Werbung

Werbung

Verlage ignorieren Lateinamerika

Márquez heute kaum eine Chance auf eine Veröffentlichung

© Die Berliner Literaturkritik, 10.03.10

Von Sophia-Caroline Kosel

LEIPZIG (BLK) - Die deutschen Verlage vernachlässigen nach Ansicht des Romanistikprofessors Alfonso de Toro die Literatur aus Lateinamerika. „Sie sind nicht mehr so stark daran interessiert wie in den 60-er, 70-er Jahren, sondern nur noch sehr selektiv. Die Situation ist nicht sehr erfreulich“, sagte der Chilene de Toro, der an der Universität Leipzig lehrt in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Gefragt seien bei den Verantwortlichen nur Werke, die nicht zu lang und kompliziert sind. „Wenn Verleger nicht nach Qualität entscheiden, sondern nach Seitenzahl und Komplexität, dann frage ich mich: Wie kann man aus dieser Sackgasse herauskommen?“, sagte de Toro kurz vor Beginn der Leipziger Buchmesse (18.-21.3.), auf der sich diesmal zehn lateinamerikanische Länder mit Lesungen, Workshops und einer Bücherausstellung präsentieren.

„Man ist jetzt wegen der Globalisierung unter dem Druck kommerzieller Zwänge“, sagte der Gründer und Direktor des Ibero-Amerikanischen Forschungsseminars an der Leipziger Uni. Autoren wie Gabriel García Márquez hätten heute kaum noch eine Chance auf eine Veröffentlichung. „Sie sind zu komplex, zu experimentell, zu sehr auf Lateinamerika bezogen, zu lang. Das war früher mal begehrt, jetzt gibt es eine andere Verlagspolitik.“

Er beobachte mit Sorge, dass zunehmend „Literatur light“ gefördert werde. „Ich möchte hier keine Namen nennen, aber gerade in Deutschland hat man lateinamerikanische Autoren aufgenommen, die nach meiner Erfahrung als Wissenschaftler nicht zur Spitze dazugehören“, sagte de Toro. „Es gibt Legionen von Autoren und darunter sind hervorragende Schriftsteller, aber sie sind nicht so bekannt, weil wir natürlich diese Konjunktur wie in den 60er Jahren nicht mehr haben.“ Damals seien die Werke aus dieser Region als exotische Alternative zu gescheiterten europäischen Utopien betrachtet worden. „Der Exotismus ist weg und damit das Interesse“, so de Toro.

„Ich glaube, dass man hier noch mal Programme auflegen muss, die neue Autoren und Autorinnen fördern“, sagte der Romanistikprofessor mit Blick auf die nähere Zukunft. Dies dürfe aber nicht als Entwicklungshilfe „für etwas Exotisches aus der Dritten Welt“ betrachtet werden. „Es gibt da Weltautoren. Die Verlage müssen sich ins Bewusstsein holen, dass ihnen da etwas entgeht, wenn sie nicht handeln.“ Wichtig sei auch, dass sie die Auswahl von Autoren nicht nur in die Hände von Literaturagenten legen, sondern auch den Rat von Wissenschaftlern einholen. „Aber ich bin sehr skeptisch und pessimistisch, dass sich etwas ändert. Weil der Markt herrscht. Und er herrscht ganz brutal.“


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: