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Von Königinnen und Kühen

Über das Leben einer niederländischen Familie

© Die Berliner Literaturkritik, 08.06.11

 BERLIN (BLK) – Bei Suhrkamp ist im Mai 2011 „Tage im Juni“ von dem niederländischen Schriftsteller Gerbrand Bakker erschienen. Aus dem Niederländischen übersetzt hat Andreas Ecke.

Klappentext: Die Königin kommt. Und das Dorf im nördlichsten Zipfel der Niederlande steht kopf. Familie Kaan ist mittendrin im Trubel dieses Junitages 1969: Zwei der Söhne schwenken Fähnchen vor dem Gemeindehaus, und der kleinen Tochter auf dem Arm ihrer Mutter Anna streicht Königin Juliana höchstpersönlich über die Wange. Vierzig Jahre später ist es ruhig geworden auf dem Hof der Kaans. Vieh gibt es außer einem letzten Stier keines mehr. Und daß Altbäuerin Anna sich regelmäßig mit einer Flasche Eierlikör und ihrer Seelenlast auf den Heuboden zurückzieht, wird stillschweigend akzeptiert. Nur die fünfjährige Dieke wundert sich. Was vor vierzig Jahren dem Leben ihrer Familie eine völlig andere Richtung gegeben hat, offenbart sich erst nach und nach.

Der 1962 in Wieringerwaard geborene Gerbrand Bakker studierte Niederländische Philologie in Amsterdam und war zunächst als Untertitelübersetzer für Naturfilme tätig. Für seinen Debütroman „Oben ist es still“ wurde er mehrfach ausgezeichnet. In Deutschland erschien auch sein Roman „Birnbäume blühen weiß“. Beide wurden ebenfalls von Suhrkamp herausgegeben.

 

Leseprobe:

©Suhrkamp©

 

STOFF FÜR SCHLAGZEILEN

„Gleich kommt Slootdorp“, sagt der Chauffeur. „Dort übernimmt Sie ein neuer Bürgermeister.“

Sie schaut hinaus. Rechts und links breite Streifen Weide und Ackerland, deren Ende nicht zu sehen ist. Hier und da ein klobiger Bauernhof mit rotem Ziegeldach. Zum Glück regnet es nicht. Rechts wird ihr die Sicht teilweise von C.E.B. Roëll versperrt, die in ihren Papieren liest; bestimmt irgend etwas über das Dorf, zu dem sie unterwegs sind. Sie zieht die Handschuhe aus, legt sie sich auf den Schoß und klappt den Aschenbecher auf. Roëll seufzt. Einfach ignorieren. Noch nicht einmal das halbe Pensum, und es kommt ihr so vor, als wäre schon viel mehr als die Hälfte des Tages vorbei. Während sie ihre Zigarette anzündet und tief inhaliert, sieht sie im Rückspiegel die Augen des Chauffeurs aufleuchten. Sie weiß, daß er sich auch gerne eine anzünden würde, und wenn Roëll nicht im Wagen säße, hätte er es auch schon getan.

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  Nach einem recht frühen Start in Soestdijk haben sie den Vormittag auf der ehemaligen Insel Wieringen verbracht. Wo man den unverzeihlichen Fehler begangen hat, ihr als ersten Programmpunkt einen Tisch voller Krabben zu präsentieren. Um elf Uhr vormittags. Eigentlich hatte man schon vorher keine so glückliche Hand. Der Bürgermeister der ehemaligen Insel ließ ihr die Blumen von seinen beiden Töchtern überreichen, während seine Frau so tat, als würde sie die Kinder oben auf dem Hafendeich einfach nicht sehen. Anschließend wieder Schulkinder und Senioren. Immer Schulkinder und Senioren. Na gut, es ist auch ein Dienstag, ein normaler Werktag. Im Rathaus fand ihr zu Ehren eine Sondersitzung des Gemeinderats statt. Von der Ansprache des Bürgermeisters hat sie nicht allzuviel mitbekommen, weil sie schon an den Abend dachte, an die Piet Hein, und als sie gedankenverloren einen Schluck Kaffee nahm, schmeckte der in etwa wie die Worte des Bürgermeisters. Dort ist auch diese Frau aufgetaucht, die den Auftrag hat, einen Bronzekopf von ihr anzufertigen.

  „Wie heißt noch die Nonne?“ fragt sie.

  „Jezuolda Kwanten. Keine Nonne, eine Schwester.“ Roëll blickt nicht von ihrer Lektüre auf. Gleich kommt sicher ein kleines Exposé.

  Jezuolda Kwanten, aus Tilburg, die fast eine halbe Stunde lang eingehend ihre Gesichtszüge studiert und hin und wieder etwas auf einem großen gelblichen Blatt Papier skizziert hat. Was es noch schwerer machte, den Ausführungen des Bürgermeisters zu folgen. Sie sitzt jetzt in dem Wagen hinter ihnen, zusammen mit Beelaerts van Blokland und van der Hoeven. Wäre es nicht anders gegangen? fragt sie sich. Roëll im zweiten Wagen, und van der Hoeven in meinem? Der raucht auch. Jezuolda Kwanten wird bei allen Festlichkeiten dabei sein, wird sie den ganzen Tag ansehen, abtasten, skizzieren. Nicht nur heute, auch morgen. Sie drückt ihre Zigarette aus. Ein „Bronzekopf“. Dabei haßt sie es schon, fotografiert zu werden. Wenn es um „Kunst“ geht, wird auf nichts Rücksicht genommen.

