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Yvettes Rache

„Jener Tag im Winter“ von Caryl Phillips

© Die Berliner Literaturkritik, 14.06.11

MÜNCHEN (BLK) – Im Mai 2011 ist im DVA Verlag der Roman „Jener Tag im Winter“ von Caryl Phillips erschienen. Er wurde von Giovanni Bandini und Ditte Bandini aus dem Englischen übersetzt.

Klappentext: Keith Gordons Leben ist eigentlich schon unerquicklich genug: Drei Jahre ist es her, dass der Mittvierziger von seiner Frau wegen eines unbedeutenden Seitensprungs nach zwei Jahrzehnten Ehe vor die Tür gesetzt wurde, und obwohl von vielen Frauen angezogen, konnte ihn bisher keine andere wirklich fesseln. Auch Yvette nicht, seine rund zwanzig Jahre jüngere Mitarbeiterin, mit der er seit einiger Zeit eine heimliche Affäre hat. Nonchalant macht er eines Abends mit ihr Schluss. Doch als er am nächsten Morgen ins Büro kommt, trifft ihn ihre Rache …

Caryl Phillips, 1958 auf der karibischen Insel Saint Kitts geboren, wuchs in England auf, studierte in Oxford englische Sprache und Literatur und lebt heute in New York City. Zurzeit hat er eine Professur an der Yale Universität inne. Phillips, der seit Anfang der 80er Jahre Belletristisches wie Sachbücher veröffentlicht, zählt zu den wichtigsten britischen Schriftstellern seiner Generation und wurde u.a. mit dem Commonwealth Writers’ Prize ausgezeichnet. „Jener Tag im Winter“ ist sein neunter Roman.

Leseprobe:

©DVA©

Erstes Kapitel

Er geht durch einen dieser grünen Vororte Londons, in denen ein Mann wie er noch immer verstohlene Blicke anzieht. Sein Jackett und sein Schlips beruhigen zwar einige Passanten, sodass sie sich ein wenig entspannen, aber den übrigen kann er ansehen, dass sie aktiv den Drang unterdrücken, auf die andere Straßenseite zu wechseln. Es ist nur zu deutlich, dass er, was manche Leute betrifft, in diesem Teil der Stadt einfach nichts zu suchen hat.

Als er in die Sutherland Road einbiegt, hebt er die Hand und streift die dunkle Brille ab. Sonne ist praktisch keine da, und der Herbst hat den lauwarmen Sommer schon längst für ein weiteres Jahr verjagt. Plötzlich kommt Wind auf und löst von den Bäumen über ihm ein Laubgestöber, und seinen Körper durchrieselt ein Frösteln. Trotz der Kälte fühlt er sich mit der dunklen Brille auf diesen Straßen sicherer, denn so kann er die Leute anschauen, ohne dass sie seine Augen sehen. Er fischt das schlanke Kunststofffutteral aus der Innentasche seines Jacketts, faltet die Brille hinein und steckt es dann in dieselbe Tasche zurück. Vor dem kleinen Tor bleibt er stehen und atmet einmal tief durch, dann hebt er den Riegel. Er tritt ein und schaut zu, wie die Holzkonstruktion, durch eine straffe Stahlfeder unterstützt, wieder zurückschwingt. Das halbe Dutzend Schritte über den bunt gepflasterten Weg wird freudlos zurückgelegt, und dann drückt er auf die Türglocke, die mit einem melodischen zweitonigen Geläut erklingt, dessen langer Nachhall vermuten lässt, dass niemand zu Hause ist. Schritte tappen die Treppe herunter, und er hört, wie sie mit Riegel und Kette herumfummelt, ehe sie schließlich die Tür aufreißt.

„Keith?“ Er weiß nie so recht, wie er auf diese Begrüßung reagieren soll. Es ist keine richtige Frage, denn sie wissen beide, wer er ist.

„Alles klar, Keith?“ Er gibt keine Antwort. Sie schüttelt ihr wirres schwarzes Haar zurück und hebt das Kinn, dann neigt sie schnell den Kopf und hält ihm die Wange hin. Er beugt sich vor, gibt ihr einen trockenen Kuss und zieht, während er sich wieder aufrichtet, mit der Zungenspitze eine feuchte Linie über die Seite ihres Gesichts.

