BERLIN / GIESSEN (BLK) – Dietmar Koester, Jurist aus Gießen, wandte sich aufgrund der öffentlichen Diskussion zu Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ in einem Leserbrief zu Wort. Er warnt vor der Lektüre und meint, es werde in dem Buch „ein gesicherten Fakten nicht entsprechendes Bild des Nationalsozialismus gezeichnet“.
Der Leserbrief:
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
während der im Sommer des letzten Jahres erschienene Roman „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell in Frankreich mit sehr viel Lob als literarisches Jahrhundertwerk bedacht wurde, wird das Buch hierzu Lande kontrovers diskutiert.
Zu Recht, denn mit der Figur des SS-Mannes Max Aue wird Geschichte nicht etwa aus der Sicht eines außenstehenden Chronisten oder gar der Opfer der NS-Gewaltherrschaft erzählt, sondern vielmehr aus der Perspektive der Täter. Allein das jedoch ist noch nicht von ausschlaggebender Bedeutung. Jedenfalls dann nicht, solange literarisches Schaffen im Focus historischer Verantwortung steht.
Die Darstellung Littells scheint sich in diesen Rahmen nicht einzufügen: Denn die Erzählung orientiert sich weitestgehend nicht an historischen Fakten, sondern an fiktiven Geschehensabläufen, die auf über eintausend Seiten in emotional übersteigerter Form – bis hin ins Pornografische – abgleitend präsentiert werden. Damit aber bleibt dem Leser, der sich über weite Passagen des Buches dem Autor anvertraut, die Möglichkeit zu einer sachgerechten Aufarbeitung der NS-Zeit verschlossen. Und so stellt sich zudem die Frage, ob nicht eben diese Art der Schilderung die Gefahr in sich birgt, das Verhältnis zu der Bedeutung der NS-Verbrechen zu relativieren.
Im Ergebnis wird man diese Frage nach der Lektüre des Romans leider mit ja beantworten müssen: Die völlig überzogene Darstellung der Erlebnisse des homosexuellen SS-Offiziers führt letztlich für den Autor zu dem Ergebnis, dass Täter - und Opferrollen quasi beliebig austauschbar seien. Das aber steht in sehr krassem Widerspruch zu den historischen Fakten: Wer Opfer sein sollte, war bereits sehr früh durch die nationalsozialistischen Ideologie festgelegt worden. Die Rollenverteilung entstand dagegen nicht etwa spontan, wie Littell es den Leser glauben machen möchte.
Insgesamt wird man vor der Lektüre dieses Romans warnen müssen. Es wird ein gesicherten Fakten nicht entsprechendes Bild des Nationalsozialismus gezeichnet.
Dietmar Koester, Jurist, Gießen
Literaturangaben:
LITTELL, JONATHAN: Die Wohlgesinnten. Roman. Aus dem Französischen von Hainer Kober. Berlin Verlag, Berlin 2008. 1408 S., 36 €.