Von Heide Braukmüller
Wenn Niederländer sich mit ihrer eigenen Geschichte befassen, sind sie der Geschichtsklitterung nicht gerade abhold. Sie sonnen sich überaus gerne in ihrer so gepriesenen humanen Kolonisierung, gleichwohl bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts Eduard Douwes Dekker (Pseudonym: Multatuli) die korrupten niederländischen Machenschaften unter anderem mit seinem Werk „Max Havelaar“ anprangerte, das die Gesellschaft für niederländische Literaturwissenschaft im Jahr 2002 allerdings zum wichtigsten Werk niederländischer Sprache erklärte. In den 1980ern „schon“ machte auch der niederländische Historiker Dr. Louis de Jong auf die düstere Kolonialzeit seines Landes aufmerksam, dezent zwar, aber immerhin. nicht nur nebenbei: Die Dekolonisationsphasen verliefen auch nicht so richtig zum Ruhme des Königreiches.
Bezüglich der Verbrechen der nazideutschen Okkupanten der Niederlande, war man dort immer tunlichst bemüht, sich doch als Gutmensch auszuzeichnen und stellte die kürzlich verstorbene Miep Gies, die schier Unmenschliches als Beschützerin Anne Franks vollbrachte, als pars pro toto dar, gleichwohl: ihrer gab es mehr, viel mehr – unter Gefahr ihres Lebens. Allerdings: In keinem anderen Land, das während des Zweiten Weltkriegs von Deutschen besetzt war, lief die Verfolgung und Verbannung von Juden so glatt und fix über die Bühne wie in den Niederlanden, und Kollaborateure gab es wie Sand am Meer. Über 100.000 niederländische von aller Welt verlassene Juden wurden in deutschen Vernichtungsanlagen ermordet. Die Problemstellung nach dem Wie und Wo des Verrats jüdischer Menschen stellte sich in der Regel als überflüssig dar: „Weet ik niet!! Dat kan niet!“ (Weiß ich nicht. Das kann nicht.) Wie bei uns. Die Frage nach der niederländischen Naziorganisation von Mussert? Oft verneinendes Kopfschütteln. Ebenso bei Anspielungen auf die pikante deutsche Politvergangenheit von Prinz Bernhard der Niederlande. Oder das vergebliche Bemühen um Antwort, wo die deutschen Kopfjäger der Adressen bzw. Verstecke von Menschen jüdischen Glaubens habhaft wurden - vom Aussehen her unterschieden sich die jüdischen Niederländer wohl nicht so frappant von den christlichen, als dass man sie gleich von Angesicht zu Angesicht hätte ausmachen können.
Und nun platzt in jüngster Zeit das Buch „Kopfgeld“ des namhaften niederländischen Journalisten Ad van Liempt wie eine Bombe in die heile Geschichtswelt unserer Nachbarn und sprengt sie gnadenlos - quellenprall: Gegen Kopfgeld von 7,50 Gulden (heute 37,50 €) lieferten offizielle Personen, wie niederländische Verwaltungsangestellte und Polizisten, die Juden – alte, junge, kranke, gesunde -, sogar deren Kinder und Babys ans Messer. Mehr waren sie wohl nicht wert…. Gute Fänge verhießen vordere Ränge auf der sogenannten Produktionsliste. Bezahlte Denunziation von Menschen! Man lebte gut davon. „Kan niet!“ Ist so. Die Raffinesse der korrupten Judenjäger, die Kooperation der niederländischen Polizei und die Logistik der deutschen Besatzungsmacht – ein teuflischer Pakt. Van Liempt versäumt überdies nicht, die häufig gescholtene und verschmähte ambivalente Aktivität des Judenrates zu erwähnen.