„Schwein.“ 

„Wieso das?“ Sie lacht laut auf. „Ich mach nur Spaß. Gut siehst du aus, Baby.“ Er tritt durch die Tür und bemerkt, wie sie einen besorgten Blick über seine Schulter wirft, um sich zu vergewissern, dass es keine neugierigen Blicke gibt, und zugleich hört er Gestöckel, vermutlich von einer Geschäftsfrau, die eiligen Schritts den Bürgersteig entlangklappert. Sie knallt die Tür zu, und er findet sich mit der Tatsache ab, dass er wieder einmal in ihrem trostlosen Flur eingesperrt ist, am Fuß ihrer Treppe, in ihrem kleinen Reihenhaus in Nordwestlondon.

Hinter den himmelblauen Vorhängen verblasst das spätnachmittägliche Licht. Sie sollte im Schlafzimmer dickeren Stoff nehmen. In der ersten Zeit ist er über Nacht geblieben, und am Morgen, wenn die Vögel anfingen zu singen, hat er still neben ihr gelegen und sich gefragt, ob seine Frau ebenfalls neben jemand anderem aufwachte. Und falls ja, wo dann ihr gemeinsamer Sohn war. Wer passte auf Laurie auf ? Morgens versuchte er sich möglichst nicht zu rühren, denn das Letzte, was er gebrauchen konnte, war, dass Yvette anfing zu reden, aber da die Vorhänge das Licht nicht aussperrten, konnte er nie länger als bis zum

Morgengrauen schlafen. Vielleicht, dachte er, gefiel es ihr, so von der Natur geweckt zu werden, aber er wollte keine Fragen stellen, denn das hätte eine Intimität suggeriert, die er unter allen Umständen vermeiden wollte. Ein siebenundvierzigjähriger Mann und eine sechsundzwanzigjährige Frau. Er spielte ganz bewusst auf Distanz, und er war fest entschlossen, nicht aus der Rolle zu fallen.

Diese erträglicheren nachmittäglichen Besuche laufen neuerdings nach einem vorhersagbaren Muster ab. Yvette übernimmt gern die Regie. Sie schaltet gewissenhaft das Flurlicht aus und führt ihn dann nach oben. Auf dem oberen Treppenabsatz lässt sie den seidenen Morgenrock zu Boden gleiten. Anfangs fand er das Schauspiel erregend, außerordentlich erregend, aber nach seinem dritten oder vierten Nachmittagsbesuch (oder „Service-termin“, wie sie gern dazu sagt) ersetzte sie das schwarze Spitzenkorsett, das ihm so sehr gefallen hatte, durch einen roten Push-up-BH und einen passenden Stringtanga. Sie hielt das offensichtlich für eine Verbesserung – für „anmachender“ –, aber seine Verachtung für die krasse Vulgarität dieses albernen Stücks Schnur war so stark, dass er sie nicht mit Worten fassen konnte. Yvette trägt nach wie vor diese Nuttenuniform, und als ihr Morgenmantel zu Boden fließt, gehen seine Augen nach unten und heften sich erst an ihre Beine und dann an ihre Knöchel (die, wie er weiß, kakaobutterglatt sind), aber sosehr er sich auch bemüht, er bringt es nicht über sich, ihre Dessous anzusehen. Sobald sie im Schlafzimmer sind, schließt Yvette die Tür und schiebt einen kleinen Messingriegel vor, dann lässt sie die Hände in sein Jackett und zu seinen Schulterpolstern gleiten und streift ihm das Kleidungsstück ab, als schäle sie eine Frucht. Er hat es zwar nicht fertiggebracht, die Unterwäsche anzusprechen, aber dass sich ihm von Duftkerzen der Magen umdreht, musste er ihr schließlich sagen. Nach dem zweiten Würganfall fragte Yvette ihn, was mit ihm los sei, und ließ nicht locker, bis er es schließlich gestand, und da lachte sie und versicherte ihm, sie könne problemlos auch ohne einen Hauch Jasmin oder Honigpfirsich in der Luft leben. Nachdem sie ihm das Jackett abgestreift hat, überlässt sie es ihm, sich weiter auszuziehen, während sie sich auf das gemachte Bett legt und ihren BH auf hakt, sodass ihre Brüste, ohne die stützende Struktur der Bügelkörbchen zu verlassen, schelmisch ihrer Befreiung entgegenlugen.

