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Verbindung von westlicher und islamischer Kultur: „Aisha“

Der Roman „Aisha. Das Erbe des Propheten“ von Sherry Jones

© Die Berliner Literaturkritik, 04.06.09

Von Frauke Kaberka

Selten hat ein Buch in jüngster Zeit soviel Unruhe in der islamischen Welt ausgelöst wie „Aisha. Das Juwel von Medina“ (2008). Die amerikanische Autorin Sherry Jones hat darin versucht, das Leben der Lieblingsfrau an der Seite des Propheten Mohammed in Romanform zu zeichnen. Obwohl literarisch bei weitem nicht auf so hohem Niveau wie einst Salman Rushdies „Die satanischen Verse“ (1988) gilt auch „Aisha“ bei orthodoxen Moslems als blasphemischer Angriff auf die Würde und Wahrhaftigkeit des Religionsstifters (um 560-632).

Terrordrohungen und Brandanschläge waren die Folge, konnten aber eine Veröffentlichung nicht verhindern. Nun hat Jones eine Fortsetzung vorgelegt: „Aisha. Das Erbe des Propheten“. Bis jetzt blieben vergleichbare Reaktionen aus.

Die Handlung setzt im Jahr 632 ein. Mohammed ist tot. Doch noch bevor er in den Armen Aishas für immer die Augen schließt, beginnt der Kampf ums religiöse Erbe. Der Urkonflikt wird bis heute für Auseinandersetzungen unter den Gläubigen sorgen, aktuell im vorwiegend schiitisch geprägten Irak, nachdem das Volk jahrzehntelang unter dem sunnitischen Diktator Saddam Hussein gelitten hat. Wie kam es zur Spaltung des noch ganz jungen Islam, zur Entstehung verschiedener Richtungen, von denen Sunniten und Schiiten die Hauptgruppen bilden?

Wieder verbindet Jones geschichtliche Fakten mit Fiktion – ein durchaus lesenswerter Roman, der zum Verständnis der Religion beiträgt, ist das Ergebnis. Aisha bint Abi Bakr (613-678), die dritte und jüngste seiner elf Ehefrauen und Konkubinen, erhält vom sterbenden Mohammed sein Schwert. Sie werde es im bevorstehenden Dschihad (Heiliger Krieg) brauchen, prophezeit er ihr. Obwohl sie noch nicht weiß, was er damit meint, ist ihr sehr wohl bewusst, dass schwere Auseinandersetzungen auf sie zukommen, denn es wird ein Nachfolger, ein Kalif, für die Religionsgemeinschaft gesucht.

Zufrieden nimmt sie zur Kenntnis, dass es ihr Vater sein wird, Abu Bakr (573-634), der langjährige Weggefährte Mohammeds. Doch einer ist damit nicht einverstanden: Der junge Ali ibn Abi Talib (um 598-661), auch ein treuer Begleiter des Religionsstifters, der sich laut Überlieferung im Alter von neun Jahren als zweiter Mensch nach Mohammed zum Islam bekannte. Ali, Schwiegersohn und Vetter Mohammeds, begründet seinen Führungsanspruch mit von einer Pilgerfahrt überlieferten Worten seines Verwandten: Allen, denen ich gebiete, soll auch Ali gebieten.

Später wird Ali die Wahl Abu Bakrs anerkennen. Doch das ohnehin belastete Verhältnis zwischen ihm und Aisha, die vom Volk als Mutter der Gläubigen verehrt wird, verschlechtert sich weiter. Die beiden starken Persönlichkeiten bleiben unversöhnlich und werden sich schließlich sogar in einer Schlacht gegenüberstehen.

Eine Annäherung der beiden, gegenseitiges Verständnis und Sympathie – oder sogar mehr als das – mögen der Fantasie Sherry Jones’ entsprungen sein. Tatsache aber ist, dass Aishas Vater Abu Bakr und die große Gruppe seiner Anhänger die sunnitische Richtung des Islams begründeten. Ali hingegen, der schließlich der vierte Kalif wird, sich aber lieber zum Imam erklären lässt, wird von seinen Gefolgsleuten als Spiritus rector der Schiiten verehrt.

Auch wenn bei Jones weder die Begriffe Sunniten noch Schiiten auftauchen, ist die Spaltung der Religion in verschiedene Strömungen gut herausgearbeitet. Geschichtswissenschaftler mögen vielleicht die etwas konfuse Darstellung der historischen Zusammenhänge bemängeln, Literaten die leicht triviale Romanform. Doch eines muss man der Autorin zugestehen: Mit ihrer märchenhaft erzählten Geschichte um Mohammed und den islamischen Glauben erreicht sie, was missionierende Eiferer kaum schaffen können: Sie weckt ein echtes Interesse an dieser Religion und einer konfessionsübergreifenden Versöhnung.

Literaturangabe:

JONES, SHERRY: Aisha. Das Erbe des Propheten. Übersetzt aus dem Englischen von Heike Laue und Theodor Bauer. Pendo Verlag, München 2009. 400 S., 19,95 €.

Weblink:

Pendo Verlag


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