Von Thomas Hajduk
Britische Zeithistoriker haben meist ein gutes Gespür für spannende Themen. Das ist auch nicht weiter schwer, mag man erwidern: Empire, Zweiter Weltkrieg und Nationalsozialismus sind ohnehin Dauerbrenner des britischen Geschichtsbetriebs. Auch Michael Burleigh gehört in die Riege dieser viel gelesenen Historiker.
Der Mann, der sich auf seiner Homepage als „Historiker und Autor“ bezeichnet, wurde in mittelalterlicher Geschichte promoviert. Das Thema der Dissertation – preußische Gesellschaft und Deutscher Orden – gab die Richtung seiner weiteren Forschung vor: Von Burleigh stammen Bücher über deutsche Ostforschung, Rassismus, Euthanasie, Genozid und schließlich das Dritte Reich selbst. Klugerweise hat er dabei sein Forschungsinteresse auf die populäre und leichter zu verkaufende Zeitgeschichte gelegt.
Mit „Das Dritte Reich“ (2000) hat Burleigh zunächst das Thema Nationalsozialismus abschließend hinter sich gelassen. Ein neues Thema ließ nicht lange auf sich warten.
Nach den Anschlägen des 11. September 2001 war die bis dato vernachlässigte Religionsgeschichte mit einem Mal wieder en vogue. Burleigh, der sich seit den Anschlägen durch islamkritische Kommentare in konservativen Medien hervortut, fand so den Stoff zu seinen 2005 und 2006 erschienenen Büchern „Earthly Powers“ und „Sacred Causes“, die seit einigen Monaten als gewichtige Doppelausgabe auch auf Deutsch vorliegen.
Geballte 1.300 Seiten umfasst die deutsche Übersetzung. Angesichts des riesigen Themas ist das aber gering: 200 Jahre Religions- und Kulturgeschichte in Europa. Selbst wenn man bedenkt, dass Burleigh sich im Wesentlichen auf die großen europäischen Nationen, das Christentum und die großen historischen Debatten beschränkt, leidet „Irdische Mächte, göttliches Heil“ an dem Gebrechen aller Überblickswerke: Zu umfassend und materialreich, um wirklich lesbar zu sein, zu verkürzt und exemplarisch, um im Einzelfall zu überzeugen.
Die Güte des Buches, das Studenten einen guten Überblick verschafft und daher bald zu einem Standardwerk avancieren dürfte, muss sich also von seiner Syntheseleistung und innovativen Erklärungen ableiten. In diesen beiden Punkten hat Burleigh nicht viel zu bieten.
Der erste Band umfasst das lange 19. Jahrhundert, also die Zeit von der Französischen Revolution 1789 bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1914. Burleigh beschreibt darin den Versuch der französischen Revolutionäre, die Religion abzuschaffen, und die Auswirkungen, die dies sowohl für die katholische Kirche als auch die europäischen Gesellschaften im 19. Jahrhundert hatte. Laut Burleigh sei die direkte Folge der Revolution die Suche nach einer säkularen Utopie gewesen, die die Heilslehre der Kirchen ersetzen sollte, de facto aber nur unermessliches Leid über Europa gebracht habe.
Um seine These zu untermauern, erzählt Burleigh im ersten Band die Geschichte von den großen Ersatzreligionen Kommunismus und Nationalismus. Letztlich bedeutet das eine Abfolge von zusammenfassenden Betrachtungen wie etwa über das Utopische und gleichsam Religiöse der Revolution, den Nihilismus in Russland, erwachenden Nationalismus in ganz Europa und die soziale Frage. Dazwischen taucht dann immer wieder die katholische Kirche auf, für deren Lenker Burleigh meist voller Sympathie ist.
Obgleich der erste Band mit keiner innovativen These aufwartet, gibt er immerhin einen interessanten Überblick über wichtige Aspekte von Religion und Säkularisierung im 19. Jahrhundert. Ja, der erste Band ist geradezu hervorragend, wenn man ihn mit dem zweiten Band vergleicht, der vom Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart reicht. Denn hier geht Burleighs christlich-konservative Kulturkritik zu oft mit ihm durch, als dass man ihn als Historiker noch ernst nehmen könnte.
Die These von den säkularen Utopien, die in den Massenmord des Ersten und Zweiten Weltkriegs münden, endet im Jahr 1945. Spätestens ab diesem Zeitpunkt gerät Burleigh vom Historiker zum Polemiker, der mit Vorliebe den Relativismus und Atheismus des Nachkriegseuropas anprangert und den kulturellen Liberalismus der 1960er und 1970er Jahre verächtlich macht. Je näher er der Gegenwart kommt, desto beißender und nerviger wird sein Tonfall. Sein Kulturpessimismus kulminiert schließlich in dem düsteren Bild von „Eurabia“, einem altersschwachen und bis zur Selbstzerstörung liberalen Europa, das von muslimischen Einwanderern unterlaufen wird.
Wäre nicht diese große Lust an der Stichelei, die diesem konservativen Kulturkritiker so gefällt, man könnte „Irdische Mächte, göttliches Heil“ als Überblickswerk mit den üblichen Defiziten empfehlen. Diese Einschränkung gilt natürlich nicht für diejenigen, die Burleighs Brikett nach vollendeter Lektüre zwischen ihren Benedikt und Huntington stellen. Sie wird es auch freuen, dass schon die Übersetzung des neuesten Burleighs ins Haus steht: „Blood & Rage“ – eine Kulturgeschichte des Terrorismus.
Literaturangaben:
BURLEIGH, MICHAEL: Irdische Mächte, göttliches Heil. Die Geschichte des Kampfes zwischen Politik und Religion von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart. Übersetzt aus dem Englischen von Klaus Binder und Bernd Leinweber. DVA Sachbuch, München 2008. 1280 Seiten, 69,95 €.
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