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Walter Kohl glaubt an Versöhnung

Der „Leben oder gelebt werden“ Autor im Gespräch

© Die Berliner Literaturkritik, 30.03.11

Gespräch: Nada Weigelt

BERLIN (BLK) - Walter Kohl (43), der ältere Sohn von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl (80), hat mit seinem Buch „Leben oder gelebt werden“ Diskussionen ausgelöst. Sind diese Lebenserinnerungen eine Abrechnung mit dem übermächtigen Vater oder - wie es im Untertitel heißt - „Schritte auf dem Weg zur Versöhnung“? Seit Wochen steht das Buch auf den obersten Plätzen der Bestsellerlisten. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa sagt der Harvard-Absolvent und Unternehmer, warum er das Buch geschrieben hat und was er sich davon erhofft.

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War Ihr Vater einverstanden, dass Sie ein Buch über Ihr Leben schreiben?

Kohl: „Er wusste, dass ich das Buch schreibe, und es gab nie einen Widerspruch.“

Haben Sie darüber gesprochen?

Kohl: „Es war ja bekannt. Das Buch war zwei Jahre im Internet angekündigt. Es sollte ursprünglich schon 2009 erscheinen. Aber es hat dann doch länger gebraucht, weil es ein sehr viel intensiverer und tieferer Schreibprozess war, als ich es mir zunächst vorgestellt hatte.“

Was hat Sie bewogen, Ihre Geschichte zu schreiben?

Kohl: „Nach der Parteispendenaffäre und dem Freitod meiner Mutter bin ich 2002/2003 in eine schwere persönliche Krise geraten. Ich stand vor der Entscheidung, ihren Weg zu gehen oder mich meiner eigenen Vergangenheit zu stellen. Bis dahin hatte ich immer versucht, den Dingen durch eine Flucht nach vorn auszuweichen: Ich bin nach Amerika gegangen, ich habe viel im Ausland gearbeitet. Aber seit der Wiedervereinigung war das Thema global. Selbst in einem buddhistischen Kloster in Asien haben mich die Leute auf meinen Vater angesprochen.“

„Seine wahre Familie heißt CDU, nicht Kohl“, schreiben Sie in Ihrem Buch. Was meinen Sie damit?

Kohl: „Als Politiker muss man 365 Tage lang 24 Stunden öffentlich verfügbar sein - das muss man können und wollen. Ständig gab es Wahlkampf, Terrorismus, andere Prioritäten - und wir Kinder standen auf der Bühne. Die Belastungen haben in der Summe der Jahre dazu geführt, dass man in unterschiedlichen Welten lebte."

Was hat Sie besonders belastet?

Kohl: „Am schwierigsten für mich war das Leben als anderer unter Gleichen. Einerseits wollte ich "der ganz normale Walter" sein, andererseits war ich immer wieder als "Sohn vom Kohl" Projektionsfläche für Angriffe, die eigentlich meinem Vater galten. Dieses Leben in zwei Welten hat mich jahrelang sehr belastet und zu großer innerer Sprachlosigkeit und Einsamkeit geführt."

Sie hätten sich die Dinge von der Seele schreiben und das Buch in die Schublade legen können. Warum haben Sie das nicht getan?

Kohl: „Das war mein ursprünglicher Ansatz, aber durch Vorträge, die ich zum Thema Versöhnung hielt, wurde ich ermutigt: Veröffentliche deine Gedanken, du hast eine Botschaft! Deshalb finde ich es auch konsequent, diese Dinge den Lesern zur Abstimmung freizugeben: Hat das Buch einen eigenen Wert oder schreibt sich da der "Sohn vom Kohl" irgendwelchen Frust von der Seele? Das Feedback, das ich bekomme, ist ganz überwiegend positiv. Die Leser erkennen, da ist jemand, der mit seinem Leben gerungen hat und dieses Ringen so darstellt, dass es anderen Menschen Inspiration geben kann. Und wenn ich dieses Ziel erreiche, bin ich glücklich.“

Hätten Sie einen so großen Erfolg erwartet?

Kohl: „Ich bin völlig überrascht und im positiven Sinn überwältigt von der Resonanz. Als ich das Manuskript im November zum Druck freigegeben habe, war ich noch sehr hin- und hergerissen, ob das alles verstanden wird. Aber schon nach ganz wenigen Tagen gab es die ersten Rückmeldungen von Menschen, die gesagt haben: Herr Kohl, das war mutig, das ist ohne Anklage und es ist hilfreich. Und damit verlasse ich ganz automatisch diesen sogenannten Schatten des Vaters, weil ich meine eigene Position, meine eigene Aussage entwickelt habe.“

Versöhnung ist immer ein wechselseitiger Prozess. Glauben Sie, dass Ihr Vater das Buch so sehen kann?

Kohl: „Für mich ist Versöhnung zunächst mal ein individueller, persönlicher Prozess. Denn ich glaube, dass Versöhnung ein anderes Wort dafür ist, seinen inneren Frieden zu finden. Und diesen Frieden muss ich unabhängig von anderen Menschen finden, sonst bin ich fremdbestimmt. Wenn sich zwei streiten und einer verweigert sich jeder Klärung, muss ich trotzdem meinen Frieden damit schließen können.“

Aber Sie brauchen den anderen doch dazu?

Kohl: „Im zweiten Schritt geht es natürlich auch um den wechselseitigen Prozess. Und da glaube ich ganz sicher, dass dieses Buch langfristig Versöhnung bringen wird. Denn es heißt ja nicht umsonst: Wasser gewinnt gegen Stein. Einer wirklichen Versöhnung wird sich niemand auf Dauer entziehen können. Aber wir brauchen Zeit und Ruhe. Durch die Publikation des Buches hat es jetzt erstmal viel Bewegung gegeben. Aber mit der Zeit werden sich die Dinge schon entwickeln.“


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