Von Stephanie Schick
Wer sich in der DDR modebewusst kleiden wollte, brauchte entweder Westkontakte, ein dickes Portemonnaie oder Kreativität und Fantasie. Letztere beflügelte die Frauenzeitschrift „Sibylle“, die zwar keine Katalogbestellungen entgegennahm, dafür aber Schnittmuster und Inspirationen lieferte.
Die Sonderausstellung „SIBYLLE. Modefotografie und Frauenbilder in der DDR“, die am 22. August im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte zu Ende ging, erinnerte an die DDR-Modewelt. Wer es nicht rechtzeitig in die Ausstellungshallen geschafft hat oder sich die bleibenden Eindrücke gern ins Wohnzimmer holt, der kann auf den Bildband „Sibylle. Modefotografien 1962-1994“ zurückgreifen, der jüngst im Lehmstedt Verlag erschienen ist.
Dorothea Melis, von 1961 bis 1970 kreativer Kopf der „Sibylle“, hat mit diesem Band eine Auswahl der schönsten Modefotografien von 1962 bis 1994 getroffen. In den Jahren vor 1961 führte die 1956 gegründete Frauenzeitschrift ein eher kümmerliches Dasein, wirkte antiquiert und verstaubt. Der damaligen Chefredakteurin kam deshalb die junge, kritisch-energische Dorothea Melis sehr gelegen. Mit ihrer Abschlussarbeit hatte sie konstruktive Kritik am Blatt geäußert und stieß damit ausnahmsweise nicht auf taube Ohren. Vielmehr kam sie mit ihrem Diplom als Modegestalterin der „Hochschule für bildende und angewandte Kunst“ in Berlin-Weißensee in der Hand, sah, was zu verändern war, und triumphierte: Bald schon erreichte die Zeitschrift eine Auflage von über 200.000 Exemplaren. Durch wie viele Frauenhände sie tatsächlich gereicht wurde, kann man nur ahnen. Für die kommenden Dekaden war die Sibylle jedenfalls nicht mehr aus der DDR-Modewelt wegzudenken.
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Folgerichtig wurde die „Sibylle“ fortan als „Vogue des Ostens“ betitelt, was Dorothea Melis ungern hört. Zu elitär sei dieses Magazin, bis heute. Man habe sich eher an der französischen „Elle“ orientiert, denn selbst die „Brigitte“ der BRD steckte erst in den Kinderschuhen. Ohne konkrete Orientierung an irgendeinem bereits existierenden Zeitschriftenformat verließ sich Melis lieber auf ihren Instinkt.
So entwickelte „Sibylle“ sich zu einer Zeitschrift für „Mode und Kultur“, die „nicht nur über Rocklängen und Kragenformen informieren wollte“, wie es im Vorwort heißt. Noch stand die Mauer nicht, so dass die Inspirationen zwischen Ost und West rege flossen und die Kultur der Mode in nichts nachstand. Das Heft informierte über Theater, Film, Literatur, Malerei, Grafik, Architektur und Formgestaltung.
Es gelang, mit diesem eigenwilligen Zeitungsformat das vorherrschende Modediktat abzusetzen und die Emanzipation voranzutreiben. Schließlich hielt auch im Osten der Minirock Einzug - mit nur zwei Jahren Verspätung. Und das ist vor allem der Avantgardistin Melis geschuldet, die selbst Mini trug und von ihren Kommilitonen zurechtgewiesen wurde, ohne sich davon beeindrucken oder abschrecken zu lassen.
Die avantgardistische Grundhaltung offenbart sich bereits im Namen „Sibylle“, galten doch die Sibyllen in der griechischen Mythologie als Prophetinnen - weise, ahnend und ihrer Zeit voraus. Auch Dorothea Melis besaß dieses erstaunliche Gespür für Trends und Visionäres. Nur so entkam sie dem sozialistischen Einheitsbrei und der Tristesse. Angesichts zahlreicher Restriktionen und allgegenwärtiger Mangelwirtschaft war ein solches Improvisationstalent auch dringend erforderlich. Auf Anfragen, wo es die abgebildete Kleidung denn zu kaufen gäbe, konnte man nur mit Schnittmustern aushelfen.
Konflikte angesichts der misslichen politischen und wirtschaftlichen Lage traten dennoch nicht offen zutage. Vielmehr entwickelte sich eine stilsichere Bildsprache, aussagekräftig und wirkungsmächtig. Wer sich die Schwarz-Weiß-Fotografien des Bandes genau ansieht, gerät unweigerlich in einen Sog. Dabei folgte „Sibylle“ einem recht schlichten, klassischen Muster.