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Yvettes Enthusiasmus ist fast theatralisch zu nennen, aber ihre Erregung ist echt, und sie gelangt schnell und unter großer Geräuschentfaltung zum Höhepunkt. Früher hat er sich wegen der Nachbarn Sorgen gemacht, aber sie hat ihm versichert, sie würden selten vor neun von der Arbeit kommen. Außerdem hätten sie und Colin nie irgendwelche Klagen von ihnen gehört, und da sie ihrerseits von deren Aktivitäten nie etwas mitbekomme, nehme sie an, dass die Wände zwischen ihren Häusern ziemlich dick sein müssten. Sie schließt die Augen, noch immer außer Atem, während er sich auf einem Ellbogen aufstützt und die freie Hand behutsam in das dichte Nest ihres Haars gräbt. Er weiß, dass sie es entkraust, denn er hat im Badezimmer das ganze Arsenal von Cremes und Lotionen gesehen, aber am deutlichsten zeigt sich der Widerstreit zwischen dem europäischen und afrikanischen Erbe in ihrem Gesicht, wo volle Lippen und smaragdgrüne Augen um Aufmerksamkeit konkurrieren. Selbst bei aufmerksamster Betrachtung könnte sie leicht als sonnengebräunte Weiße durchgehen, aber ihre Vorliebe für Kente-Schultertücher und Holzperlenketten zeigt eindeutig, dass sie nie versucht hat, ihre gemischte Herkunft zu verleugnen.

Als sie so weit ist, öffnet Yvette die Augen und lächelt sanft. Dann zieht sie ihr Bein an und streicht mit dem Spann seinen Oberschenkel entlang, das Stichwort für ihn, erneut in sie einzudringen und sie diesmal langsam aufzustacheln, ihr mit so unmerklichen Bewegungen Lust zu verschaffen, dass nur die in dieser atembenehmendsten Umarmung Verschlungenen selbst überhaupt eine Regung wahrnehmen können. Anstatt sich schnell, mit einem einzigen wilden Aufschrei der Dankbarkeit zu ergeben, begleitet Yvette die „zweite Runde“ mit einem kontinuierlichen Gemurmel halb geflüsterter Verwünschungen und kehligem Keuchen, das immer leiser wird, je mehr sie sich dem Höhepunkt nähert – bis sie vollends verstummt, um gleich dar- auf einen gepeinigten Schrei auszustoßen und sich erschaudernd an seinen Körper zu schmiegen. Einen Augenblick klammert sie sich fest an ihn, als wollte sie gleich in Tränen ausbrechen, und dann schiebt sie ihn langsam von sich und rollt zur anderen Seite des Bettes, wo sie sich embryonal zusammenkugelt. Er sieht zu, wie sie in dem vermutlich üblichen Gewirr weiblicher Empfindungen von Schuld und Verletzlichkeit versinkt, aber bleibt von ihrem momentanen Zustand unberührt. Annabelle hat ihm schon wieder eine dringende Nachricht hinterlassen, wegen Laurie und der Probleme, die er in der Schule hat, seit er sich, wie sie es ausdrückt, mit den „falschen Leuten“ abgibt. Er weiß, dass er sie hätte zurückrufen sollen, denn sie hat mehr als deutlich gemacht, dass ihr siebzehnjähriger Sohn ihr gegenüber „zunehmend renitenter« werde, auch wenn nicht ganz klar ist, was Annabelle von ihm erwartet. Schließlich ist ihnen beiden vollauf bewusst, dass Laurie kaum Wert darauf legen dürfte, Zeit mit seinem Vater zu verbringen.

Bei der zweiten Nachricht hat ihn die Besorgnis in Annabelles Stimme beunruhigt. Seit ihrer Trennung vor ungefähr drei Jahren arbeitet sie gewissenhaft daran, eine stählerne Fassade um ihr Seelenleben zu errichten, um sich dadurch von ihm zu distanzieren. Mittlerweile gelingt es ihr gewöhnlich, ihn nichts mehr von ihrem Witz und ihrem ungezwungenen Humor merken zu lassen. Ihm ist vollkommen bewusst, dass es einzig und allein seine Schuld ist, wenn er jetzt allein in einem kleinen Apartment wohnt, und dass seine Frau und sein Sohn jeden Grund haben, auf ihn wütend zu sein, und jedes Recht der Welt, sich emotional gegen ihn zu schützen. Nach wie vor unklar ist ihm allerdings, warum er Annabelle seinerzeit unbedingt erzählen musste, dass er auf der Klausurtagung im New Forest mit seiner nervigen Kollegin geschlafen hatte, denn es war eine völlig bedeutungs- lose Angelegenheit gewesen, halb alkoholisiert und nicht im Mindesten vergnüglich. Es war das erste Mal, dass er auch nur daran gedacht hatte, seine Frau zu betrügen, und er hatte hinter- her sofort gewusst, dass es keine weiteren Seitensprünge mehr geben würde, aber trotzdem hatte er zwei Wochen später, sobald er den Eindruck hatte, die peinliche Atmosphäre am Arbeitsplatz erfolgreich überwunden zu haben, das törichte Bedürfnis verspürt, Annabelle, während sie Geschirrtücher bügelte und sich dabei Newsnight anschaute, alles zu beichten. Ihm ist selbst nicht klar, welche Reaktion er eigentlich erwartet hatte, aber nachdem sie ihn hatte ausreden lassen, stellte sie das Bügeleisen aufrecht auf das Bügelbrett und forderte ihn auf, am nächsten Morgen auszuziehen, damit sie und ihr vierzehnjähriger Sohn in Ruhe ihr Leben weiterleben könnten. „Verschwinde und mach das mit dir selbst ab“, sagte sie verächtlich, „denn nach allem, was du und ich durchgemacht haben, verdiene ich es wirklich nicht, mich auch noch mit deiner jämmerlichen Midlife-Crisis abgeben zu müssen. Also hau einfach ab, okay?“ Sie zog den Stecker des Bügeleisens mit einem Ruck heraus und verließ das Zimmer, und er wusste, dass er die Nacht allein auf dem Sofa verbringen würde. Am nächsten Morgen folgte er ihrer Aufforderung und ging, aber nach drei Jahren fragt er sich noch immer, woher dieser Drang gekommen war, alles aufs Spiel zu setzen, was sie sich so mühsam aufgebaut hatten. Die Tiefe des Grolls allerdings, aus der Laurie jedes Mal schöpft, wenn seine Mutter vorschlägt, dass er sich mit seinem Vater treffen könnte, versteht er vollkommen. Er dreht sich auf die Seite und schaut zum spätnachmittäglichen Licht hinter den dünnen Vorhängen von Yvettes Schlafzimmer und dann auf sein Jackett, das, achtlos

hingeworfen, auf dem Fußboden liegt. Er hört das Donnern eines vorüberziehenden Flugzeugs und stellt sich die dünnen, zarten Kondensstreifen vor, die es hinter sich herzieht. Es führt kein Weg darum herum: Er wird heute mit Yvette reden und ihr Verhältnis beenden müssen.

Während sie duscht, lässt er den Blick durch das kleine, vollgestopfte Schlafzimmer schweifen und denkt über die junge Frau nach, in deren Bett er liegt. Er weiß, dass ihr Exehemann Colin ihr Dozent am College war und dass er zwölf Jahre älter ist als sie. Diese Information hat sie ihm gleich geliefert, als sie zum ersten Mal zusammen im Pub waren. „Er hat mich wegen einer älteren Frau verlassen“, sagte sie, „einer, die altersmäßig eher zu ihm passt. Aber wenigstens habe ich das Haus bekommen.“ Sie verstummte, schob den Plastik-Stirrer auf eine Seite und nahm einen geräuschvollen Schluck von ihrem Wodka Tonic. „Also, gestritten haben wir uns eigentlich nie. Es wurde nur mit der Zeit klar, dass wir herzlich wenig gemeinsam hatten, und wir hatten nicht einmal mehr ... Sie wissen schon. Na, manchmal schon, aber ich musste immer erst betteln.“ Sie errötete leicht und versuchte, ihr nervöses Lachen mit der Hand zu ersticken, musste dann aber husten, als wäre ihr etwas im Hals stecken geblieben. Er stand galant auf und holte ihr vom Tresen ein Glas Wasser, das sie mit großen Schlucken austrank. Sie hielt kurz inne, als müsste sie rülpsen, schluckte aber schließlich nur kräftig und begann, sich mit der flachen Hand das Haar glatt zu streichen.

