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Vereintes Deutschland

Monika Maron veröffentlicht Texte aus 20 Jahren Wiedervereinigung

© Die Berliner Literaturkritik, 19.10.10

Monika Maron

Von Peter Schulz

In ihrer Rede zum Deutschen Nationalpreis im Jahr 2009 schreibt die Berliner Schriftstellerin Monika Maron: „Es ist an der Zeit, die Literatur, die in der DDR entstanden ist oder sie als Erfahrungsmaterial verwendet, an ihrer literarischen Qualität zu messen, statt sie nach ihrer geographischen Herkunft oder ihrem politischen Standort zu klassifizieren. Die DDR war das Ergebnis der gemeinsamen deutschen Geschichte, sie gehört zur deutschen Geschichte, und die Literatur, die in ihr geschrieben wurde, ist deutsche Literatur, gute oder schlechte, wahrhaftige und verlogene – vieles, was schon vergessen wurde, und anderes, das vermutlich vergessen wird, wie zu allen Zeiten.“

Monika Maron ist so eine Schriftstellerin, deren Literatur aus den Erfahrungen in der DDR entsteht: So beispielsweise in ihrem ersten Roman „Flugasche“, in dem die Journalistin Josefa Nadler ihre Reportage über die Stadt B. in der DDR nicht veröffentlicht wird. Oder in dem Roman „Stille Zeile Sechs“, erschienen 1991, in dem Rosalind Polkowski die Memoiren eines Funktionärs schreiben soll und zwischen beiden ein Kampf um die Geschichte entsteht. Aber nicht nur in ihren Romanen beschäftigt sich Monika Maron mit der DDR, auch in Essays und Reden mischt sie sich in die aktuellen Debatten ein. Nun ist ihr Band „Zwei Brüder“ erschienen, der die Artikel zur Wiedervereinigung der letzten 20 Jahren versammelt und mit Fotos ihres Sohnes Jonas Maron illustriert ist. Die meisten dieser Kommentare sind schon in den Essay-Bänden „Nach Maßgabe meiner Begreifungskraft“ und „quer über die Gleise“ erschienen; hinzugefügt wurden „Lebensentwürfe, Zeitenbrüche“ (bereits in dem von Elke Gilson herausgegebenen Buch zum Werk Marons erschienen) und die Reden zum Hölderlin- und Nationalpreis.

Unterschiedlicher können die Gedanken zur deutschen Einheit nicht sein. Im nach dem Titel des Buches benannten Text „Zwei Brüder“ entlarvt die Autorin mit der Geschichte der beiden Brüder Helmut und Manfred die beiden deutschen Staaten. Ein Raubmord, den beide begangen haben, ist Ausgangspunkt. Der eine, Helmut, entkommt mit der Beute und gründet ein erfolgreiches Unternehmen, der andere, Manfred, wandert ins Gefängnis und wartet auf Freiheit. Später, in Freiheit lebend, „begann Manfred zu rechnen und kam zu dem Ergebnis, dass ihm nicht nur eine Filiale, sondern das halbe Unternehmen zustand, da er, wäre er wie Helmut in Freiheit gewesen, es mindestens zu gleichem Wohlstand gebracht hätte.“ Und da beginnt der Konflikt zwischen den beiden Brüdern.

Dabei hat sie nicht immer Verständnis für die Ostdeutschen. In dem im Spiegel erschienenen Artikel „Zonophobie“ geht sie mit den Bürgern der ehemaligen DDR hart ins Gericht. Die Einheit wird ihr zum Albtraum, der Osten verursacht Ekel: „Alles hat sich in Ekel verwandelt: mein Mitleid, meine Anteilnahme, mein Interesse. Ich weiß, dass ich ungerecht bin, und kann es nicht ändern. Ich halte es für eine Krankheit und weiß nicht, wie man sie heilt. Die Krankheit nenne ich Zonophobie.“ Weiter kritisiert sie die Ostdeutschen, dass sie sich als Opfer stilisieren und lehnt ihre Duckmäuserei ab. Das war 1992.

Doch Monika Maron kann auch anders. 1999 hält sie die Rede zur Verleihung des Theodor-Wolff-Preises, „Penkun hinter der Mauer“, und kritisiert darin, dass ostdeutsch nicht nur mit den Worten „nostalgisch, larmoyant und undemokratisch“ assoziiert werden kann. Es gibt eben auch die anderen Ostdeutschen und „es ist Zeit, in der öffentlichen Wahrnehmung nachzuholen, was in der Wirklichkeit schon vor zehn Jahren passiert ist: die Ostdeutschen aus ihrem Kollektivstatus endlich in die Individualität zu entlassen.“

 Die Autorin kann jedoch bösartig ironisch sein wie in dem Artikel „Mein Postamt“, in dem sie sich verwundert fragt, warum es in einem westdeutschen Postamt genauso zugeht wie in einem ostdeutschen und konstatiert: Wenn sie Sehnsucht nach der DDR hätte, müsse sie nur in ihr Postamt um die Ecke gehen, da diese Sehnsucht dort leicht zu stillen wäre.

Man muss mit der Schriftstellerin nicht immer einer Meinung sein, gerade weil sich viele ihrer Gedanken aus der eigenen Erfahrung speisen; schon allein das Betrachten dieser individuellen Erfahrungen eines jeden, würde helfen, einander nicht gleich zu verurteilen. Doch bei all den eigenen Erlebnissen und manch wutentbrannten Kommentaren, die sie mit einbringt, bleibt sie auf eine gewisse Art auch reserviert. Monika Maron ist eine Autorin, die die DDR als Erfahrungsmaterial ihrer Literatur verwendet. Es wäre schade, wenn man sie vergessen würde. Es ist gute Literatur.

 

Literaturangabe:

MARON, MONIKA: Zwei Brüder. Gedanken zur Einheit 1989-2009. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010. 208 S., 17,95 €.

 


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