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Vegetarismus

Von Verzicht und Tierschutz

© Die Berliner Literaturkritik, 13.07.11

MÜNCHEN (BLK) – Im Juni 2011 ist im Diederichs Verlag „Tier zuliebe. Vegetarisch leben – Eine Kostprobe“ erschienen. Autorin ist Rundfunkjournalistin Birgit Klaus.

Klappentext: Die Unlust am Fleischessen wächst, die Zahl der Vegetarier auch. Aber gerade Gut- und Gernesser graut es vor dem Komplettverzicht. Ein Jahr ohne – mit Sachkenntnis und Situationskomik dokumentiert die Fernsehmoderatorin Birgit Klaus ihren Selbstversuch als Vegetarierin, die Abgründe der Fleischindustrie und die Erkundung vegetarischer Delikatessen. Sie stellt sich der verdrängten Wirklichkeit der Massentierhaltung und Schlachthöfe und fragt sich, auf welcher ethischen Grundlage ein Tier zum besten Freund des Menschen erhoben wird, während ein anderes als Schlachtvieh zur Welt kommt. Ob Birgit Klaus’ Cholesterinspiegel sinken und sie stattdessen unter Eisenmangel leiden wird, ob Menschen wie sie den Planeten retten oder ob „Bio“ der Schlüssel zum legitimen Fleischverzehr ist, das Buch fordert die Auseinandersetzung mit einem Thema, dessen Relevanz für die Menschlichkeit einer Gesellschaft nicht verkannt werden darf - tierzuliebe und uns zuliebe.

Die 1964 in Baden-Baden geborene Birgit Klaus ist vor allem als Fernseh- und Rundfunkmoderatorin bekannt. Die bekannte Journalistin arbeitete unter anderem für den SWR, BR-alpha oder den WDR.

 

Leseprobe:

©Diederichs©

 

Vorwort

Ständig soll ich ein schlechtes Gewissen haben! Mein CO2-Fußabdruck sei enorm groß, höre ich immer wieder. Nicht nur meiner, sondern der eines jeden in der westlichen Welt. Weil wir zu viel Auto fahren, zu viel Energie verbrauchen, auf zu großer Fläche wohnen, zu oft in den Urlaub fliegen, zu oft duschen, zu heiß duschen, zu viel essen, zu viel Essen wegschmeißen – weil wir sind. Ich wohne auf einem „Berg“ und ich brauche mein Auto. Zugegeben: Ich fahre auch grundsätzlich lieber Auto, als öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Und ich lebe auf einer relativ großen Fläche. Sind deswegen andere besser als ich? Im ökologischen Sinne vermutlich ja. Der eine oder andere jedenfalls …

   Zwar glaube ich nicht, dass jemand seine 100-Quadratmeter-Wohnung aufgibt, um in eine 30-Quadratmeter-Wohnung zu ziehen, nur um seine persönliche CO2-Bilanz zu verbessern, aber vielleicht läuft er häufiger mal in die Stadt als ich. Vielleicht duscht er kürzer? Das schlechte Gewissen ist bestimmt – zumindest manchmal – angebracht. Was könnte ich also tun, um all jenen etwas entgegenzusetzen, die mit dem erhobenen Zeigefinger vor meiner Nase rumfuchteln? Kein Fleisch mehr essen, das wäre doch was. Das tut am wenigsten weh – dachte ich mir im Frühjahr 2010 und spielte mit dem Gedanken, das Fleischessen auf Zeit mal einzustellen. Mein persönlicher CO2-Fußabdruck würde sich dadurch enorm verringern, denn immerhin verursacht weltweit die industrielle Tierzucht mehr schädliche Treibhausgase als der gesamte Verkehr.

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   Das waren sie also, meine ersten Überlegungen, einige Wochen bevor ich auf vegetarische Kostprobe ging. Doch je mehr ich mich mit der Materie beschäftigte, desto wichtiger wurde mir eine andere Sache: das Leid, das wir Tieren zumuten für ein bisschen Genuss. Steht das im Verhältnis? Wer gibt dem Menschen das Recht, sich so selbstverständlich anderer Lebewesen zu bedienen? Wir brauchen kein Fleisch zum Überleben – wir sind keine Inuit, die auf Robbenfleisch angewiesen sind, weil sich auf Eis schlecht Getreide anbauen lässt. Wir essen trotzdem Fleisch – viel und billiges Fleisch. Und behelfen uns dazu einer typisch menschlichen Eigenschaft: dem Verdrängen, das auch ich gut beherrschte.

