrieren, die uns Antworten auf existenzielle, lebensentscheidende Fragen geben, die ja der Grund sind, warum viele Menschen überhaupt Philosophie studieren. Wo ist unser Platz im Universum? Warum sind wir hier? Wir fragen sowohl im kausalen Sinne: „Was hat uns entstehen lassen?“, als auch im Sinne eines Ziels: „Aus welchem Grund – sofern es einen gibt – sind wir hier?“ (Was sollen wir tun, wohin sollen wir streben? Was sollen wir vermeiden?)
Sicher hängt sehr viel davon ab, welche Theorie über die menschliche Natur wir überhaupt akzeptieren. Für den Einzelnen bezieht sich das auf Bedeutung und Zweck unseres Lebens, was wir tun oder erstreben sollen, was wir erlangen oder werden können. Für die Gesellschaft heißt das: Welche Vision der menschlichen Gemeinschaft sollen wir anstreben, welchen gesellschaftlichen Wandel bevorzugen? Die Antworten auf diese gewaltigen Fragen werden davon abhängen, ob wir der Meinung sind, es gäbe eine „wahre“ oder „angeborene“ Natur des Menschen und bestimmte objektive Werte im Leben. Wenn das zutrifft, wie ist dann unsere wahre Natur, welches sind die objektiven Werte? Sind wir wesentlich Geschöpfe der Evolution und nur programmiert, unserer Selbstsucht zu folgen, unsere Gene zu reproduzieren, unseren biologischen Trieb zu erfüllen? Oder gibt es keine solche „wesentliche“ Natur des Menschen, sondern nur die Anlage, durch die Gesellschaft und ihre ökonomischen, politischen und kulturellen Kräfte geformt zu werden? Gibt es einen transzendenten, objektiven (vielleicht sogar göttlichen) Zweck hinter allem menschlichen Leben und aller Geschichte?
Verschiedene Theorien
Auf solche Fragen hat es naturgemäß eine ganze Reihe von Antworten und Ansichten gegeben. „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? ... Du hast ihn wenig niedriger gemacht denn Gott, und mit Ehre und Schmuck hast du ihn gekrönt“, schrieb der Verfasser des 8. Psalms. Die Bibel sieht den Menschen als von einem transzendenten Gott nach dessen Bilde geschaffen an, mit einem von Gott gegebenen Sinn des menschlichen Lebens. Es gibt außerdem die großen philosophischen Systeme von Platon, Aristoteles und Kant, welche angeblich objektive Werte für die Menschen und Gesellschaften festsetzen, die anzustreben sind.
Die wahre Natur des Menschen sei die Totalität der gesellschaftlichen Beziehungen, schrieb Karl Marx Mitte des 19. Jahrhunderts. Er leugnete die Existenz Gottes und meinte, ein jeder Mensch sei das Produkt des jeweiligen ökonomischen Zustands der Gesellschaft, in der er lebt. „Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein“, schrieb Jean-Paul Sartre, gerichtet an sein Land Frankreich, im Zweiten Weltkrieg. Sartre stimmte dem Atheismus von Marx zu, sagte aber, dass wir nicht durch die Gesellschaft oder sonst etwas bestimmt würden, sondern dass ein jeder Mensch die freie Entscheidung über das hätte, was er tun oder sein wolle. Im Gegensatz dazu haben vermeintliche Theoretiker einer Wissenschaft der menschlichen Natur wie E. O. Wilson unlängst den Menschen als Produkt der Evolution beschrieben, ausgestattet mit einem biologisch vorherbestimmten, artenspezifischen Verhaltensmuster.
Unterschiedliche Vorstellungen über die Natur des Menschen führen zu unterschiedlichen Ansichten darüber, was wir tun und wie wir dies tun sollten. Wenn ein allmächtiger und höchster guter Gott uns erschaffen hat, dann wird das, was wir sein können und sollten, durch seine Absicht bestimmt, und wir müssen diesen Gott um Hilfe bitten. Wenn wir aber stattdessen Produkte der Gesellschaft sind und glauben, das Leben vieler Menschen sei derzeit unbefriedigend, dann kann es so lange keine wirkliche Lösung dieses Problems geben, bis diese Gesellschaft verändert wird. Sind wir aber radikal frei und können wir auch der Notwendigkeit, frei zu wählen, niemals entkommen, dann müssen wir das akzeptieren und unsere Wahl im vollen Bewusstsein dessen treffen, was wir da tun. Und legt unsere biologische Natur unsere Art zu denken, zu fühlen und zu handeln fest, dann sollten wir dies im persönlichen Umfeld wie auch in der Gesellschaftspolitik in Betracht ziehen.
