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West-Berliner Alltag in Zeiten des Kalten Krieges

ZeitzeugInnen des Berlins der 60er- und 70er-Jahre berichten

© Die Berliner Literaturkritik, 08.10.11

Jenny Schon (Hg): Wo sich Gott und die Welt traf. West-Berlin: Zum 50. Jahrestag - 13. August 1961. Zeitzeugen erinnern sich der ersten Jahre nach dem Mauerbau. Geest Verlag, Vechta 2011, 296 Seiten, 12,50 Euro.

Von Anna Gerstlacher

An Betrachtungen, Erinnerungen, Kommentaren und Buchveröffentlichungen anlässlich des 50. Jahrestags des Baus der Berliner Mauer hat es nicht gemangelt. Aus dieser Fülle der Veröffentlichungen weicht eine Neuerscheinung ab, die nicht den Mauerbau, sondern das Leben der Neu-WestberlinerInnen in den 60er Jahren  - also nach dem Mauerbau - ins Blickfeld rückt.

25 ZeitzeugInnen lässt die Herausgeberin Jenny Schon zu Wort kommen, deren gemeinsamer Bezugspunkt darin liegt, dass sie vor fast 50 Jahren einem Aufruf von Regierung, Gewerkschaften und Jugendverbänden nach FacharbeiterInnen für West-Berlin folgten. Damals ging es darum, circa 60.000 Stellen zu besetzen, die nach dem 13. August 1961 durch das Ausbleiben der Arbeitskräfte aus dem Ostteil durch den Mauerbau im Westteil der Stadt vakant geworden waren. Die jungen Fachkräfte verpflichteten sich zunächst für ein Jahr, erhielten Heimflüge und ein Überbrückungsgeld.

„Junge Frauen nach Berlin zu holen, ist für alle ein heißes Eisen. Nicht zu Unrecht haben viele Eltern Bedenken, ihre Töchter allein in die große Stadt zu schicken“, berichtete 1962 die „Welt am Sonntag“. Sie kamen trotzdem. So auch die Jenny Schon.

In mehreren Prosa- und Lyrik-Beiträgen stellt die Herausgeberin dieses Buches ihre eigene Entscheidung vor, sich vom Rheinland aus in den „Kalten Krieg“ der geteilten Stadt zu begeben. Angeworben als Steuergehilfin, sattelt sie um auf Buchhändlerin und hat ab 1968 eine eigene Buchhandlung in der studentenbewegten Zeit. Sie macht auf dem Zweiten Bildungsweg das Abitur und studiert Sinologie und Publizistik an der Freien Universität Berlin.

Aus allen Teilen Westdeutschlands kamen sie: Angestellte, KünstlerInnen, StudentInnen, Wehrdienstverweigerer, AussteigerInnen und Ost-Flüchtlinge. Sie alle wagten einen Neuanfang und arrangierten sich mit der immer noch vom Krieg gezeichneten Halbstadt. Hinter bröckelnden Wänden backten nicht nur Mitte der 60er-Jahre die ersten Pizzeria-Köche ihr italienisches Essen, auch die erste Männer-WG puzzelte sich zusammen und die politischen Zirkel um den SDS formierten sich.

Kleinteilige Erinnerungen an die Wahlheimat beschreiben die neuen Arbeitsstätten, Bekanntschaften und Alltagserlebnisse. Für einen Großteil der Neuen schien das Leben sich unkompliziert und reibungslos zu ergeben, sie fanden Partner und führten ein bürgerliches Leben trotz der Bedrohungen von außen.

Und immer wieder Besuche in den Ostteil der Stadt, voll gepackt mit Westprodukten, weil nur die Westdeutschen und Ausländer mit ihren Pässen „rüberdürfen“.  Es sind die Neuankömmlinge, die Kurierdienste leisten, der Ost-Verwandtschaft die heiß ersehnten Geschenke bringen, die Kontakte aufrechterhalten; erst Weihnachten 1963 wird auch den West-BerlinerInnen für vierzehn Tage die Besuchserlaubnis in die DDR erteilt, bis zum Berlin-Abkommen 1971 beschränkt sich die Besuchserlaubnis wie diese auf einige wenige Ausnahmen.

Durch die Lektüre der einzelnen Geschichten wird klar, dass die frühen Neu-WestberlinerInnen nicht nur die WegbereiterInnen waren für alle, die später nach West-Berlin kamen, sondern auch mitgeholfen haben, den Ruin der eingemauerten Halbstadt zu verhindern. Rückblickend lässt sich sagen, dass durch ihre Arbeit der Grundstein für „West-Berlin als Schaufenster des Westens“, für die „Insel der Glückseligen“ und für alternative Lebensweisen gelegt wurde. Durch ihre Zähigkeit und ihr Durchhaltevermögen trugen auch sie zur Überwindung der Mauer und zum Zusammenbruch eines maroden Systems bei.

Allen Geschichten gemeinsam ist die Erfahrung der unmittelbaren

Konfrontation mit der für Berlin charakteristischen schnörkellosen Direktheit sowie einer ungeschminkten schonungslosen Realität – auch die der Mauer. Es waren schnell- und leichtlebige Zeiten, die 60er Jahre im Westteil der Stadt. Unprätentiös wurde die Arbeitsstelle, aber auch die Partnerschaft gewechselt. Das Leben hinter der Mauer bekam eine eigene Sprache, eine eigene Dynamik: „West-Berlin war keine Stadt, sondern ein Zustand“.

Im Vorwort schreibt Thomas Krüger, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung: „Bis 1961 waren lediglich 600 Westdeutsche tatsächlich in West-Berlin eingetroffen. Darunter auch Jenny Schon. Sie blieb bis heute. Faszinierende Geschichten hat sie in diesem Buch versammelt. Schon und andere haben die Halbstadt zu dem gemacht, was sie fast drei Jahrzehnte war: eine glitzernde Insel, Zufluchtsort, ja, ein Mythos – nicht nur für Wehrdienstunwillige oder Aussteiger. Sie trotzten der widernatürlichen Teilung der gewachsenen Stadt. Im November 1989 wurden sie mit der historischen Stunde belohnt und begrüßten die mutigen Ost-Berliner an der Bornholmer Straße, an der Sonnenallee und natürlich auf dem Kurfürstendamm. Berlin war wieder Berlin.“

Leider war der Regierende Bürgermeister von Berlin im Wahljahr nicht zu einem Geleitwort zu bewegen. Damit bleibt der für die Nachkriegsgeschichte Berlins wichtige Band ohne offiziellen Segen. Umsomehr ist es Verdienst der Herausgeberin, die Anfangsjahre und den Alltag in der geteilten Stadt mosaikartig zu einem dokumentarischen Patchwork-Teppich zusammengewebt zu haben. Nur noch gelegentlich blitzen 50 Jahre danach dessen fragmentarische Überreste in der globalisierten Moderne des 21. Jahrhunderts auf.


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