Schon die Auswahl der Modelle unterlag einem einfachen Grundsatz: Natürlichkeit und Frische sollten die Fotomodelle versprühen. Jene Frauen mit dem „gewissen Etwas“, die etwas größer, schlanker und schöner als der Durchschnitt waren, sprach man geradewegs auf der Straße an. Das erweist sich auch heutzutage noch als probates Mittel: Claudia Schiffer wurde in einer Diskothek entdeckt und Kate Moss lief irgendwo in Londons Straßen einem Headhunter in die Arme.
Eine ähnlich unverstellte Herangehensweise galt auch für die Auswahl der Kulissen. Künstlich erschaffene, fahle Räumlichkeiten oder plumpe Studioretuschen galten als verpönt. Lieber bereiste man große Städte wie Prag oder Budapest. S-Bahnhöfe oder die Ostsee dienten als Szenario, oft auch der Berliner Lustgarten. Insofern man überhaupt von einem „Hinter-Grund“ bei dieser Art Modefotografie sprechen möchte, lohnt sich ein genaues Hinsehen. Die Varianz von abrissreifen Gemäuern und neuen sozialistischen Plattenbauten erhält einen Spannungsbogen, der sich wiederum in den Bewegungen und Körperhaltungen der Modelle widerspiegelt.
Besonders auffallend ist dabei der meist melancholische Blick der Modelle. Bis auf wenige Ausnahmen lässt dieser eine tiefe Sehnsucht erahnen. Wirken die Bilder vielleicht deshalb so extravagant und erotisch? Sie erinnern an französischen Chic und strahlen Eleganz aus, die man dem sozialistischen Realismus nie zugetraut hätte. Dennoch entbehren sie keinerlei Authentizität: Die Mode blieb tragbar und hielt für jeden Geschmack etwas parat. Auch hier fließen Mode und Präsentationskunst mit der spezifischen Ausstrahlung der Modelle und Hintergrundarrangements zusammen. In der Summe liefern sie dem Betrachter ein lebensnahes, wirkliches Bild mit hohem ästhetischem Anspruch.
Oft erinnern die Bildkompositionen an Filmausschnitte. Sie wirken lyrisch. Die Fotografien sind Momentaufnahmen, die eine Geschichte erzählen. Ohne gestellt zu wirken, avancieren sie zur stilisierten Kunst.
Zum Teil tragen optische Täuschungen zum Entstehen dieser Aura bei. Verschleierungen, Verzerrungen, Spiegelungen oder besondere Reliefs, die beispielsweise an Tierfelle erinnern, werden eingearbeitet. Dieses Spiel mit Assoziationen findet man heute oft in der Werbe- und Modebranche.
Die angenehme Zurückhaltung, mit der die Fotografien kommentiert wurden, erhält deren Zauber. Keine unnötigen Erklärungsversuche stören das eigene Interpretieren und Entdecken. Der Band benennt lediglich Fotograf, Modell, gegebenenfalls Ort und Entstehungsdatum.
Stilprägend für die „Sibylle“ und den hier vorliegenden Fotoband ist darüber hinaus die Symbiose aus Mode- und Porträtfotografie. Vor allem Roger Melis’ in Lichtgestaltung und Bildaufbau klassisch gehaltene Porträts prägten die Zeitschrift über Jahrzehnte hinaus. Dazu gesellten sich verschiedene Fotokünstler mit ihrer einzigartigen Handschrift. So fotografierten beispielsweise auch Arno Fischer, Sibylle Bergemann, Karol Kállay oder, der jüngeren Generation angehörig, Steffi Graenitz und Sven Marquardt für „Sibylle“.
Letztere konnten leider nur noch kurzzeitig für das Mode- und Kulturmagazin fotografieren, denn schon 1994 stellte die „Sibylle“ den Druck ein. Zu viele treue DDR-Leserinnen mussten nachholen, was ihnen in den vergangenen vierzig Jahren vorenthalten wurde. Der „Sibylle“ ging die Stammleserschaft abhanden, nachdem die DDR von Mode- und Frauenmagazinen aus dem Westen regelrecht überschwemmt worden war.
Dorothea Melis konnte das nachvollziehen. Sie selbst musste sich nach der Wende auch mehrmals neu orientieren, indem sie verschiedene Aufgaben übernahm und sich immer wieder neu erfunden hat. Nicht umsonst lautet ihr persönliches Motto: Immer aktiv bleiben!
Sibylle. Modefotografien 1962-1994. Herausgegeben von Dorothea Melis. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2010. 175 S., 24,90 €.