Und dann ein anderes zutiefst erschütterndes menschliches Schicksal: Unsere Nachbarn im Norden - die Dänen. Im Zweiten Weltkrieg wurden auch sie von den Deutschen besetzt, dennoch im Gegensatz zu anderen Völkern gehegt wie Kanarienvögel – natürlich im Käfig –, die Kollaborateure flogen frei umher. Am Ende wie in den Jahren danach wurde das Land, damals 4 Millionen Einwohner, überschwemmt mit deutschen Flüchtlingen aus den Anrainerländern der Ostsee, 250.000 an der Zahl, davon 70.000 unter 15 Jahren und alle in elender Verfassung, aber der Roten Armee entkommen. Eine unermessliche Bürde für das kleine Land, das gerade von einer anderen deutschen befreit war, die ihnen ihre böse Fratze offenbart hatte.
Die Heimatlosen kamen im Lande verstreut in Internierungslagern unter, wo hoher Stacheldrahtverhau und bewaffnete Aufseher ihr neues Zuhause von der Außenwelt abschotteten. Man behandelte sie gut - dänische und anderssprachige Historienschreibung will es jedenfalls so. Dann die Hiobsbotschaft vor einigen Jahren: „Gutmenschen“ ließen vorsätzlich fast 10.000 deutsche Kinder Hungers oder an nicht behandelten Krankheiten sterben. Der hippokratische Eid – eine Floskel. Etwa 80 % der Kleinkinder und Säuglinge, die die Nachkriegswehen ins gelobte Land brachten, überlebte nicht einmal den Anfang ihres jungen Seins. Die meisten dieser kleinen Opfer liegen auf dem Kopenhagener Friedhof „Vestre Kirkegaard“, abseits, wohin sich kaum ein Däne verirrt. Die verwitterten Grabsteine (von der Deutschen Kriegsgräberfürsorge errichtet) zeugen vom Tod dieser, im wahrsten Sinne des Wortes, Unschuldslämmer. Es waren Elfriede, Hans, Julius, Peter, nicht Peder, Ole, Björn, Kerstin, die dort im frühsten Alter ihre letzte Ruhestätte fanden. In den Lagern wurden die Kinder, die Schutzlosen, nicht pflichtgerecht bzw. gar nicht versorgt, Krankheiten nicht geheilt, und dann war’s soweit… Ausnahmen bestätigen die Regel. Überdies fanden Tausende erwachsener Flüchtlinge im friedlichen Dänemark, an der ehemaligen sogenannten deutschen „Schlagsahnefront“, durch Hunger und Not den Tod. Allein im Jahre 1945 starben 13.000 internierte Deutsche, darunter 7.000 Kinder unter fünf Jahren. Das alles gereicht nicht zur Glorie des Königreichs.
Kirsten Lylloff, eine geschätzte Chefärztin, schrieb nach langem, gründlichem Studium der Aktenlage im späten Alter darüber ihre quellenträchtige Dissertation „Barn eller fjende?“ (Kind oder Feind?) und wurde damit von der Kopenhagener Universität zur Dr. phil. promoviert. Landauf, landab war die Dissertation, nach der ich in meinem besten Dänisch fragte, in den Buchhandlungen nicht zu bekommen: “Det kender jeg ikke noget til. Det ved jeg ikke noget om.“ (Das kenne ich nicht. Davon weiß ich nichts.) Das war die stereotype Antwort. Dr. Lylloff selbst brachte mich auf die richtige Fährte. In Dänemark ist die Tat unbestritten. Allein das Fragen nach den Hintergründen, nämlich nach der unterlassenen Hilfeleistung der damals zuständigen Ärzteschaft wie des dänischen Roten Kreuzes entfachte hitzige Debatten über getanes Recht beziehungsweise Unrecht. Im Lande verstummte die Diskussion mit der Zeit, vielleicht nach Dänenart: Wird sich wohl weisen…
Mir, die ich mich durch Forschungen für meine Dissertation über Grönland auch mit der dänischen Historie befassen musste, war dieses traurige Kapitel nicht begegnet, weder in dänischen noch in anderssprachigen Quellen. So konnte ich das lange Zeit nicht glauben. Der allgemein prekären deutsch-dänischen Nachkriegsgeschichte widmete sich unlängst Karl-Georg Mix in seiner detaillierten Studie. Gewiß, es waren wieder Deutsche, die kamen, nach Arne Gammelgaard wiederum „ungeladene Gäste“, „aber mit einem anderen Gesicht“, so Kirsten Lylloff. Sie landeten nach einer schier unmenschlichen Odyssee krank, geschändet, verlassen, eben hilflos im Land ihrer Hoffnung – und viele tot. Derzeit erfahren afghanische Kinderflüchtlinge in Griechenland ein ähnliches Schicksal, indes: Die Schutzmächte am Hindukusch schweigen.
