GÜTERSLOH (BLK) – Im Mai 2010 hat das Gütersloher Verlagshaus Tilman Jens´ „Vatermord. Wider einen Generalverdacht“ herausgegeben.
Klappentext: Für sein erfolgreiches Buch „Demenz“ hat Tilman Jens heftig Prügel, Häme und wirre Anschuldigungen in den deutschen Feuilletons einstecken müssen. Er habe seinen Vater, Walter Jens, „vorgeführt“, „einen Wehrlosen vom Sockel gestürzt“ und „literarischen Vatermord“ begangen – so der Vorwurf an den „feigen Filius“, den „missratenen Spross“. Ebenso groß waren aber auch der Zuspruch und das Lob für sein „bewegendes“, „bestechendes“, „gelungenes“ Buch. Vatermord ist ein besonders perfides Verbrechen, die wahrheitswidrige Bezichtigung eigentlich ein Straftatbestand. Auf eine Klage vor Gericht hat Tilman Jens dennoch verzichtet – und antwortet stattdessen mit einem Buch. Aus unterschiedlichen Perspektiven analysiert er das freudianisch bis heute brisante Delikt, das er niemals begangen hat.
Tilman Jens, geboren 1954, lebt als Journalist in Frankfurt am Main. Buchveröffentlichungen über Uwe Johnson und Mark Twain. Autor von “Goethe und seine Opfer“. Regelmäßige Arbeit für die Kulturmagazine der ARD. Zahlreiche Fernsehdokumentationen für die Kulturmagazine von ARD und 3sat/Kulturzeit. (jos)
Leseprobe:
©Gütersloher Verlagshaus©
Nein, ich habe meinen Vater nicht auf dem Gewissen. Aber hat einer wie ich überhaupt ein Gewissen? Oder ist da nur ein schwarzes, verödetes Loch? Ich selber weiß es nicht mehr in jenen Tagen. Ein Kollege vom Zürcher Tagesanzeiger aber weiß: Walter Jens’ größte Strafe ist sein Sohn. Der beteuere zu allem Überfluss auch noch, dass er ihn liebe, sekundiert donnernd ein alter Kumpan meiner Eltern, Friedrich Schorlemmer, Pfarrer zu Wittenberg, zu DDR-Zeiten ein mutiger Mann, in seiner Predigt zum Karfreitag und fügt, tagesaktuell über die Nachfolger des Verräters Judas sinnend, hinzu, dass ein so liebender Sohn im Hause den Scharfrichter erspart. Dagegen ist Marcel Reich-Ranicki, der einmal der engste Freund meines Vaters war, fast schon wohltuend zurückhaltend. Für ihn ist das Buch über das Demenzleiden des einstigen Mitstreiters einfach nur geschmacklos. Ob er es denn gelesen habe, will der Interviewer Matthias Döpfner wissen. Nein. Ich finde es unanständig, ein solches Buch zu schreiben. Er braucht nicht einmal einen Text, um dem Autor die Meinung zu geigen.
Der alte Mann in Tübingen kann sich derlei Bezeugungen des Mitgefühls nicht mehr verbitten. Ob er es getan hätte? Das Grübeln hat keinen Zweck. Er kann kaum noch sprechen und die anderen haben ihr Urteil gefällt.
Schau in den Spiegel, Du ewiger Sohn. Siehst Du die Fratze des Ödipus? Des Vaters Kind und Mörder doch zugleich. Der Vater hat die Tragödie des Sophokles, die ganze Thebanische Trilogie, doch selbst übersetzt. Im November 2007 – da war er schon schwerkrank – haben wir noch einmal alle zusammen den dritten Teil gesehen. Die Inszenierung der Antigone am Heidelberger Stadttheater war, formulieren wir es behutsam, ein wenig schrill: Kreon mit einer Kokosnuss statt des obligaten Zepters in der Hand, Ismene radelte auf einem Mountain-Bike über die Bühne und der Totenwächter trug eine rote Verdi-Warnstreik-Weste. Aber all das zog gnädig an ihm vorüber.
©Gütersloher Verlagshaus©
Literaturangabe:
JENS, TILMAN: Vatermord. Wider einen Generalverdacht. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010. 192 S., 17,95 €.
Weblink: