Stephen King: Zwischen Nacht und Dunkel, Heyne Verlag, 528 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-453-26699-5
Von Thomas Strünkelnberg
Was macht Stephen King zu „Amerikas Meister des Schreckens“, als den er sich selbst sieht? Es ist die Fähigkeit, völlig durchschnittliche Menschen, in denen wohl jeder Leser sich wiedererkennen kann, in die grausigsten und blutigsten Verwicklungen zu treiben. Er kann sich eine eigentlich normale und unauffällige Beziehung zwischen zwei Menschen vornehmen - es endet in Blut und Tod. So auch in seinem neuen Novellenband „Zwischen Nacht und Dunkel“, mit dem King erneut zu seinen Wurzeln und den kürzeren literarischen Formen zurückkehrt. Und sich auf eine Art Rachefeldzug begibt, denn Gewalt wird hier auf grausamste Art gesühnt.
Mit dem düsteren „Zwischen Nacht und Dunkel“ ist King zurück in einem Metier, das er seit seinen Anfängen vollendet beherrscht - nämlich in knapper Form schlicht spannende Geschichten zu erzählen. Oder auch in nicht ganz so knapper Form, denn so manche der Novellen wäre bei anderen Autoren schon ein Roman - King mag es ein wenig weitschweifig. Schon mit „Sunset“ hatte er eine Sammlung von Kurzgeschichten vorgelegt und sich gewissermaßen neu erfunden - um dann den fast 1300 Seiten langen Roman „Die Arena“ folgen zu lassen.
Wie meist, wenn nicht gerade Geister in seinen Romanen ihr Unwesen treiben, sind in die Enge getriebene, sonst völlig normale Menschen am Werk, keineswegs Monster. Das beginnt bei dem Landwirt Wilfred James in „1922“, der seine Frau brutal abschlachtet - und zwar mit Hilfe seines erst 14-jährigen Sohnes. Was schon so schauerlich genug klingt, rächt sich an allen Beteiligten - und Unbeteiligten - auf grausame Weise. Fast unnötig zu erwähnen, dass der Autor das Verhängnis mit allerlei ekelhaften Details garniert. Ohnehin folgt bei King auf Gewalt an Frauen meist das äußerste Maß an Horror - der Autor bleibt politisch korrekt.
Davon ist der Ehemann in „Eine gute Ehe“ weit entfernt: Seine Frau entdeckt durch Zufall, dass es sich bei dem Mann, mit dem sie seit Jahrzehnten verheiratet ist, um einen Serienmörder und Psychopathen handelt. Faszinierend, wie intensiv sich der Autor in die Lage der Frau versetzt, die bei allem Horror keinesfalls ihrer Familie schaden will. Doch sie findet einen Weg - und sorgt für ein Ende.
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Auch „Big Driver“ nimmt die Perspektive einer Frau ein - einer Autorin, die auf einsamer Landstraße vergewaltigt und dann wie Abfall entsorgt wird. Die Frau überlebt. Sie fürchtet Erniedrigungen bei Untersuchungen und Verhören, daher kommt nach und nach der schließlich übermächtige Gedanke an Rache auf. Dies ist nun ganz und gar nicht politisch korrekt - und doch: Als Leser versteht man die Frau, deren Gedankengänge King einfühlsam schildert. Und das bis zu dem Moment, in dem das Opfer selbst zur Mörderin wird.
Etwas aus dem Rahmen fällt die Erzählung „Faire Verlängerung“ - nicht um Rache geht es hier, sondern um eine zynische Beschwörung von Schadenfreude, die ausnehmend bösartig sein kann. Und, kaum zu glauben, nicht unkomisch. Wobei der Autor einen ziemlich schwarzen Humor pflegt.