Unterschiedliche Anschauungen über die Natur des Menschen drücken sich meist in unterschiedlichen Lebensläufen und politischen Systemen aus. Marxistische Theorien haben in verschiedenen Ausprägungen im 20. Jahrhundert das öffentliche Leben in kommunistisch regierten Ländern derart bestimmt, dass jegliches In-Frage-Stellen dieser Theorien für den Frager fatale Konsequenzen haben konnte. Wir vergessen dabei aber nur allzu schnell, dass noch vor wenigen Jahrhunderten das Christentum eine ähnlich beherrschende Stellung in den westlichen Ländern innehatte. Ketzer und Ungläubige wurden verfolgt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Selbst heutzutage herrscht mancherorts die christliche Übereinkunft, dass der Einzelne nur auf Kosten der Gesellschaft opponieren kann. (In vielen islamischen Ländern hat der Islam eine vergleichbar dominierende Stellung.) In traditionell katholischen Ländern (wie in Italien, in der Republik Irland und in Polen) hat die katholische Kirche großen gesellschaftlichen Einfluss und schränkt die staatliche Politik zu Fragen von Abtreibung, Empfängnisverhütung und Scheidung erheblich ein. In den USA liegt vielen öffentlichen Debatten ein spezielles protestantisches Ethos zugrunde und hat auch die Politik der Regierung beeinflusst, trotz der verfassungsmäßigen Trennung von Staat und Kirche.
Eine „existenzialistische“ Philosophie wie diejenige Sartres wird wohl kaum eine besondere gesellschaftliche Tragweite haben. Man kann aber trotzdem die moderne liberale Demokratie aus genau der philosophischen Haltung rechtfertigen, dass es keine objektiven Werte im Leben des Menschen gibt, sondern nur subjektive persönliche Vorlieben. Diese Sichtweise hat in den modernen westlichen Gesellschaften einen sehr großen Einfluss, weit über ihre spezielle Bedeutung in der existenzialistischen Philosophie Europas in der Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus. Die liberale Demokratie ist auch in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung mit ihrer Anerkennung des Rechtes eines jeden Menschen auf „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ festgeschrieben – was gerne als Recht auf Verfolgung des eigenen Begriffs von Glück interpretiert wird. Es sollte dabei aber bedacht werden, dass selbst diejenigen, die meinen, es gibt objektive – religiöse oder säkulare – moralische Grundsätze, dennoch ein liberales demokratisches System verteidigen können, wenn sie finden, es sei ungerecht oder unklug, diesen moralischen Grundsätzen öffentlich mehr Geltung zu verschaffen. Wenn also der Werte-Subjektivismus den politischen Liberalismus befördert, so gilt dies umgekehrt durchaus nicht.
Außerhalb des westlichen Denkens hat es immer schon andere Theorien über die menschliche Natur gegeben, von denen einige zudem noch sehr lebendig sind. Der Islam, der mit dem Judentum und dem Christentum den Ursprung gemeinsam hat, erfährt eine allgemeine Stärkung, weil viele Menschen der islamischen Welt ihrer Ablehnung eines großen Teils der westlichen Zivilisation deutlich Ausdruck verleihen. (Dabei denken wir nicht in erster Linie an Terroristen, sondern an die gemäßigten Verteidiger der kulturellen Identität des Islam.) Der Islam hat sich durch die Immigration in den Westen ausgebreitet und dort neue Anhänger gefunden. In Indien erstarkt der Hinduismus, zuweilen auch in fundamentalistischer oder nationalistisch Form. Der Buddhismus, ursprünglich eine indische Religion, hat sich im Fernen Osten, in China und in Japan, ausgebreitet und auch im Westen öffentliche Aufmerksamkeit erzielt und Anhänger gefunden. Da der Einfluss von Marxismus und Kommunismus derzeit abnimmt, haben sich viele Menschen in Russland an der christlich-orthodoxen Vergangenheit orientiert, andere an verschiedenen modernen Formen der Spiritualität. Und in dem Maße, wie die Modernisierung Chinas fortschreitet und man dort jenseits des Marxismus nach Orientierung sucht, ist auch die alte chinesische Philosophie des Konfuzius wieder ins Blickfeld geraten.
Wir haben in diesem Buch zehn Theorien (Philosophien, Weltanschauungen oder Ideologien) zur genaueren Betrachtung ausgewählt. Alle zehn werden wir in einigen Punkten kritisch diskutieren, was den Leser hoffentlich ermutigen wird, selbst weiter nachzudenken. Und es werden Literaturempfehlungen für die weitere Beschäftigung mit den Theorien gegeben. Wir werden indessen keine der Theorien als das „beste Angebot“ hinstellen, sondern es den Lesern überlassen, sich eine eigene Meinung zu bilden – obwohl es natürlich ein paar Vorschläge im Sinne einer Synthese am Schluss des Buches gibt. Ehe wir aber unsere Untersuchungen beginnen, wollen wir die Aussichten für eine unparteiische, rationale Beurteilung dieser kontroversen Sichtweisen überprüfen.
© J. B. Metzler ©
Literaturangaben:
STEVENSON, LESLIE / HABERMAN, DAVID L.: Zehn Theorien zur Natur des Menschen. Konfuzianismus, Hinduismus, Bibel, Platon, Aristoteles, Kant, Marx, Freud, Sartre, Evolutionstheorien. Übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus de Palézieux. J.B. Metzler, Stuttgart 2008. 320 S., 24,95 €.
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