Man stelle sich vor, zu früh auf einer Party zu erscheinen. Die Gäste stehen vereinzelt in der Ecke herum, man weiß nichts über sie außer Geschlecht und ungefähres Alter. Allmählich entwickelt sich durch Gespräche und Musik ein Charakter der Veranstaltung. Jede Party ist ein Experiment. Selbst der Gastgeber weiß nicht, was auf ihn zukommt. Thomas Meinecke ist DJ, seit fast 30 Jahren Musiker der Band FSK und in diesem Fall Gastgeber seiner nunmehr fünften Diskurs-Party, die 347 Seiten lang ist.
Meineckes Romane sind Versuchsanordnungen, durch die er sich am eigenen Erkenntnisinteresse für Gender Studies, Popkultur und poststrukturalistische Theorie experimentell entlang schreibt. Dabei lässt sich immer vortrefflich darüber streiten, ob diese Texte überhaupt als Romane durchgehen, denn eine Handlung, die als narrativ gelten könnte, gibt es bei ihm genauso wenig wie ausgefeilte Charaktere. Seine überaus belesenen Figuren, die lose Beziehungsgeflechte bilden, dienen ihm vor allem als Textautomaten, die miteinander ein wucherndes Diskursnetz aus Primär-, Sekundär- und Tertiärtexten zusammendiskutieren. Und mitunter erkennt der Leser bald erstaunt, bald belustigt oder entnervt, dass der Autor des Buches, das er in Händen hält, die Figuren in ihm und er selbst das gleiche tun: Sie lesen.
Der begnadete Rezipient, Remixer und Rezitator Meinecke erzählt weniger Geschichten als vielmehr Diskurse, ja, seine Texte sind Diskurse, und dabei gibt es ex natura keinen Anfang, kein Ende und dazwischen keine nennenswerte Handlung jenseits des Geistes. Kein Wunder also, dass sich seine fiktionalen Parade-Doktoranden vor lauter Hirnschmalz oft schwer tun mit dem Fleischlichen. Allzu oft erscheinen sie als konturlose Statisten, die ihre Erzählung nur notdürftig zusammenhalten.
Mit „Jungfrau“, so scheint es, hat Meinecke dieses Problem geschickt gelöst, indem er seine Figuren zum ersten Mal den weltlichen und geistigen Forderungen der Texte, die sie rezipieren, aussetzt. Sein fünfter Roman kreist in großer popistischer Geste um Körper und Geist, Liebe, Begierde, Entsagung und Transzendenz im Katholizismus. Der junge Student Lothar Lothar läuft von der körperlichsten aller Wissenschaften, der Theaterwissenschaft, zur katholischen Theologie über, gelobt von nun an keusch zu leben und vergräbt sich tief in die katholische Mystik Hans Urs von Balthasars und Adrienne von Speyers.
Er liest Texte, die nur so strotzen vor sexuellem Verlangen nach Gott, vor erotischer Aufladung zwischen Eros und Agape. Für Lothar ist die Entsagung eine sublimierte, erotisch raffinierte Form der Liebe, doch als ihn die attraktive Jazzpianistin Mary Lou umgarnt, kommt der ungelenke verklemmte Theologie-Student, dessen Auftritte einer gewissen unfreiwilligen Komik nicht entbehren, im wahrsten Sinne des Wortes ins Schwitzen.
Um diese beiden Figuren herum hat Meinecke eine überwältigende Materialsammlung aus Zitaten, Zusammenfassungen und Fragmenten aus katholischer Mystik, Jazzgeschichte, Pop und Camp angehäuft: Abaelard, Paul Claudel, Jack Smith, Scorsese, Madonna, Warhol, Benedikt XVI., die Hollywood B-Film-Ikone Maria Montez und ihr Transvestiten-Widergänger Mario Montez gehören ebenso dazu wie Mythen um religiöse Ikonen wie die mittelalterliche Mystikerin Katharina von Siena, die angeblich die nicht zum Himmel aufgefahrene Vorhaut des Gekreuzigten als Ehering trug.
Was Meinecke an der Auseinandersetzung mit dem Katholizismus von Giorgio Agamben bis Slavoj Zizek und weit darüber hinaus reizt, ist nicht moralischer sondern theoretischer Natur. Die katholische Kirche gerät ihm zu einem „intellektuellen Zentralkomitee“, das ideengeschichtlich nicht hinterm Mond lebt, sondern ihren Foucault gründlich studiert hat und in ihrem ausgeprägten Weiblichkeitskult, dem ausschließlich Männer huldigen dürfen, zum Gegenstand popistischer Gender Studies werden kann. So entdeckt er in der Transsubtantionslehre (Abendmahl) Strategien fortschrittlichster Zeichentheorie, und das Zölibat gerät ihm zu einer intellektuellen Abmachung im vollen Wissen um das Körperliche.
„Wir tun ja nicht nichts, sondern wir tun Dinge nicht“, lässt er seinen gepeinigten Protagonisten in Anspielung auf das Zölibat betonen. Enthaltsamkeit wird ihm so zum erotisch raffinierten Nicht-Tun im Wissen um das, was man so alles miteinander anstellen könnte. Derartiges ist natürlich dekadent, doch ohne Dekadenz wäre die Kirche als literarischer Gegenstand für Meinecke höchstwahrscheinlich völlig uninteressant. Nur so kann er sie in seine ganz eigene Sample-Popliteratur überführen.
Das alles ist ungeheuer belehrend, nicht selten bizarr und mitunter fühlt der Leser in dieser riesigen Materialfülle dieses ausgemachten Schlaumeier-Autors eine gewisse Verachtung für die Unwissenheit seiner Leser mitschwingen. Doch trotz all dessen gelingt Meinecke in „Jungfrau“ ein entscheidender Schachzug, der seinen früheren Romanen abging: Die Praxis kommt der Theorie ins Gehege. Der zum Hardcore-Katholiken bekehrte Protagonist Lothar Lothar bekommt die realen Zwänge seiner feingeistigen religiösen Studien am eigenen Leib zu spüren, und zwar in Form einer reizenden echten fleischlichen jungen Frau. Selbst Woody Allen hätte jene großartig verklemmten Szenen nicht besser inszenieren können. So unterhaltsam war Meinecke seit seiner kleinen Erzählung „Holz“ Ende der 90er Jahre nicht mehr. Über das Schlachtfeld der Kollage weht zum ersten Mal ein sanfter erzählerischer Wind.
Von Lutz Happel
Literaturangaben:
MEINECKE, THOMAS: Jungfrau. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008. 346 S., 19,80 €.
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