BERLIN (BLK) – Der Autor Tilman Jens hat den Vorwurf zurückgewiesen, er habe mit seinem Bekanntmachen der Demenz-Erkrankung seines Vaters Walter Jens einen „Nachruf zu Lebzeiten“ veröffentlicht. „Es ist kein Nachruf, es ist ein Nachdenken über meinen Vater, den ich über alles liebe“, sagte Jens am Mittwoch (5. März 2008) im Kulturradio des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). „Ich würde nie von meinem Vater in der Vergangenheit sprechen. Aber diese Krankheit gehört dazu, es wird viel zu viel tabuisiert um sie.“
Seine Familie wolle „den traurigen Zustand meines Vaters nicht verstecken, er führte ja auch ein öffentliches Leben“, betonte der Sohn. Walter Jens, der am Samstag (8. März 2008) 85 Jahre wird, war lange Jahre auch Präsident der Berliner Akademie der Künste und davor auch deutscher PEN-Präsident.
„Demenz ist weder ein Tabu noch eine Schande.“ Subjektiv gehe es seinem Vater „etwas besser, weil er den Prozess des Verstummens, des Ausblendens, des Auslöschens nicht mehr mitbekommt“.
Jens hatte am Dienstag (4. März 2008) in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ („FAZ“) offenbart, dass sein Vater dement sei. Inge Jens, die Ehefrau des in Tübingen lebenden Philologen und Publizisten, sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa, ihr Mann sei an Mikro-Angiopathie erkrankt, „eine Gefäßerkrankung, die auch das Gehirn ergriffen hat und dort Ausfälle provoziert“. Einige der am Mittwoch (5. März 2008) dazu erschienenen Medienberichte tragen Überschriften wie „Nachruf zu Lebzeiten“, „Vatermord“ oder „Das Vergessen des Walter Jens“.
Tilman Jens hatte 2002 eine TV-Dokumentation mit dem Titel „Bis zum letzten Tropfen“ über den damals in einem Pflegeheim für Demenzkranke lebenden und entmündigten Schauspieler Harald Juhnke gedreht. Juhnke starb am 1. April 2005 im Alter von 75 Jahren.
1984 erregte Tilman Jens Aufsehen mit einer Reportage über den einsamen Tod des Schriftstellers Uwe Johnson („Jahrestage“) in England. Dabei war ihm vorgeworfen worden, zur Beschaffung von Materialien für seine Zeitschriften-Reportage („Der Stern“) in das Haus Johnsons eingedrungen zu sein. An der Veröffentlichung des Buches mit dem Titel „Unterwegs an den Ort, wo die Toten sind“ im Piper Verlag hatte die Berliner Akademie der Künste mit ihrem Präsidenten Günter Grass seinerzeit heftige Kritik geübt. Der Verlag hatte dazu erklärt, er könne in dem Buch keine Verletzung der Intimsphäre des Schriftstellers Uwe Johnson erkennen. (dpa/wip)