Ein amerikanischer Traum

Ben Hechts Autobiographie „Von Chicago nach Hollywood“

© Die Berliner Literaturkritik, 26.08.10

BERLIN (BLK) – Im Berenberg Verlag ist im September 2009 die Biographie des amerikanischen Drehbuchautors, Dramatikers und Erzählers Ben Hecht auf Deutsch erschienen. „Von Chicago nach Hollywood“ wurde von Helga Herborth übersetzt und mit einem Nachwort versehen.

Klappentext: Chicago und Hollywood – US-amerikanische Mythen par excellence! Und niemand hat sie kennengelernt und beschworen wie der unvergleichliche Ben Hecht, Urvater aller amerikanischen Radaujournalisten und Drehbuchartisten. Das ­Dickicht der Großstadt erkundete er als jugendlicher Fotoreporter, der Traumfabrik rückte er als reifer Mann zuleibe: Als „Shakespeare von Hollywood“ wurde er für Howard Hawks, Billy Wilder und Alfred Hitchcock zum bevorzugten Drehbuchautor. Hecht war immer beides: schlagfertiger Maulheld und unbestechlicher Skeptiker. Warum er damit zur Legende wurde, kann man hier nachlesen.

Ben Hecht wurde 1894 in New York geboren. Seine berufliche Laufbahn begann er mit sechzehn Jahren als Laufbursche der Zeitung Chicago Daily Journal. Dort stieg er zum Lokalreporter auf, wurde dann Redakteur und ging 1918 als Korrespondent nach Berlin. Nach seiner Rückkehr schrieb Hecht zunächst Kurzgeschichten, Romane und Theaterstücke, ehe sein Aufstieg zu einem der prominentesten Drehbuchschreiber begann. Er arbeitete für Sternberg, Hawks, Billy Wilder und Alfred Hitchcock und wurde zum „Shakespeare von Hollywood“. Hecht starb 1964. Schon 2006 veröffentlichte der Berenberg Verlag Hechts „Revolution im Wasserglas. Geschichten aus Deutschland“. (kum)

Leseprobe:

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Ich habe in vielen Städten gewohnt, gelebt habe ich nur in einer. Chicago kannte ich wie die Made den Speck, der Wurm die Eingeweide. Nur Zeitungsleute erreichen diese besondere Form von Bürgerschaft. Einst trug ich alle Fenster Chicagos und all seine Torwege an meinem Schlüsselbund, und in seinen Saloons, Straßenzeilen, Alleen, Gerichtssälen und Bahnhöfen lebte ich wie in meinem eigenen Anzug. Runzle die Stirn über mich oder werf mir einen befremdeten Blick zu, gute Stadt; kichere hinter meinem Rücken oder verstecke dich wie eine flüchtige Braut in deinem Wald von Mauern – ich kenne dich immer noch. Hör mir zu. In Barney Grogans Saloon lag ein Mann, dem ein Messer aus dem Bauch guckte, ich weiß es noch, denn ich machte mir Notizen. Eine nackte Frau mit einer rauchenden Pistole in der Hand kniete und klagte neben einem toten Zahnarzt. „Was habe ich getan ! Ich liebte ihn doch!“ Ein anderer Zahnarzt wurde verhaftet, weil er während der Sprechstunde eine Patientin vergewaltigt hatte. Unter der Journal-Überschrift „Zahnarzt füllte das falsche Loch“ wurde sein Vergehen (für einen Tag) verewigt. Verteidiger Clarence Darrow mit seinem Armeleuteaufzug, ausgebeulten Hosen, abgewetztem Jackett und speckigem Schlips sang sein Lied von der Menschlichkeit vor den Geschworenen, die über Schuld oder Unschuld eines Ex-Polizeichefs befinden sollten, der unter Anklage stand, Huren, Zuhälter und Puffmütter erpresst zu haben. Er plädierte mit den Worten: „Nach fünfundzwanzig Jahren im Polizeidienst ist mein Klient immer noch ein armer Mann.“ Sein Mandant, Oberkommissar Healy, wurde freigesprochen. Teddy Webbs Liebchen rief die Polizei an und verriet den Aufenthaltsort des gefürchteten Gangsters: in der Cottage Grove Avenue läge er mit einer anderen Frau im Bett. Vier Polizisten preschten los, um den gesuchten Killer zu schnappen. Sie erwischten ihn, als er gerade dabei war, wieder in seine Hose zu steigen, aber einer der Polizisten bekam vor Aufregung einen Herzschlag und fiel tot um. Als Polizeichef Scheuttler die Szene betrat, feuerte er einen Schuss in die Achselhöhle des toten Polizisten ab – um dessen Ehre zu retten. Die Leitung der Schulbehörde wurde wegen Korruption verhaftet, und ein Untersuchungsausschuss deckte auf, dass die Pfeiler des neuen städtischen Krankenhauses statt mit Zement mit Stroh gefüllt waren, was das Leben aller Patienten, die dort lagen, in Gefahr brachte. Chicagos Bürgermeister William Hale Thompson stand unter Anklage, den Stadtsäckel geplündert und das Geld unter seinen Freunden verteilt zu haben. Die gelben Taxis kämpften gegen die karierten, und mehr als ein Passagier kam bei dem Gerangel zu Schaden. Die Hearst-Zeitung Examiner kämpfte gegen die Chicago Tribune, und jeden Abend während der Hauptverkehrszeit schickten beide Zeitungen ihre Abordnungen finsterer Muskelmänner los, die durch die Straßenbahnen liefen und den Passagieren das jeweilige Konkurrenzblatt aus den Händen rissen. Leser, die es wagten, Widerstand zu leisten, wurden unsanft von ihrenSitzen gezerrt und auf die Straße befördert.

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Literaturangabe:

HECHT, BEN: Von Chicago nach Hollywood. Erinnerungen an den amerikanischen Traum. Aus dem Amerikanischen von Helga Herborth. Berenberg Verlag, Berlin 2009. 150 S., 19 €.

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