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Viel mehr als Spione für Stalin

Der Mythos der Roten Kapelle als Spionagering Stalins hat sich fälschlicherweise lange Zeit hartnäckig gehalten

© Die Berliner Literaturkritik, 02.08.10

Von Thomas Borchert

Es schmerzt, 67 Jahre nach der Hinrichtung von Widerstandskämpfern an den Fleischerhaken von Plötzensee Sätze wie diesen zu lesen: „Man kann sich heute nur schwer vorstellen, dass jemand für so ein dürftiges Resultat, wie einen Spruch auf dem Straßenpflaster zu hinterlassen, bereit war, sein Leben zu riskieren.“

Anne Nelson hat ihn in ihrem großartigen Buch über die „Rote Kapelle“ geschrieben. Die Berliner Widerstandsgruppe „verdankt“ ihren legendären und irreführenden Namen der Gestapo, denn ihre Mitglieder, allen voran der Offizier im Reichsluftfahrtministerium, Harro Schulze-Boysen, hatten auch Funksprüche über deutsche Kriegspläne nach Moskau geschickt.

Weil es den Nazis, später ihren Schönrednern in der Bundesrepublik und unter umgekehrten Vorzeichen auch den DDR-Machthabern in den Kram passte, hat sich der Mythos der Roten Kapelle als Spionagering Stalins hartnäckig gehalten. Dabei haben die Mitglieder, von denen über 50 hingerichtet wurden, genau so viel Energie, Mut und Erfindungsreichtum darin gesteckt, verfolgten Juden zu helfen, Zwangsarbeitern Mut zu machen und ihre deutschen Mitbürger durch todesmutig verteilte Flugblätter oder Parolen wachzurütteln.

„Rot“ waren die meisten von ihnen schon gar nicht. Schulz-Boysen und dessen elegante Ehefrau Libertas, der Nationalökonom Arvid Harnack und seine aus den USA stammende Frau Mildred, der Schriftsteller Adam Kuckhoff und Greta Kuckhoff gehörten zu betont bürgerlichen „feinen“ Kreisen Berlins. Ihre Empörung über die Judenverfolgung, Hitlers Eroberungsfeldzüge und dann vor allem das barbarische deutsche Vorgehen in der Sowjetunion ließ sie ein Netzwerk bilden, dem sich dann durch persönliche Bekanntschaften auch einige Arbeiter und Angehörige der früheren KPD wie John Sieg und Hans Coppi anschlossen.

Anne Nelson, gelernte Journalistin und jetzt Universitätslehrerin in New York, beschreibt in ihrem Buch die Aktivitäten der Gruppe ohne Scheu vor Widersprüchen, Offenlegung mitunter grotesker Fehler und interner Streits. Schulze-Boysen setzte die Sowjetführung 1941 vom bevorstehenden Angriff durch die deutsche Wehrmacht präzise in Kenntnis, stieß aber bei Stalin auf Unglauben. Verzweifelt liest man, wie es dann später den stets mit ihrem Leben als Einsatz handelnden Widerständlern einfach nicht gelang, Funksprüche mit wichtigen Informationen an die Adressaten zu übermitteln.

Ausgehoben wurden sie dann 1942 von der Gestapo nicht durch eigene Fehler, sondern im Gefolge kaum glaublicher Namensnennungen in umgekehrt abgesetzten sowjetischen Funksprüchen. Vom Kern der Gruppe wurden bis auf Greta Kuckhoff alle Männer und Frauen 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Die Überlebende musste nach Kriegsende erleben, wie der für die Todesurteile verantwortliche Manfred Roeder unbehelligt blieb und sich in der Bundesrepublik die Mär von der Roten Kapelle als landesverräterischer „fünfter Kolonne“ Stalins durchsetzte. Während die DDR-Führung genauso verlogen versuchte, die Rote Kapelle in eine Gruppe klassenbewusster Arbeiterführer umzudichten.

An Nelsons Buch überzeugt und bewegt auch die unvoreingenommene Darstellung von Widersprüchen im Handeln dieser bewundernswerten Männer und Frauen. Selbstzweifel, Egomanie, Fehler, Versagen, Eifersüchteleien, Verrat anderer unter der Folter, und mitunter Aufgabe: Auch das gehört zur Geschichte des Widerstandes und dem ehrenden Andenken an die beteiligten Menschen.

Literaturangaben:

NELSON, ANNE: Die Rote Kapelle. Die Geschichte der legendären Widerstandsgruppe. C. Bertelsmann Verlag, München 2010. 512 S., 24,95 €.

Weblink:

C. Bertelsmann


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