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Stimmen einer schweigenden Generation

© Die Berliner Literaturkritik, 12.04.10

MÜNCHEN (BLK) –Im Droemer Verlag erscheint im Oktober das neue Buch der chinesischen Schriftstellerin Xinran „Gerettete Worte“ in deutscher Übersetzung.

Klappentext: China – wem kommt da nicht das Bild von Menschenmassen in den Sinn? Doch dieses Volk, weiß Xinran, ist der wahre Schatz des riesigen Landes. Zum ersten Mal kommt nun die ältere Generation zu Wort und die einfachen Leute auf der Straße. Ein Taxifahrer, ein Kräuterweib und sogar ein Bandit erzählen Xinran von den Umwälzungen, mit denen sie fertig werden mussten, von Verfolgung, Revolution und Verwestlichung. Geschichten, die China aus einem neuen Blickwinkel zeigen.

Xinran Xue wurde 1958 in Beijing geboren. Ihre Eltern waren Militäroffiziere und wurden als „reaktionär“ verfolgt. Von 1989 an arbeitete sie als Radiomreporterin, bis sie 1997 verließ ihre Heimat verließ. Seitdem lebt mit Mann und in London. Ihr Erstlingswerk „Verborgene Stimmen“, dass die harte Lebensweise und traurigen Schicksale einfacher Chinesinnen publik machte, wurde in 33 Sprachen übersetzt. (kum)

Leseprobe:

©Droemer©

Für mich war die Arbeit an „China Witness“ eine Reise durch die Erfahrungen der Generation meiner Eltern; meine Interviewpartner aber durchlebten, indem sie ihre Erinnerungen hervorholten und auffrischten, einen Prozess der Selbstfindung. Während ich mir überlegte, welche Fragen ich stellen sollte, mussten sie sich Gedanken über die Antworten machen – Gedanken darüber, wie das in vielerlei Hinsicht so leidvolle und traumatische zwanzigste Jahrhundert zu beschreiben wäre. Es fällt Chinesen nicht leicht, ihre wahren Ansichten und Gefühle offen und öffentlich auszusprechen. Aber genau darum ging es mir bei meinen Aufzeichnungen: um die emotionalen Reaktionen auf die dramatischen Veränderungen im vergangenen Jahrhundert. Meine Interviewpartner sollten Zeugnis über die chinesische Geschichte ablegen. Viele Chinesen würden dies für ein törichtes, ja sogar aberwitziges Unterfangen halten – nur die wenigsten im heutigen China glauben, dass man ihre Landsleute dazu bringen kann, die Wahrheit zu sagen. Aber ich habe es mir nun einmal in den Kopf gesetzt und will davon nicht abrücken: Ich kann nicht glauben, dass alle Chinesen die Wahrheit über ihr Leben mit ins Grab nehmen.

Warum fällt es Chinesen so schwer, offen über sich zu reden?

„Das Prinzip der Sippenhaftung spielte im alten chinesischen Rechtswesen eine sehr große Rolle“, so Professor Gao Mingxuan, Experte für chinesisches Strafrecht. „Schon im zweiten vorchristlichen Jahrtausend wurde die Familie eines Verbrechers ebenso streng bestraft wie der Täter selbst – ein Prinzip, das in den darauf folgenden tausend Jahren immer größeren Einfluss auf das Rechtssystem gewann. Sima Qian schrieb in seiner um das Jahr 100 v. Chr. verfassten kanonischen Geschichte Chinas: Nach der von Shang Yang [ca. 350 v. Chr.] angeordneten Rechtsreform wurde die Bevölkerung in Einheiten von fünf bzw. zehn Familien eingeteilt, die sich gegenseitig überwachten und vor dem Gesetz für das Verhalten der jeweils anderen hafteten. Beging ein Mitglied einer Familie ein Verbrechen, wurden die anderen Familien der entsprechenden Einheit in Sippenhaftung genommen. Während der Qin-Dynastie (221-206 v.Chr.) fand dieses Prinzip nicht nur auf kommunaler Ebene, sondern auch innerhalb der Armee und des Staatsapparats Anwendung. Bei kleineren Vergehen wurde die Familie des Straftäters bis zum dritten, vierten oder fünften Bekanntschaftsgrad vernichtet, bei schweren Verbrechen bis zum neunten oder zehnten. Über den Wert dieses Strafrechtsprinzips wurde in der Kaiserzeit zwar immer wieder debattiert, es blieb jedoch bis nach dem Ende der Ming- und Qing-Dynastie (1368-1911) eine tragende Säule der chinesischen Rechtsprechung.“

China ist allerdings nicht das einzige Land, in dem der Grundsatz der kollektiven Verantwortung im Strafrecht galt. So führte beispielsweise Ludwig XIV. im Jahr 1670 genau dasselbe Prinzip in das französische Strafrecht ein: Ganze Familien – auch die Kinder und Geisteskranken – wurden wegen eines von einem Einzelnen begangenen Verbrechens getötet. In manchen Fällen wurden ganze Dörfer verurteilt und selbst noch die Toten posthum mit Schande belegt.

Durch das tief in der Geschichte wurzelnde Prinzip der Sippenhaftung entstand in China die feste Tradition der Loyalität gegenüber dem Clan; aufgrund dieser Tradition wiederum haben die Chinesen starke Hemmungen, sich freimütig zu äußern – aus Angst, andere „mit hineinzuziehen“.

©Droemer©

Literaturangabe:

XINRAN: Gerettete Worte. Stimmen einer schweigenden Generation. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger. Droemer Verlag, München 2009. 624 S., 19,95 €.

Weblink:

Droemer

 


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