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Von der Sprachlosen Kommunikation

Ein Versuch für die Sprachlosigkeit der Aphasie eine Form zu finden

© Die Berliner Literaturkritik, 09.05.11

Patrick Tschan: Keller fehlt ein Wort. Roman. Braumüller Literaturverlag, Wien 2011. 288 S., 21,90 €.

Von Angelo Algieri

Ein Mann – ein Wort. Doch was, wenn dem Mann das Wort fehlt? Einfach so – ohne Vorwarnung. Etwa das Wort Tasse. Mann ärgert sich – doch ist es mehr: seine Identität ist gefährdet. So beginnt der Roman „Keller fehlt ein Wort“ vom Schweizer Autor und Kolumnisten Patrick Tschan. Wenn es bloß bei diesem einen Wort geblieben wäre. Doch nach einem zweiten Hirnschlag – den ersten hat er nicht bemerkt –, werden dem 46-jährigen Protagonisten Ralph Keller viele Wörter nicht mehr einfallen. Diagnose: Aphasie. Von nun an kann er nur noch stammeln oder es kommen andere Wörter heraus als beabsichtigt.

Die Kommunikation gestaltet sich für Keller, der mit Sprache beruflich erfolgreich ist, zunächst als schwierig. Er fühlt sich entmannt. Doch bald schöpft er neue Hoffnung: Er bekommt logopädische Unterstützung bei der besten Spezialistin in Basel, seinem Wohnort. Langsam und beschwerlich erlernt er, Wörter wieder auszusprechen und zu schreiben. Außerhalb der Praxis hilft ihm zunächst sein Hausarzt, zumindest seine SMS-Korrespondenz zu redigieren. Grund: Der geschiedene Keller hat trotz seiner Sprachlosigkeit seine Freundin Sandra kennengelernt. Mit dieser Liebesgeschichte bekommt der Roman eine spannende und interessante Wendung. Bis dahin war er „nur“ eine Hirnschlagsgeschichte, wie sie vielen Menschen leider passiert.

Autor Tschan lotet in diesem Roman die sprachlose Kommunikation aus – die körperlich bedingte als auch die soziale. Dabei ist Protagonist Keller mit den althergebrachten Problemen konfrontiert, für die er vor dem Anschlag auch keine Worte hatte. Doch jetzt spitzen sich mit der Sprachlosigkeit die Probleme zu – wie etwa sein zerrüttetes Verhältnis mit seinem 16-jährigen Sohn Christian. Doch gerade mit dieser Sprachlosigkeit, eröffnet sich für Keller die Möglichkeit länger zuzuhören. Seine Behinderung zwingt ihn somit, nicht sofort zu widersprechen und geduldig zu sein.

Der 48-jährige Autor Tschan beschreibt präzise die sprachliche Behinderung der Aphasie. Der Autor findet hierfür einen schönen Vergleich: Die Wörter sind von einem Teil des Gehirns in einen anderen Teil unterwegs. Auf dem Weg kommen Wörter durcheinander oder Wörter zusammen, die miteinander nichts zu tun haben. Dieser Vergleich ist medizinisch nicht treffend, doch es kommt dem Gefühl und der Vorstellung von Aphasie-Betroffenen sehr nahe.

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Das wohl zentrale an diesem Buch ist, dass Tschan für diese Sprachlosigkeit eine Sprache und Form findet. Das, was die Patienten nicht schaffen, kreiert die Literatur. Es erinnert an Italo Calvinos Roman „Das Schloss, indem sich die Schicksale kreuzen“. Hier überwinden die Helden der Tafelrunde ihre Sprachlosigkeit mittels Legung der Tarotkarten – und verständigen sich so. Beide Autoren nutzen die Literatur, um eine Lücke zu schließen, die die Wirklichkeit einem nicht näher bringen kann – siehe Aphasievergleich oder Beschreibung des Innenlebens von Aphasikern. Literatur bietet also eine mögliche Lesart mit Sprachlosigkeit umzugehen – Tschan verneigt sich vor der Literatur.

Mit „Keller fehlt ein Wort“ ist dem Schweizer Patrick Tschan ein einfühlsamer und mehrschichtiger Roman gelungen. Der Autor zielt weniger auf Mitleid; er schafft es, mit Keller eine sympathische Figur mit seinen Stärken und Schwächen würdevoll zu entwickeln. Keller durchläuft, trotz des mystischen schwachen Endes, eine Katharsis. Kurz gesagt: Ein Mann – ein Neubeginn.

Weblink: Braumüller Verlag


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