   Für meine „Kostprobe“ wollte ich den Schalter im Kopf umlegen und sehen, was passiert, wenn ich mit offenen Augen durch die Welt gehe, wenn ich die unbequemen Gedanken an das gequälte Dasein unserer Mitgeschöpfe zulasse, wenn ich mich ernsthaft mit ihnen auseinandersetze. Und ich wollte auf Entdeckungstour gehen. Ich wollte sehen, ob man auch als genussfreudiger Mensch, für den ich mich halte, Alternativen zum Fleisch findet, die den Gaumen und die Sinne befriedigen, denn schließlich schmeckt mir Fleisch.

   Im Laufe meines Experiments setzte dann ein nie dagewesener Boom ein: Zeitungen und Zeitschriften entdeckten das Thema Vegetarismus. Die Artikel schossen wie Pilze aus dem Boden. Bücher erschienen, darunter zwei Bestseller, in Talkshows wurde diskutiert. Und je größer das Thema in den Medien gehandelt wurde, desto vielschichtiger wurden die Aspekte, die zutage traten. So wurde mir im Zuge meiner Recherchen klar, dass ich konsequenterweise Veganerin werden müsste. Denn auch konventioneller Käse ist ein Klimakiller1 und auch für Käse werden Tiere gequält – bei der Herstellung braucht man Lab aus den Mägen von Kälbern. Einblicke in die industrielle Milchproduktion lassen einen auch nicht besser schlafen. Wer ist schon dafür, dass Kühen sofort nach der Niederkunft ihre Kälber weggenommen werden, dass sie ihren Nachwuchs nicht einmal kurz beschnuppern und stillen dürfen …

   Doch Veganismus wäre Stoff für ein weiteres Experiment, ein zweiter Schritt – irgendwann vielleicht. Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden. Und wenn Sie Ihr Haus umweltgerecht sanieren, beginnen Sie vielleicht mal mit den Fenstern oder mit dem Dach … später dämmen Sie die Mauern. Ich wollte meinen Selbstversuch praxisnah gestalten. Ich wollte sehen, wo die Hürden und Stolpersteine sind in unserer auf Fleischkonsum ausgerichteten Gesellschaft, erleben, wie ich mich verändere und wie mein Umfeld auf mich reagiert. Ich wollte einfach mal aufhören, Fleisch zu essen. Tier zuliebe.

Birgit Klaus

Baden-Baden im April 2011

 

Prolog: Nie wieder grillen?

„Möchtest du mit uns grillen?“, fragt mich mein 19-jähriger Sohn Nicolas mit funkelndem Tatendrang in den Augen. Er hat ein paar Freunde eingeladen und die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Ich sitze am Computer auf dem Dachboden und arbeite. Es ist zwar Wochenende, aber ich muss noch ein paar Texte schreiben. Das herrliche Wetter habe ich bisher erfolgreich ignoriert: Die Jalousien sind schon den ganzen Tag halb runtergezogen und die doppelt verglasten Fenster lassen das Gezwitscher der Vögel außen vor. Die würden laut verkünden, dass er endlich da ist, der erste, lang herbeigesehnte laue Sommerabend in diesem Jahr 2010, das bisher nicht viel zu bieten hatte an Sonne und Wärme. Ein Abend wie geschaffen dafür, den Grill im Garten anzuschmeißen. Arbeiten kann ich morgen schließlich auch noch. Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Grillen? Ich bin doch frischgebackene Vegetarierin! Ich darf ja weder Steak noch Wurst auf den Rost werfen!

   Soll das meine Zukunft sein: Ausschluss vom kulinarisch gekrönten Zusammenkommen mit Freunden? Als ich vor vier Wochen aufgehört habe, Fleisch zu essen, habe ich an solche Situationen gar nicht gedacht. Ich hatte mich im Vorfeld nicht wochenlang mit detaillierten Ernährungsplänen beschäftigt, keine Fachliteratur über Vegetarismus gewälzt oder weise Ratschläge von vegetarischen Mitstreitern eingeholt. Nicht einmal entsprechend eingekauft habe ich vor dem Tag X. Ich habe einfach aufgehört. Wie konnte ich das übersehen?, frage ich mich jetzt, da ich mich ausgeschlossen fühle vom kollektiven Genuss. War es womöglich der falsche Zeitpunkt?

 

TEIL 1

Mitgefühl und Konsequenz

Die Frage hat für die Menschen nicht zu lauten: Können die Tiere denken? Sondern sie hat zu lauten: Können die Tiere leiden? Darüber aber gibt es wohl keinen Streit, und das Wissen um diese Leidensfähigkeit muss daher die Hauptsache sein bei jeder Betrachtung der Tierseele durch den Menschen.