„So genau wollten Sie’s nicht wissen, oder?“ Er lächelte und schüttelte den Kopf. „Nicht sehr gesprächig, was?“ Er lachte und ließ dabei die sanften Kurven ihres jungen Körpers auf sich wirken. Seit Annabelle ihn vor die Tür gesetzt hatte, hatte es keine anderen Frauen gegeben. Aber es war nicht so, dass er das Interesse verloren hätte. Im Bus sah er sich nach wie vor verstohlen um, und häufig folgte er jungen Frauen auf der Rolltreppe zur U-Bahn-Station hinunter und achtete dann darauf, in dasselbe Abteil einzusteigen und sich, wie zufällig, ihnen gegenüberzusetzen. Aber er war zu alt für die Art Lokale, in die Männer, wie er sich vorstellte, gingen, um Frauen kennenzulernen. In Klubs oder auf Partys zu gehen fand er etwas würdelos, und bei der Vorstellung von Internet-Chatrooms oder, noch schlimmer, Single-Abenden mit den dazugehörigen Ruck-zuck-Verabredungen graute ihm. Computerpornografie war so weit ganz in Ordnung, und er hatte sich halbwegs mit der Tatsache abgefunden, dass ein gelegentliches schuldbewusstes Einloggen vorerst würde genügen müssen. In seinem Alter war das immer noch besser, als sich dadurch lächerlich zu machen, dass man sich auf die Pirsch begab oder Freunde diskret um Verkuppelung bat. Als er allerdings im Pub Yvette gegenübersaß, erkannte er, dass sie eine Lösung des Problems darstellen könnte, denn sie hatte eine starke Ausstrahlung und einen gut gebauten Körper, und sie schien Interesse zu haben. Ihm gefielen ihre Energie und die Tatsache, dass sie keine Angst zu haben schien, alles auszusprechen, was ihr gerade durch den Kopf ging. Aber Yvette arbeitete für ihn. Während die Frau im New Forest seine Kollegin und ihm gleichgestellt gewesen war, war er tatsächlich Yvettes Vorgesetzter, und auch wenn die jüngsten Entwicklungen zwischen ihnen sie nicht weiter zu verunsichern schienen, rief er sich immer wieder ins Gedächtnis, dass er derjenige war, der Verantwortungsgefühl zeigen sollte. Dass sowohl das Tempo als auch der Charakter ihrer Annäherung durch Yvette bestimmt wurde, machte die Sache natürlich noch komplizierter.

Wenn sie aus der Dusche kommt und, das Badetuch straff um den Leib gewickelt, wieder ins Schlafzimmer tritt, erwartet sie von ihm, dass er angezogen auf der Bettkante sitzt, bereit, ihr beim Ankleiden zuzuschauen. Sie geht von einer Seite des Zimmers zur anderen und schaltet umständlich sämtliche Lichter ein, einschließlich der Nachttischlampen. Er weiß, dass dieser Teil ihres Beisammenseins ausschließlich ihrer Eitelkeit gewidmet ist, denn sie will schlicht, dass er sich auf sie konzentriert. Er schaut zu, wie sie ihren Körper sanft pudert, dann in ihre jämmerliche Reizwäsche schlüpft, dann in ihre Jeans, und schließlich streift sie sich einen Pullover über die Brust, macht ein Hohlkreuz und streckt die Arme zur Decke. Seine Aufgabe ist es, das vermeintliche Objekt seiner Begierde zu betrachten, während es sich als nicht mehr verfügbar darstellt, wobei angenommen wird, dass er sein Verlangen zügeln und sich in Geduld fassen müsse, bis sie bereit ist, ihn in die Küche hinunterzuführen. Heute zieht sie ihre Darbietung besonders in die Länge und tut so, als sei sie sich unschlüssig, ob sie den weißen Rollkragenpullover anbehalten soll, der, wie er von einem früheren Anlass her weiß, aus einem teuren Kaschmir-Seide-Mischgarn gestrickt ist, oder einfach eine blaue Baumwollbluse überstreifen soll, die verwirrende Ähnlichkeit mit einem Arbeiterhemd aufweist. Sie zieht den Pullover wieder aus und hält sich die Bluse vor, während sie sich vor dem mannshohen Spiegel, der neben dem Kleiderschrank steht, dreht und wendet. Schließlich trifft sie eine Entscheidung und wirft die Bluse auf die Armlehne des hölzernen Schaukelstuhls.

„Die erste Wahl war die richtige, stimmt’s?“ Es hat keinen Sinn zu antworten, denn der Pullover ist schon wieder halb über ihrem Kopf, und sie beginnt sich zu winden und zu verdrehen wie eine Varietékünstlerin, die sich aus einem Sack befreit. Als ihr Kopf durch den Rollkragen platzt und ihr verblüfftes Gesicht sich wieder auf die grelle Schlafzimmer-beleuchtung einstellt, besteht für ihn keine Notwendigkeit mehr zu antworten. Sie geht rasch zur Tür.

„Und, kommst du jetzt, oder was?“ Er mag keine Reality-Spielshows, da er die Demütigungen, denen die Teilnehmer ausgesetzt werden, peinlich findet. Ob sie nun in einem Haus eingesperrt oder auf einer Insel ausgesetzt sind, oder ob sie singen, modeln, abnehmen, kochen oder tanzen sollen, letztlich scheint es dabei immer auf das Gleiche hinauszulaufen: dass man über andere Menschen lacht und sich dann auf deren Kosten wie was Besseres vorkommt. Yvette hingegen liebt solche Sendungen, aber sie hat es mittlerweile aufgegeben, ihn überreden zu wollen, es sich zusammen mit ihr auf dem Sofa gemütlich zu machen und vor der Glotze zu relaxen. Das einzige Mal, als er sich dazu bereit erklärt hat, schaltete sie den Fernseher an, bestellte ein indisches Essen und fing dann an, per SMS ihren Tipp darüber abzugeben, ob die nacheinander vorgestellten Spielteilnehmer jeweils schwul, hetero oder schon vergeben waren. Er wusste, dass sie, sollte er etwas Kritisches äußern, ihm einfach vorwerfen würde, er sei ein Langweiler, deswegen hielt er den Mund, aber als das Essen kam, war er schon so weit, dass er am liebsten gegangen wäre. Sie trug das Essen in die Küche und löffelte es rasch aus den Behältern auf zwei Pappteller, um dann ins Wohnzimmer zurückzuflitzen, die zwei Teller praktisch auf den Couchtisch fallen zu lassen und dann wieder nach ihrem Handy zu greifen und weiterzusimsen. Die mitgelieferten Plastikgabeln und Papierservietten zog sie aus ihrer Gesäßtasche und warf sie gleichgültig neben die beiden Teller auf den Tisch. Er sah sie an, aber sie erwiderte seinen Blick nicht.

„Ist schon okay, Keith. Du kannst was von meinem Hähnchen-Vindaloo und dem gebratenen Reis abhaben. Ich bin nicht sehr hungrig.“

Inzwischen lassen sie es mit dem Fernsehen. Sie setzen sich in ihre umgestylte Küche auf die zwei Designer-Barhocker, und er öffnet eine Flasche Sancerre aus der Kiste Wein, die er an ihre Adresse hat liefern lassen. Er hat versucht, ihr zu erklären, dass sie immer ein paar Flaschen im Kühlschrank haben sollte, aber anscheinend hört sie nicht zu. Er reicht ihr ein langstieliges Glas warmen Wein und begreift, dass Yvette sich auf ihre Weise bemüht. Auch ist ihm klar, dass ihre Beziehung für sie mitunter schwierig sein muss, denn er kann geradezu hermetisch verschlossen sein, und in den letzten paar Monaten hat Yvette von ihm nicht viel mehr geboten bekommen als ein gelegentliches enigmatisches Lächeln und halb erzieherische Gesten wie etwa die versuchte Einführung in die Welt des Weins. Als Paar haben sie nie etwas geteilt außer der zeitweiligen Zweckmäßigkeit ihres einstigen Ehebettes, und wie attraktiv er sie auch finden mag, weiß er doch sehr wohl, dass ihre Beziehung keinerlei Substanz hat. Er befürchtet, der Wein könnte ihr zu trocken sein, aber sie nimmt einen weiteren Schluck und scheint darauf zu warten, dass er etwas sagt. Sie können nicht einmal gemeinsam Musik hören, denn sie kann seine Leidenschaft für Stevie Wonder und die amerikanische Soulmusik der Siebziger im Allgemeinen ebenso wenig nachvollziehen wie er ihre Begeisterung für nordenglische Independent-Bands, insbesondere die Arctic Monkeys. Sobald klar war, dass Fernsehen nicht ging, hat sie es tatsächlich mit Musik probiert, aber warum sich jemand frei- willig den hirnlosen Text eines Songs namens „Balaclava“ oder eine disharmonische Kakofonie mit dem hanebüchenen Titel „Fluorescent Adolescent“ antun sollte, war ihm schleierhaft. Als er endlich sein Missfallen äußerte, zuckte sie lediglich die Achseln und schaltete den CD-Player aus. Seitdem hat sie nie wieder vorgeschlagen, sie könnten sich Musik anhören – was er mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Schuldgefühlen quittiert. Er hat versucht, ihr die gesellschaftliche Relevanz von Soulmusik auseinanderzusetzen, und ihr seinen Wunsch gestanden, eines Tages ein Buch über Musik zu schreiben, aber er hat schnell erkannt, dass ihr Gespräch durch die unbestreitbare Tatsache, dass die Musik, von der er Yvette vorschwärmte, noch vor ihrer Geburt aufgenommen worden war, entschieden einseitig und irgendwie unangemessen war. Indie-Bands oder Hip-Hopper mit akronymischen Namen stellen für ihn keine neue Generation von Musik dar, sondern sind Ausdruck eines allgemeinen kulturellen Unbehagens. Und da dem so ist, haben sie sich angewöhnt, schweigend auf den Barhockern aus verchromtem Stahl zu hocken und ihren warmen Weißwein zu trinken, bis er wieder von ihr hinauskomplimentiert wird.

