Verleger schauen zumeist völlig verschreckt, bietet man ihnen Lyrik an. Hier stellt sich die Frage, wer zu erst nicht da war: das Publikum oder der Markt dafür. Außer einem überschaubaren Kreis von Junglyrikern kann man in Deutschland leider nicht wirklich von einer gewachsenen Lyrik-Szene sprechen: Gedichte sind einfach nicht populär. Umso erfreulicher: der Band „Makellos“, der der stiefmütterlichen Gattung alle Ehre macht.
„Makellos“ ist ein schmales Lyrik-Bändchen im Quartformat. Unter dem transparent roten Umschlag winden sich ornamentale Strukturen, die sich bei umseitiger Betrachtung als (Herz-)Gefäße erweisen. Dabei handelt es sich nicht, wie man meinen könnte, um einen lange auf einem Dachboden verschollenen Benn-Band. Nein, Autor dieser Lyrik-Sammlung ist der junge Berliner Poet Tom Bresemann. Der eine oder andere umtriebige Berliner Literaturfreund wird diesen Namen schon gehört haben. Schließlich hat sich Bresemann, Jahrgang 1978, als Mitbegründer der S3-Literaturwerke einen Namen gemacht, die Lesungen und literarische Veranstaltungen organisieren.
Der Gedichtband ist in vier Kapitel untergliedert. Auffällig daran ist vor allem das letzte Kapitel, das aus gerade Mal einem einzigen Gedicht besteht. Irritierend daran ist vor allem, dass den Kapitelblöcken mittels Linien Stellen eines gezeichneten Herzens zugeordnet sind. Das Prinzip Bresemann ist damit eingeführt – er stellt dem Leser Systematisierungsangebote bereit, die permanent zu dem Ärgernis führen, durch standardisierte Konditionierung genau darauf herein gefallen zu sein. Er verführt das permanent Sinn produzierende Hirn dazu eben dies zu tun und straft es mit Un-Sinn. Hilfreich für die weitere Lektüre ist das dem Band nachgestellte Zitat von Nicolas Born: „Dies Alles ist der Beweis für etwas Anderes“.
Gegenstand der Bresemannschen Lyrik sind ganz alltägliche Dinge: der Morgen, an dem man besser im Bett geblieben wäre [der tag beginnt mit beschissen grinsenden fressen], der Adventseinkauf, der selten so harmonisch ist wie der Klang dieses Wortes [fristgerecht geplünderte strümpfe], die Angst vor dem sozialen Abstieg, vor stigmatisierender Arbeitslosigkeit [im ranking unten durch zu sein, ist wenigstens position], das Herumliegen mit Freunden [An einem ganz normalen und geradezu leer vor sich hinlaufenden Nachmittag, in einem ganz normal und geradezu leer vor sich hinliegenden Park].
Der thematische Topos „Alltag“ lässt den Band aber keineswegs zu einer Banalitätensammlung schrumpfen. Neben schönen Augenblicken, die man nur allzu oft übersieht, handelt diese Lyrik von ernüchternden und beängstigenden Aspekten, die nur allzu gerne verdräng werden. Es geht um einen Alltag voller (Wort)abfälle, Schadstoffbelastung, Kontoauszüge, Statistik: [Überall alarmierende sicherheitslücken] und [im kühlschrank krebs].
Vor allem ein Utensil des bundesdeutschen Alltags findet viel Beachtung: der Fernseher. Er ist in Bresemanns Beschreibungen ein fester Bestandteil von Dir, von Deinem Leben, der Gesellschaft, in der Du lebst, sogar [der frühling ist ein videoclip]. Das wäre die harmlose Lesart, die treffendere Teil-Ganzes-Beschreibung ist: Du bist fester Bestandteil Deines Fernsehers, dessen Leben Du wie ein roter Faden durchziehst, aber [soviel du auch zappst, es ändert nichts]. Die irreal reale Messlatte einer Mattscheibengesellschaft: [die news spritzen ab].
Aber was in Form von News oder Tages-Top-Themen als seriöse und offizielle Meinungs-Bildung daher kommt, wird hier als relevanz- und informationslos enttarnt: [Sweety hängt vom ast und Saddam Hussein hat einen gewaltigen schnupfen], [im fernsehn kopuliert Shakira mit einem stuhl]. Bresemann findet dafür das wunderschöne Wort [amateurinfotainment], innerhalb dessen ein Mehr an Intensität zwar unaufhörlich angestrebt wird, das dann aber doch immer nur in einem Mehr an Absurdität gipfelt [der stuhl ist durch, jetzt kommt der tisch].