  Sie erreichen ein Dorf, das ganz aus neuen Häusern besteht. Auffallend wenig Menschen sind auf der Straße, und kaum jemand hat eine Fahne herausgehängt.

  „Slootdorp“, sagt der Chauffeur.

  „Wie ist sein Name?“ fragt sie.

  „Omta“, antwortet Roëll.

  Vor einem Hotel, das Lely heißt, steht eine Gruppe von Wartenden. Ein Grüppchen. Hier keine Schulkinder und Senioren, keine Fähnchen, Bukette oder Krabben. Sie steigt aus, und der Mann mit der Amtskette reicht ihr die Hand.

  „Willkommen in der Gemeinde Wieringermeer“, sagt er.

  „Guten Morgen, Herr Omta“, sagt sie.

  „Sie fahren direkt weiter“, sagt er.

  „Das ist bedauerlich“, sagt sie.

  „Ich fahre bis zur Gemeindegrenze voraus. Dies ist übrigens

meine Gattin.“

Sie gibt der Frau des Bürgermeisters die Hand und steigt wieder ein. Na bitte. So wie dieser könnten sie von ihr aus alle sein. Kein Gerede, kein Getrödel, kein Blick, der ausdrückt: „Wieso verbringen Sie nicht in meiner Gemeinde ein paar Stunden.“ Aber hat er tatsächlich nicht „Majestät“ gesagt? Nicht einmal „gnädige Frau?“ Die Bürgermeistersfrau hat auch keine Worte verschwendet, nur einen kleinen Knicks gemacht. Wenn die ganze Gemeinde Wieringermeer so ist wie das, was sie davon gesehen hat, würde sie sich hier wirklich nicht stundenlang aufhalten wollen. Vielleicht nicht einmal aufhalten können. Omta ist in ein blaues Auto gestiegen, das jetzt langsam vor ihnen herfährt. Seine Frau bleibt vor dem Hotel zurück, ein bißchen verloren steht sie da. Der böige Juniwind zerzaust ihr die Frisur, eine Fahne über ihrem Kopf knattert.

  „1610“, liest Roëll vor. „Het Polderhuis, in dem wir den Lunch zu uns nehmen werden, stammt aus dem Jahre 1612. Vor allem die Viehzucht steht auf sehr hohem Niveau. Herdbuchvieh. Erwähnenswert ist der im weiten Umkreis bekannte Viehbestand von Fräulein A.G. Groneman; ihrem verstorbenen Onkel – hier stand Vater, aber das ist durchgestrichen und durch Onkel ersetzt – wurde für seine zahlreichen Verdienste auf diesem Gebiet durch königlichen Beschluß der Orden von Oranien-Nassau im Rang eines Ritters verliehen.“

  „Ist sie beim Mittagessen auch dabei?“

  Roëll nimmt ein anderes Blatt zur Hand und murmelt leise. Unter ihrem gelben Topfhütchen kommt ein graues Haarbüschel zum Vorschein. „Ja“, antwortet sie nach einer Weile.

  „Das wird bestimmt nett. Fräulein. Nicht verheiratet also.“ Roëll schaut sie kurz, aber durchdringend an.

  „Trink auch mal ein Gläschen“, sagt sie. „Statt mich so anzusehen.“ Draußen immer noch lange Streifen Weide- und Ackerland und klobige Bauernhöfe, einer genau wie der andere. Die Sonne scheint, es werden etwa zweiundzwanzig Grad sein. Angenehmes Wetter, wenn man dauernd aus- und einsteigen muß, nicht zu warm, nicht zu kalt, man braucht keinen Mantel. „Außerdem hab ich Kühe sehr gern“, fügt sie hinzu.

  Noch monatelang wird es hier so aussehen. Sicher, die Feldfrüchte wachsen und werden geerntet, aber trotzdem. Der Frühling ist und bleibt doch die schönste Jahreszeit. Wenn sich im Schloßgarten die Zwiebelpflanzen abwechseln. Schneeglöckchen zu Füßen der Buchen, Narzissen beiderseits der Zufahrt, die Schachblumen in der kleinen Rabatte beim Lieferanteneingang. Und etwas später natürlich die ersten Gartenwicken im Gewächshaus. Sobald die Bäume Blätter bekommen, wird es ziemlich langweilig, vor allem, seit die Töchter nicht mehr auf dem Rasen toben. Im Grunde gibt es nach dem Defilee nur noch wenig Reizvolles. Einförmigkeit, bis die ersten Herbstfarben da sind. „Sonst noch Erwähnenswertes?“

©Suhrkamp©

 

Literaturangabe:

BAKKER, GERBRAND: „Tage im Juni“. Übersetzt aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. suhrkamp taschenbuch 4251, Suhrkamp Verlag,  Berlin 2011. 303 S., 9,95 €.

Weblink:

Suhrkamp


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