„Also“, setzt er an, „ich bin mir nicht sicher, ob wir uns weiterhin treffen sollten.“

Yvette stellt ihr Weinglas hin, wobei sie darauf achtet, dass es genau in der Mitte des kreisförmigen Holzuntersetzers steht, von dem sie annimmt, dass er die Arbeitsfläche ihrer Küche schont. Er wartet nicht ab, dass sie etwas sagt, sondern fährt mit seiner unvorbereiteten Rede fort.

„Ich möchte nicht, dass es für dich oder für mich kompliziert wird, und um ehrlich zu sein, habe ich das Gefühl, dass wir entweder den nächsten Schritt machen oder aber die Tatsache akzeptieren sollten, dass wir miteinander nicht weiterkommen. Verstehst du, was ich meine?“

„Was meinst du mit ‚dem nächsten Schritt‛?“ Yvette streicht mit der Zunge über die ganze Länge ihrer Unterlippe und starrt ihn an.

„Nein, es ist bloß, dass, na ja, zunächst einmal arbeitest du für mich. Oder mit mir in einem Büro. Wie auch immer, du weißt, was ich meine. Und dann haben wir so viel wirklich nicht gemeinsam, oder? Verglichen mit dir bin ich ein ziemlicher Langweiler. Ich kann doch nicht mit dir nach Spanien in irgendeinen Club 18-30 fahren oder zu einer Saufparty auf den Kanaren.“

„Du machst dir Gedanken wegen des Altersunterschieds? Ist es das?“

„Yvette, das ist ein Aspekt davon. Ich versuche einfach, das Ganze vernünftig zu betrachten. Ich mag keine Unklarheiten, und deswegen glaube ich, dass es am besten ist, ehrlich zu sein.“

„Und was ist mit meinen Gefühlen? Wenn du das Gefühl hast, es ist nicht okay, ist das eine Sache, aber wie wär’s, wenn man gemeinsam versuchen würde, es wieder hinzukriegen? Wir könnten doch sagen, ‚Okay, es ist nicht vollkommen‛, und dann einfach versuchen, es auf die Reihe zu bringen – oder willst du einfach aussteigen?“

Er macht Anstalten, ihr Wein nachzuschenken, aber ohne die Augen von seinem Gesicht abzuwenden, legt Yvette die Hand auf ihr Glas. Er hält inne, unsicher, ob er dieses Beisammensein dadurch verlängern soll, dass er noch etwas trinkt. Mit gesenktem Blick betrachtet er das kanariengelbe und weiße Flaschenetikett, und dann gießt er sich ein bisschen nach.

©DVA©

Literaturangabe:

PHILLIPS, CARYL: Jener Tag im Winter. DVA, München 2011. 368 S. 21,99 €.

Weblink:

DVA


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