Als die Dissertation von Lylloff ruchbar wurde, berührte sie mich zutiefst. Sie war schmerzhaft zu akzeptieren, legte Geschehnisse bloß, die für mich unerfindlich waren, und das in „meinem“ Dänemark, das mir eigentlich zweite Heimat wurde, und dasjenige Land, das im Gegensatz zu anderen Staaten auffällig human kolonisierte, wenn man bei der Inbesitznahme eines fremden Landes überhaupt so sprechen darf. Die Publikation von van Liempt überraschte mich nicht sonderlich, war mir doch allgemein die niederländische Gesinnung zu ihrer Geschichte nicht gerade unfragwürdig – bislang. Denn: Mehr und mehr Niederländer arbeiten die Geschichte ihres Landes gründlich auf.
Der renommierte Journalist und Autor Sytze van der Zee, der in einer Familie, die der niederländischen „Nationaal-Socialistischen Beweging“ angehörte, aufwuchs, verstört vollends mit seinem brandneuen, faktenreichen Buch „Vogelvrij“, auf das mich erst nach Abschluß meines vorliegenden Textes eine niederländische Bekannte hinwies. Das Werk gleicht van Liempts : Ein erschaudernder Bericht über Judenjäger verschiedener Couleur – vor allem aber machten niederländische Verwaltungsbeamte und niederländische Nationalsozialisten das Rennen. Das Böse war alltäglich. Die Zahlen sprechen für sich: 70 % der Juden wurden ermordet. Damit gibt das Königreich in der westlichen Welt das betrüblichste Bild ab und reiht sich in die Reihe der traditionell antisemitischen Länder ein. Beklemmend der Bericht des Autors über die untergetauchten Juden, die quasi für vogelfrei erklärt waren, um gejagt, deportiert und ermordet zu werden, so ein Gewährsmann des Autors. Dann van Zees Aufschlüsselungen um den Verrat an Anne Frank – der Atem stockt.
Die Jüdin Ans van Dijk ist die einzige nach dem Krieg wegen Verrats von Juden exekutierte Frau, anderen, deutschen wie niederländischen Denunzianten, galt Gnade vor Recht. Van der Zee schöpft Verdacht, stellt Vermutungen auf, hinterfragt sie, forscht, sucht nach Lösungen und hält letztendlich seine Ergebnisse fest: Ans van Dijk wurde aus guten Gründen füsiliert. Den Spuren des Autors folgend spielte sie eine Rolle beim Verrat der untergetauchten Juden des Hinterhauses in der Amsterdamer Prinsengracht 263. Auch er stellte sich immer wieder die bekannte Frage: Wer war es? Im Epilog legt van der Zee seine im wahrsten Sinne erschütternde Antwort offen. Otto Frank, der Vater Anne Franks, der den Holocaust überlebte, sei nach seiner Befreiung zunächst versessen gewesen auf die Enthüllung des Judaskusses. Nach 1949 habe er seine Haltung revidiert, sich sogar gegen solcherart Untersuchungen gestemmt und von der Theorie des Verrats Abstand genommen, was auch bei Ernst Schnabel nachzulesen ist. Sytze van der Zee schöpft den Verdacht, daß Otto Frank damals – Ans van Dijk war schon tot – wußte, daß sie die Schuldige war. Selbst Simon Wiesenthal, so der Autor, hegte keinen Zweifel: Frank wußte Bescheid. Annes Vater soll, dem Schlusswort folgend, sein Wissen verschwiegen haben, um den Holocaustleugnern und anderen rechtsextremistischen Gruppen, die zum Beispiel das Tagebuch von Anne Frank als Fälschung proklamierten, nicht noch Wasser auf ihre Mühlen zu geben: Anne Frank – verraten durch eine jüdische Frau…
Vergessene und verdrängte Geschehnisse wachen auf – Geschichte lebt, und das ist gut so. „Ich weiß nicht, das kann nicht, das ist nicht“ - das gilt nicht, das darf nicht sein, weder in Dänemark, den Niederlanden, noch bei uns in Deutschland oder anderswo. Überhaupt nicht. Und wo – hier wie dort - blieb eigentlich der eindeutige Ruf von den Kanzeln, von den Dienern Gottes zur Verdammnis dieses Bösen, das dem Klerus nicht unbekannt war…
Der Sommer kommt. Dann reise ich wieder wie seit fast 60 Jahren in die Ferien in die Niederlande und nach Dänemark, zu Land und Leuten - nicht nur zu „nieuwe harings“ und „rödgröd med flöde“. Wie schön: In die Niederlande, wo ich seit meinem 14. Lebensjahr bei einer Familie wie Kind zu Hause bin und viele gute Bekannte habe, wo ich als Mädchen mit Stolz meine Siegerurkunden im „schoolslag“ (Brustschwimmen) empfing, diese heute noch hüte, wo mir später allenthalben wirkliche Unterstützung meiner Staatsexamensarbeit über deutsche und niederländische Kommunen zuteil wurde - nach Dänemark, wo man (auch in Kalaallit Nunat/Grönland) mir großzügig von offizieller wie privater Seite bei Forschungen zu meiner Dissertation über die Dekolonisation Grönlands half, wo ich stets ohne Vorbehalte liebevolle Aufnahme finde und mich seit einigen Jahren Freundschaft mit einer Kopenhagenerin verbindet.
Die Bücher der drei Autoren sind unbedingt lesenswert. Die Werke Lylloffs und van der Zees wurden bislang nicht ins Deutsche übertragen. Der Dänin und den beiden Niederländern gebührt Dank für ihre mutigen Schritte in die weitere Aufklärung unserer europäischen Geschichte – zu unser aller Wohl. Leider bekam ich die Schriften von Lylloff und van Liempt erst nach geraumer Zeit ihres Erscheinens in die Hände, aber nicht zu spät. Van der Zees Arbeit erschien erst kürzlich. Ein großes Manko ist, daß in diesem Werk die Registriernummern der Repertorien wie auch die Quellenangaben der reichlichen Zitate fehlen.
Literaturangaben:
VAN LIEMPT, AD: Kopfgeld, Bezahlte Denunziation von Juden in den besetzten Niederlanden. Siedler, München 2005. 334 S., 24,00 €.
GAMMELGAARD, ARNE: Mennesker i malström, Tyske Flygtninge in Danmark 1945 – 1949. Verlag Systime, Herning 1981. 199 S.
DE JONG, LOUIS: Het Koninkrijk der Nederlande in de Tweede Wereldoorlog, Bd. 11a-b. Staatsuitgeveri, Amsterdam 1985. 1041 S.
LYLOFF, KIRSTEN: Barn eller fjende? Uledsagede tyske flygtningebörn i Danmark 1945 – 1949. Universitätsverlag, Kopenhagen 2007. 175 S., 290,00 DKR.
MIX, KARL-GEORG: Flüchtlinge in Dänemark 1945 - 1949. Verlag Steiner, Berlin 2005. 231 S., 49,00 €.
DEKKER, DOUWES EDUARD: Max Havelaar of de Koffieveilingen der Nederlandsche Handel. Verlag de Ruyter, Amsterdm 1860. 264 S.
SCHNABEL, ERNST: Spur eines Kindes (1958). S. Fischer, Frankfurt am Main 2005. 159 S., 8,90 €.
VAN DER ZEE, SYTZE: Vogelvrij, De jacht op de Joodse onderduiker. Verlag De Bezige Bij, Amsterdam 2010. 539 S., 21,50 €