Von Wolfgang Harms
HAMBURG (BLK) – Die nationalsozialistische Bücherverbrennung vom Mai 1933 war zwar die systematischste ihrer Art, aber beileibe nicht die erste und letzte. Die Rauchspur der Vertilgung unliebsamer Gedanken reicht von biblischen Zeiten bis in die unmittelbare Gegenwart und endet nicht an den Grenzen demokratischer Länder. 2006 ging im ostdeutschen Pretzien das „Tagebuch der Anne Frank“ in Flammen auf, 2001 äscherten junge schwäbische Christen einen Harry-Potter-Band ein. Unterdrücker und Unterdrückte, Revolutionäre und Bewahrer – sie alle verübten das, was Kulturhistoriker wegen der Art der Inszenierung mitunter auch als „Bücherhinrichtungen“ bezeichnen.
Belegt sind solche Vorgänge schon aus dem alten China, wo 213 v. Chr. auf kaiserlichen Befehl die Schriften Konfuzius’ verbrannt wurden. Im Alten Testament werfen die seleukidischen Besatzer Palästinas Gesetzbücher ins Feuer. Roms Imperatoren ließen anfangs christliches und nach ihrer Bekehrung heidnisches Schriftgut verbrennen. In Konstanz kamen 1415 die Werke des Reformators Jan Hus samt ihrem Autor auf den Scheiterhaufen, 105 Jahre später entzündete Martin Luther öffentlichkeitswirksam eine päpstliche Bulle. 1793 verbrannten französische Revolutionäre royalistische Titel, 1817 taten deutsche Burschenschaftler dasselbe mit dem Code Napoléon und allem, was sie als reaktionär und antinational empfanden.
Gemeinsam ist all diesen Aktionen der demonstrative und rituelle Charakter. Meist wählt man öffentliche Plätze, und seit dem Mittelalter überlässt man die Ausführung gerne dem Henker. Ihre Hochzeit erleben sie in Europa vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, und dabei verwendet man „in zunehmendem Maß Elemente und Ideen aus dem Repertoire der Menschenbestrafung“, wie der Historiker Hermann Rafetseder analysiert: „Im (…) Zeitalter des Buchdrucks erscheinen Schriften immer gefährlicher. (…) Insbesondere das öffentlich-feierliche Verbrennen wird für Obrigkeiten (…) immer mehr zum Bestandteil des politischen Instrumentariums.“
Für Rafetseder sind Bücherexekutionen Ersatzhandlungen; im Grunde geht es um die symbolische Austilgung von Gedanken und Bestrebungen, die man als bedrohlich empfindet. Meist sind damit auch die Verfasser gemeint: 1819 ermordet ein Student den Komödienautor August von Kotzebue, dessen Schriften er 1817 auf der Wartburg als „undeutsch“ verbrannt hatte.
Gelegentlich lässt man Bücher auch köpfen oder zerreißen. Aber Feuer ist das häufigste Mittel. Schließlich hat es nicht nur von jeher Faszinationskraft, sondern liegt in der Vorstellungswelt mittelalterlicher Menschen auch aus anderen Gründen nahe: Es gilt als Mittel zur Reinigung von Infektiösem – etwa bei Pestepidemien – und außerdem als Erscheinungsform Gottes. Das Brandopfer von Ketzern, Hexen und lästerlichen Schriften soll Gott besänftigen, das feierlich-steife Ritual des Ablaufs den Machtanspruch der weltlichen Autoritäten dokumentieren.
Als sich im 19. Jahrhundert der moderne Verwaltungsstaat etabliert, geht die Epoche der von oben organisierten Bücherverbrennungen vorüber. Stattdessen sind es nun eher spontane Akte lokalen Volkszorns, denen neben anstößigen Büchern oft auch geistliche Werke und Behördenakten zum Opfer fallen. Noch 1922 verbrennen Berliner Jugendliche „Schmutz- und Schundliteratur“ – und ein sozialdemokratischer Minister lobt sie dafür im Reichstag.
So knüpft die Bücherverbrennung der Nazis an eine ungebrochene Tradition an. Gleichwohl lasse sie sich nicht historisch relativieren, schreibt der Literaturwissenschaftler Theodor Verweyen. Er verweist auf die „10 000 Zentner Bücher und Zeitschriften“, die allein in Berlin brannten: Weder für die schiere Menge, noch für die Bandbreite der vernichteten Werke noch für die flächendeckende Organisation der parallel in mehreren Städten abgelaufenen Aktion gebe es irgendein Vorbild in der Geschichte.