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Susan Sontag: Erste Biografie über Amerikas Star-Intellektuelle

Als 14-Jährige trinkt sie mit Thomas Mann Tee, ist aber mächtig enttäuscht von ihrem Idol

© Die Berliner Literaturkritik, 29.01.08

 

Von Gisela Ostwald

NEW YORK (BLK) – Noch ist der schriftliche Nachlass von Susan Sontag versiegelt. Erst Ende 2009, fünf Jahre nach ihrem Krebstod, dürfen die persönlichen Dokumente der amerikanischen Essayistin und Romanautorin von Biografen gesichtet werden. Ihnen kam der junge deutsche Literaturwissenschaftler und Journalist Daniel Schreiber jetzt zuvor. Er stellt mit „Susan Sontag: Geist und Glamour“ ein ebenso feinfühliges wie ausgewogenes Porträt der einstigen Grande Dame des intellektuellen Amerikas, des „öffentlichen Gewissens“ ihres Landes, vor.

Schreiber hatte Sontag noch während seines Studiums in New York erlebt. Er war fasziniert von ihrer Ausstrahlung, den provokativen Thesen und der Chuzpe, „dumme“ Fragen unbeantwortet zurückzuweisen, wie er der Deutschen Presse-Agentur dpa verriet. Statt zu warten, beschloss Schreiber, seine Biografie auf das zu stützen, was Sontag in ihren Texten und vielen Interviews schon über sich gesagt hatte. Zudem befragte er gut zwei Dutzend Menschen, die Sontag nahe standen, ihren Sohn und Kollegen David Rieff, zwei lebenslange Freunde, Stephen Koch und Richard Howard, sowie Verleger, Künstler, Literaten.

Demnach verliehen Kunst, Musik und Literatur Sontag „das Gefühl, all das sein zu können, was sie wollte, und das zu erreichen, was sie sich vornahm“. Autorin zu sein, war für die bildschöne und gebildete junge Frau „die privilegierteste aller Lebensformen“. Sie beginnt zu schreiben, „um Autorin zu sein“, Schreiben bedeutet Sontag Freiheit.

Sie stellt in Frage, provoziert, löst Diskussionen aus und prägt den Zeitgeist entscheidend mit. Schon ihre ersten Essays, „Against Interpretation“ und „Notes on Camp“, katapultieren die gerade 31-Jährige in den Status eines intellektuellen Stars. Dieses Image zu pflegen, das „eine Idee von Glamour und Romantik in die männlich-trockene Intellektuellenwelt brachte“, gelingt ihr zeitlebens mit spielerischer Leichtigkeit. Sie selbst nennt diese Art „das Projekt Susan Sontag“.

Dabei hatte das spätere „Glamourgirl der Popkultur“ einen denkbar schlechten Start. Am 16. Januar 1933 in New York in eine wohlhabende jüdische Familie geboren, wurde Susan Rosenblatt die ersten fünf Jahre von einem Kindermädchen aufgezogen. Die alkoholkranke Mutter kehrte erst nach dem Tod des Vaters aus China zurück und zog mit Susan und ihrer jüngeren Schwester bald darauf nach Tuscon. Dort lebt die Familie in einem heruntergekommenen kleinen Trailer am Rande der Wüste, bis die Mutter wieder heiratet und ihrem Mann, einem Kriegsheimkehrer namens Sontag, mit beiden Töchtern nach Kalifornien folgt.

Susan konnte schon als Dreijährige lesen und übersprang in der Schule gleich zwei Klassen. Mit zehn verschlingt sie Klassiker wie Homer und liest sich durch Enzyklopädien. Als 14-Jährige trinkt sie mit Thomas Mann Tee, ist aber mächtig enttäuscht von ihrem Idol. 16-jährig besucht sie bereits die Universität, heiratet im Jahr darauf einen Dozenten und bringt mit 19 sein Kind zur Welt. Genauso schnell ist sie wieder geschieden.

Nach einem wilden Jahr in Paris versucht Sontag ihr Glück in New York, 23-jährig, mittellos, als alleinerziehende Mutter. Ihre Zielstrebigkeit, gepaart mit Charisma und einem scharfen Geist lassen sie schon bald zu einflussreichen Verlegern vordringen und öffnen ihr die Tür in die New Yorker Kulturszene. Auf den Partys liegen ihr die Kunstlegende Jasper Johns, der Politiker Robert (Bobby) Kennedy und Hollywoods Sexsymbol Warren Beatty zu Füßen. Ihre Texte lassen Amerikas Intellektuelle aufhören.

Derweil tritt Sontag in Filmen von Andy Warhol und Woody Allen auf, wird das Werbegesicht einer Wodka-Marke, bereist Nordvietnam, dreht in Schweden und inszeniert ein Theaterstück im zerstörten Sarajevo. Eine dritte Krebserkrankung wird ihr am 28. Dezember 2004 zum Verhängnis. Neben die sorgfältig dokumentierte Chronologie von Sontags Leben stellt Daniel Schreiber auch eine Bibliographie ihrer Werke: Neun berühmte Essay-Sammlungen, vier Romane, zwei Filmscripts und ein experimentelles Theaterstück.

Literaturangaben:
SCHREIBER, DANIEL: Susan Sontag. Geist und Glamour. Biographie. Aufbau-Verlag, Berlin 2007. 342 S., 22,95 €.

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