Selbst solche Statements kommen ohne explizit moralischen Imperativ aus. Eben das mag dem ein oder anderen fehlen: die Wut, das Unverständnis gegenüber dem Beschriebenen oder wenigstens die entsprechende Distanzierung. Doch gerade die fehlende zynisch hochgezogene Augenbraue, der fehlende erhobene Zeigefinger, die Absurdität als nicht kommentierungswürdiger Normalzustand, hinterlassen Nachdenklichkeit.
Unter dem Skalpell des Dichters liegen allerdings nicht nur die neuen Medien, sondern dort befindet sich auch des Dichters Medium schlechthin: die Sprache. So entsteht ein merkwürdiger Effekt, wenn Bresemann nicht müde wird, sein Misstrauen gegenüber Sprache zu äußern, was letztlich auch seine eigenen Zeilen sympathisch relativiert: [Und scheiße schmeckt auch nicht schlechter, als jedes andere wort]. Das geschieht, ohne scheinbar verstehbare Informationen zu übermitteln: [nur ein haufen unnützer worte, Selbst zitate: genüsslich dampfen sie im licht].
Bresemanns Kritik an den Verhältnissen ist subtil – und vor allem poetisch. Mit viel Fingerspitzengefühl für sprachliche Augenwischerei und Unwörter legt er in seinen Gedichten Lesarten von Wörtern frei, die im gängigen Sprachgebrauch untergegangen oder nie aufgetaucht sind. Beispiel: [das angebot aufrecht erhalten. bis endlich jemand zuschlägt.].
Es mischen sich religiöse, politische, links-plakative und Alltags(un)sprachen in schnörkellosen Zeilen und stellen sich selbst zur Schau. Und Wortspiele rechnen mit Phrasen ab, demaskieren im Fall von [proletologische grenzen der agitation] oder [sag mal trägst du die schultern kürzer als sonst?]. Die scheinbar so formlosen Zeilen erweisen sich als wohlüberlegte und -konstruierte Wort- und Phrasendiffamierungen.
Leider leiden die Gedichte an einigen wenigen Stellen unter zu viel Konstruktion und Künstlichkeit, werden Bild und Protest in Alliterationen erstickt, etwa wenn es so daherkommt: [im kopf michaels milchigen körper]. Die gelegentlichen Binnenreime, vor allem aber die unzähligen Neologismen und Wortspiele, bewegen sich auf einer dünnen Grenze zwischen Charme und Phrase, wenn es heißt [jetzt rotzen glatzen] oder [gelegenheiten als geschlechtsreife leistung].
Es ließe sich noch viel über Bresemanns Gedichtband „Makellos“ schreiben. Form und Inhalt bieten jede Menge Andockmöglichkeiten. Vor allem das Gedicht, das dem Band seinen Namen gegeben hat, macht Lust auf mehr. Der Textfluss, unterbrochen und durchzogen von einem Subtextfluss (der zum Haupttext wird) und Gliederungselementen, die der Musik entlehnt sind [repeat ’til fade], entzieht sich elegant jeglichen Zwangsläufigkeiten.
Bresemann findet in seinem Gedicht „Einfach“ die treffendste Charakterisierung für diesen Band: [die rückseite Einer offenen rechnung, Auf die man ein gedicht schreibt]. Dieses Gedicht erscheint als relevanter Realismus, und scheint selbst auf der Rückseite einer solchen offenen Rechnung entstanden zu sein. Es schließt mit der Erkenntnis, dass jeder doch nicht mehr ist als seine Selbstkonstruktion [als maulgeburt]. Das ist nicht neu, aber selten schön gesagt. Darauf folgend und noch schöner: [es kommt nicht darauf an, die welt zu erkennen irgendeiner muss sie dir auch abkaufen].
Da kann er beruhigt sein, der Poet aus Berlin, denn genau das kann ich mit gutem Gewissen empfehlen: Bresemann seine Welt abzukaufen.
Von Miriam Spies
Literaturangaben:
BRESEMANN, TOM: Makellos. Gedichte. Verlagshaus J. Frank, Berlin 2007. 60 S., 19,90 €.
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