Passionierte Vargas-Leser werden sich nach dieser Überschrift bereits jetzt in Aufruhr befinden – aber lesen Sie bitte doch noch einige Zeilen weiter, bevor Sie sich entrüstet abwenden.
Grundsätzlich steht Vargas für kriminalistischen Tiefgang. Für ihre Art, den Leser bis zuletzt im Dunkeln zu lassen und ihn trotzdem immer wieder mitten ins Geschehen zu ziehen. Schwerlich kann er der spannungsbedingten Sogwirkung entgehen. Nachdem er, gemeinsam mit den Ermittlern zur Lösung gekommen ist, taucht der Leser wieder auf, gleichermaßen erschrocken und froh, im Bewusstsein, dass es vorbei ist und er wieder atmen kann. Das ist ihr dieses Mal nicht gelungen.
Bereits zehn Jahre ist es nun her, dass die erste Kurzgeschichte (“Salut et Liberté“) in „Le Monde” erschienen ist, die anderen beiden folgten im Drei-Jahres-Takt in unterschiedlichen Zeitschriften, bevor sie 2002 gebunden unter dem Titel „Coule la Seine” in Paris publiziert wurden. Fünf Jahre später ist der Krimi im Taschenbuchformat auch bei uns zu haben. Man könnte sich fragen, warum wir so lange warten mussten!
Die beiden Übersetzer Julia Schoch und Tobias Scheffel scheinen sich schwer getan zu haben: Stellenweise bringen sie den Leser mit ihren umständlich formulierten Übersetzungen zum Stolpern (da wird „histoire” mit „Gewese” und „préciosité“ mit „Manieriertheit“ übersetzt) und zudem erlauben sie sich willkürliche Hinzufügungen („Vasco erzählte ihm kurz was und sah ihm dann nach, wie er sich die Straße entlang leicht schlingernd entfernte, wie ein Schiff (…)“, wobei der Vergleich mit dem „Schiff“ in der französischen Originalversion gar nicht vorkommt!).
Mit ihren drei neuen kriminalistischen Kurzgeschichten hat sich die Autorin auf dünnes Eis begeben und bricht dabei leider ein. Retten können da auch nicht gelungene Übergänge wie: „Schweigend machten die beiden Polizisten ihre Teller leer, Deniaut mit der Gabelspitze, Adamsberg mit großen Brotstücken. Die dicke Frau kippte über das Geländer (…)“, die jedoch bereits zu den rhetorischen Finessen des Buches gehören und eher erfreuliche Höhepunkte als qualitativer Standard sind.
„Manche schenken sich ein Nilpferd, andere leisten sich das Leben einer Frau“: Für solche Einfälle, in denen der Humor der Autorin deutlich wird, wurde sie in der Vergangenheit oftmals gelobt; hier sind sie jedoch eher eine Seltenheit. Jeweils zu Beginn der Kurzgeschichten wird der Leser mit einem Mord konfrontiert. Im Anschluss macht sich Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg mit seinem treuen Partner Danglard an die Aufklärung. Allein sind sie dabei allerdings nie:
Bei der ersten Ermittlung greift dem introvertierten Gewittergott Adamsberg („Manchmal konnte man sich im August jeden Abend für Gott halten, in anderen Jahren blieb man den ganzen Monat jeden Tag einfach nur Bulle.“), ein angeblicher Landstreicher unter die Arme, der sich Vasco da Gama nennt. Mit dessen Hilfe wird der anonyme Briefeschreiber am Ende als Täter überführt.
Im zweiten Fall („Die Nacht der Barbaren“) sieht sich das ungleiche Ermittlerduo Adamsberg und Deniaut („Deniaut war nicht nur tugendhaft, sondern auch akkurat. Ungefähre Schätzungen ertrug er nicht, für Adamsberg hingegen waren sie Lebensgrundlage.”) einem inszenierten Selbstmord gegenüber.
Dieses Mal stellt Vargas ihnen den Ornithologen Charles als „großen, gut aussehenden Typ (…) elegant und wankend, würdevoll und stockbesoffen” zur Seite, der den entscheidenden Hinweis aus der Ausnüchterungszelle des Kommissariats liefert.
Aber eigentlich wäre gerade diese immer wiederkehrende dritte, maßgeblich zum Erfolg der Ermittlungen beitragende Person, gar nicht nötig, denn „Adamsberg war eben so. Er wusste Sachen vor allen anderen”. Und spätestens nach der dritten Kurz-Krimi-Episode („Fünf Francs das Stück“), die das gleiche kriminalistische Strickmuster aufweist wie schon die beiden vorangegangenen, hat man genug davon. Davon, dass dem Leser durch die Alleingänge des Kommissars, die nicht weiter beschrieben werden, keine Möglichkeit gegeben wird, sich selbst als “Detektiv” durch die Geschichte zu lesen.
Denn wenn Adamsberg die Zeugenaussagen, die er mit Hilfe seiner empathischen Vernehmungstaktik erlangt hat, im Verborgenen mit den übrigen Puzzleteilen zusammensetzt und dem Leser unmittelbar danach die Lösung des Falles präsentiert, ist diesem nicht mehr nach „Rätselraten und Spurensuche”.
Von Sabrina Slawinski
Literaturangaben:
VARGAS, FRED: Die schwarzen Wasser der Seine. Übersetzt aus dem Französischen von Tobias Scheffel und Julia Schoch. Aufbau Verlag, Berlin 2007. 147 S., 8,95 €.
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