Hurt schließt Deutschlandtrilogie ab: „Ein deutscher Mittelläufer“
Benno Hurt schildert in drei Romanen am Beispiel der Geschichte der Familie Kirsch fast vier Jahrzehnte Bundesrepublik. „Ein deutscher Mittelläufer“ bildet den Abschluss dieser Trilogie. Wieder spiegeln die Protagonisten die Befindlichkeiten und Veränderungen unseres Landes. Sie sind in den 1990ern angelangt: Christian Kirsch hat den Aufstieg in die Honoratiorenwelt seiner Stadt geschafft und es zum angesehenen Juristen gebracht. Er steht vor seiner Beförderung zum Leitenden Oberstaatsanwalt, frönt seiner Lust am Lyrikschreiben und dem Genuss edler Weine, hat eine vorzeigbare Frau und wohnt in geschmackvollem Ambiente. Korrekt bis in die Fingerspitzen zeigt er – in angemessener Form, versteht sich – seine Abneigung gegen fremdenfeindliche Gesinnungen. Ausgerechnet gegen seinen einzigen Sohn Rudi, den Schulabbrecher und Nichtsnutz, wird wegen ausländerfeindlicher Umtriebe ermittelt. Christian stürzt in den größten Konflikt seines Lebens. Hurt, selbst Jurist, schreibt in einer präzisen Sprache, in der jedes Wort sitzt wie in einer Urteilsbegründung. Er seziert Charaktere genauso wie er gesellschaftliche Fassaden durchsichtig macht.
Ganz leiser Krimi: „Ein Morgen wie jeder andere“
Obwohl die Story gruselig ist – fünf Menschen werden bestialisch niedergemetzelt – ist Christian Pernath mit seinem Erstling ein leiser, ja anrührender Krimi gelungen. Die Tat gibt den Hintergrund für die sensible Darstellung eines alternden Tierarztes in der Bretagne, der eines Tages am Straßenrand eine verletzte Frau findet und sie bei sich aufnimmt. Dies wird für den einsamen Mann, der sich nach Bindung und Liebe sehnt, keineswegs „Ein Morgen wie jeder andere“, wie der Titel vermuten lässt. Er findet Gefallen am Zusammenleben mit der verschlossenen Frau, erfährt, dass für die grausamen Morde im Nachbarort ein Verdächtiger verhaftet wurde, genießt zunächst das Zusammenleben mit der Geheimnisvollen, die für ihn so fremd gewordene Zweisamkeit. Doch dann kommen ihm allmählich Zweifel, er beginnt zu recherchieren, sein vager Verdacht erhärtet sich.
Abgefahren: Ulmens Uwe auf Selbsterfahrungstrip im Sündenbabel
Mit „Für Uwe“ legt Christian Ulmen ein Buch vor, auf das die Welt nicht gewartet hat. Das heißt: eine gar nicht mal so kleine Community eingefleischter Fans des schrägen Medientalents Ulmen mag durchaus danach lechzen, nun auch schwarz auf weiß zu erfahren, wie es mit Uwe Wöllner weitergeht. Jenes unbedarfte 31-jährige Muttersöhnchen aus Hannover-Garbsen also, von Ulmen verkörperte Kunstfigur der kultigen ProSieben-Reality-Serie „Mein neuer Freund“ (2005) und neuerer ulmen.tv-Clips, wird in dem Ich-Erzählwerk nach dem plötzlichen Hockey-Tod der Mutter vom Vater gnadenlos nach Berlin verfrachtet, um endlich erwachsen zu werden. Doch Uwe wäre nicht Uwe, wenn er sich nicht unverzüglich mit 12-jährigen Kleinkriminellen anfreunden, mit einer rumänischen Prostituierten Spasti-Sex haben und im Job bei einem Bestatter floppen würde... Okidoki – der in naiv-derber Sprache verfasste Pseudo-Initiationsroman des Moderators, Entertainers und Schauspielers („Maria, ihm schmeckts nicht!“) Ulmen ist eben einzig etwas für Freunde einschlägigen Trash-Humors.
Von wegen Amore: Zweite Krimi-Sammlung aus Italien
Natürlich: Italien ist nicht nur das Land von Pizza und Pasta, es ist – zumindest wenn man die Liste der Vorurteile fortsetzen will – auch das Land der Korruption, des Kokains und der Killertypen. Unter dem dunkel anmutenden Titel „Denn dein ist das Böse“ präsentiert Herausgeber Giancarlo DeCataldo zum zweiten Mal eine Sammlung von Krimis aus seinem Heimatland, die wenig geeignet ist, diese Vorurteile zu entkräften. Nach dem ersten Band „Ich weiß um deine dunkle Seele“ werden Krimi-Freunde nun an elf Schauplätze und zu elf Verbrechen geführt. Neben Carlo Lucarelli und Giorgio Faletti tragen auch Gianrico Carofiglio oder Marcello Fois zur Spannung bei. Sie erzählen etwa von einem Mafiakiller mit Schmetterlingsgefühlen, von einem Erotikstar in tödlicher Mission und einem verliebten jungen Mann, der auf ein Ass in der Pornoindustrie hereinfällt. Der Herausgeber ist ebenfalls dabei, wenngleich sein „Schmutziger Schnee“ um eine Ladung Koks und etliche Tote sich ein wenig pathetisch liest.
Literaturangaben:
DECATALDO, GIANCARLO: Denn dein ist das Böse. Verlag Ehrenwirth, Bergisch Gladbach 2009. 576 S., 19,95 €.
HURT, BENNO: Ein deutscher Mittelläufer. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009. 351 S., 9,90 €.
PERNATH, CHRISTIAN: Ein Morgen wie jeder andere. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009. 217 S., 14,90 €.
ULMEN, CHRISTIAN: Für Uwe. Kindler-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009. 219 S., 14,90 €.
Weblinks:
Verlag Ehrenwirth / dtv / Kindler-Verlag