(Jeremy Bentham)

 

Es ist ein kühler Sonntag und ich bin mit meinem Freund im südlichen Schwarzwald unterwegs, in einer Gegend, in der einem kaum eine Menschenseele begegnet. Idyllisch ist es im Hotzenwald. Nach einer dreistündigen Wanderung kommen wir zurück zum Ausgangspunkt, einem Waldparkplatz an einer wenig befahrenen Landstraße. Vielleicht alle zehn Minuten kommt hier mal ein Auto vorbei. Wir packen gerade unsere Jacken und Rucksäcke in den Kofferraum, als wir Zeugen eines Unfalls werden: Ein kleines weißes Kätzchen huscht über die Straße und wird ausgerechnet von dem einzigen Fahrzeug weit und breit erfasst. Der Fahrer des Geländewagens bremst kurz ab, wirft einen Blick in den Rückspiegel und drückt dann gleich wieder aufs Gaspedal. Zurück bleibt die angefahrene Katze, die jämmerlich maunzend mitten auf der Fahrbahn liegt. Eine kleine Blutlache hatte sich unter ihr auf dem Asphalt gebildet. Ratlos und schockiert stehen wir am Straßenrand. „Schau nicht hin“, meint mein Freund, aber das kann ich nicht. „Wir müssen etwas tun!“, rufe ich in meiner Verzweiflung.

   Aber was? So grausam es klingt, es wäre ein Akt des Erbarmens, ins Auto zu steigen und das Kätzchen noch einmal zu überfahren. Aber wer soll das tun? Ich auf keinen Fall. Wie verdammt hilflos man in solch einer Situation ist! Die 110 wählen ist wohl auch keine Option – erstens, was soll ich da sagen? „Wir stehen gerade irgendwo im Hotzenwald, wie das nächste Dorf heißt, weiß ich nicht, aber da liegt eine kleine Katze halb überfahren auf der Straße. Ob sie noch lange lebt, wissen wir nicht, aber sie schreit erbärmlich und Sie müssen sofort kommen und helfen.“

   Zweitens habe ich keinen Empfang. Ich schaue also weg und wieder hin, weg und wieder hin und hoffe, dass ein schneller Tod das Tier erlöst. Ist es nicht schon halb tot? Doch dann dreht sich die Katze aus eigener Kraft um und kauert auf allen vieren. Sie schaut mich mit großen Augen an und miaut leise. Sie ist also doch nicht halb tot, sie kommuniziert mit mir – oder versucht es jedenfalls. Ich muss auf die Straße gehen und sie wegtragen, denke ich. Wird sie mich beißen und kratzen? Sind verletzte Tiere nicht unberechenbar? Was, wenn ich ihre Verletzungen verschlimmere oder ihr noch mehr wehtue? Während mir diese Fragen durch den Kopf schwirren, kommt noch ein Auto angerast und überrollt das Tier zum zweiten Mal. Es zuckt noch kurz, aber diesmal überlebt das Kätzchen es nicht. Es ist tot, niedergestreckt von zwei Autos, deren Fahrer nicht einmal anhalten, um zu sehen, was sie angerichtet haben.

   Das Bild des Kätzchens geht mir tagelang nicht aus dem Kopf. Immer wieder sehe ich vor mir, wie es sich mühsam umdrehte und mich Hilfe suchend, flehend anmiaute. Wie zum zweiten Mal ein Auto drüber donnerte und das Tier leblos liegen blieb. Wie hilflos ich mich gefühlt habe. Doch allmählich drängt sich ein anderer Gedanke zwischen diese Szenen: So wie das Kätzchen leiden andere Tiere Tag für Tag. Rinder, Schweine, Hühner. Nicht weil Autos sie versehentlich überfahren, sondern weil Menschen sie halten, um sie zu töten.

   All die Gedanken, ob ich aus meiner Verantwortung für die Umwelt heraus Vegetarierin werden sollte, stehen nun als Motivation nur noch an zweiter Stelle, denn das Projekt „fleischlos leben“ hat ein Gesicht bekommen. Ein Tier, dessen Leiden ich mit ansehen musste, steht stellvertretend für die vielen, die im Verborgenen leiden. Es ist der Moment, an dem ich mir vornehme, fortan mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und Argumente für und Informationen über Vegetarismus zu sammeln, mit dem Ziel: aus Einsicht eines Tages ohne Mühe auf Fleisch verzichten zu können. Die Ergebnisse meiner Recherchen überraschen mich nicht wirklich, vieles ist einem ja in irgendeinem Hinterstübchen schon bewusst, aber wenn ich einen unverklärten Blick auf die Fakten werfe, wird mir klar: Ich muss Konsequenzen aus meinem Wissen ziehen.

©Diederichs©

 

Literaturangabe:

KLAUS, BIRGIT: Tier zuliebe. Vegetarisch leben – Eine Kostprobe. Diederichs Verlag, München 2011. 192 S., 14,99 €.

 

Weblink

Diederichs


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