Stadtentwicklung am Beispiel von Chandigarh

Erbaut fast mit bloßen Händen – Was wir von Indien lernen können

© Die Berliner Literaturkritik, 29.08.11

Chandigarh 1956. Le Corbusier, Pierre Jeanneret, Jane B. Drew, E. Maxwell Fry. Herausgegeben von Stanislaus von Moos. Fotografien von Ernst Scheidegger; Texte (deutsch und englisch) von Maristella Casciato, Verena Huber Nievergelt, Stanislaus von Moos und Ernst Scheidegger. Verlag Scheidegger & Spiess Zürich 2010, 271 Seiten, 55,00 €. ISBN: 978-3-85881-222-3.

Von Hans-Gert Braun

Chandigarh wurde in den 50er Jahren mit einer archaischen Technologie - fast „mit bloßen Händen“ - erbaut. Das vorliegende faszinierende Buch hat dieses außerordentliche städtebauliche Großprojekt mit Fotos, Zeichnungen und Texten sehr eindrucksvoll dokumentiert. Der Schweizer Fotograph Ernst Scheidegger hat das Projekt damals als Fotograf begleitet. Sein bereits für 1956 geplantes Buchprojekt konnte jedoch erst über 50 Jahre später realisiert werden. - Was sind die Besonderheiten dieses indischen Projektes?

Indien erhielt 1947 seine Unabhängigkeit, aber Pakistan spaltete sich als selbstständiger Staat ab. Mit dieser Abspaltung wurde der Punjab geteilt – in einen indischen Bundesstaat und eine pakistanische Provinz gleichen Namens. Lahore wurde die Hauptstadt der pakistanischen Provinz. Für den indischen Bundesstaat musste deshalb eine neue Hauptstadt gebaut werden. Dies geschah in den 50er Jahren – am Fuße des Himalaya. Auf einer Fläche von 36 qkm wurde Chandigarh errichtet, besser: in die Landschaft gesetzt – strikt nach den Plänen seiner Architekten. Es wurde eine Stadt mit der kompletten Infrastruktur der Hauptstadt eines Bundesstaates gebaut und mit Wohn- und Gewerbegebieten für (zunächst) 150.000 Menschen (heute über 1 Mio.).

Das architektonisch und städtebaulich Besondere war, dass Chandigarh als „großer Wurf“ von dem Schweizer Architekten Le Corbusier und seinem Team geplant – und nach deren Plänen von A bis Z realisiert wurde. Die Regierungsgebäude umfassten insbesondere den Hohen Gerichtshof (Justizpalast, dessen Grundriss heute die 10-Frankennote der Schweiz ziert), das Parlament und das „Sekretariat“ (Sitz der Ministerien). Hinzu kam die wirtschaftliche Infrastruktur (Straßen, Eisenbahn etc.) und die soziale Infrastruktur (Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten, Kinos etc.). Ebenso Gewerbegebiete und Wohnviertel; dabei ist interessant, dass die Architekten 14 Sozialkategorien unterschieden und für jede Sozialkategorie entsprechende Wohnungs- bzw. Haustypen entwarf. In die Kategorie 1 fiel das Haus des Premierministers, in die Kategorie 14 die Wohnungen für gering verdienende Arbeiter.

Mit der architektonischen Sensation (Le Corbusier selbst bezeichnete z. B. den Justizpalast als „architektonische Symphonie“) kontrastierte eine zweite, weitgehend unbekannt gebliebene, die technologische. Denn die hochmodernen, teilweise durch Sichtbeton charakterisierten Gebäude, wurden mittels archaischer Technologie erbaut, von zwischen 5.000 und 30.000 „Bauarbeitern“ – wovon die Hälfte Frauen und Kinder (!) waren. Steine, Beton und Mörtel (in Körben) wurden auf dem Kopf getragen, teilweise wurden auch Tragesel und Ochsenkarren eingesetzt. Statt Baukränen oder Lastenaufzügen wurden Menschenketten gebildet, die auf Leitern oder Holzstiegen stehend die Baumaterialien von Hand zu Hand bis zu ihrem Einsatzort weiterreichten. Die Fotografien von Ernst Scheidegger dokumentieren höchst eindrucksvoll den Einsatz dieser archaischen Bautechnologie.

Aus entwicklungspolitischer Sicht ist der Mut von Le Corbusier und seinem Team, sich auf die archaische Bautechnologie beim Bau einer völlig neuen Großstadt einzulassen, vielleicht noch mehr zu würdigen als seine architektonischen Leistungen. Denn für ihn war das ein großes Risiko. Für Indien aber war es die einzige Möglichkeit, um die Kosten des Baus der Hauptstadt Chandigarh im finanziell verkraftbaren Rahmen zu halten.

Das Großprojekt Chandigarh hat bewiesen, dass es sehr wohl möglich ist, eine moderne Stadt auch mit der beschriebenen archaischen Technologie zu bauen. Alle, die behaupten oder glauben, große moderne Infrastrukturprojekte müssten mit neuester kapitalintensiver Technologie errichtet werden, sind damit widerlegt. Der Rückgriff auf die archaische Technologie erlaubte allerdings nur Arbeitsbedingungen und Löhne, die hart an der Grenze der Menschenwürde lagen. Der Einsatz von Kindern bei dieser Schwerstarbeit lag sogar jenseits dieser Grenze und war mit der UN-Kinderrechtskonvention von 1990 nicht vereinbar. Im Jahre 1953 entsprach ein Verbot von Kinderarbeit jedoch nicht der Tradition und dem Zeitgeist in Indien. Selbst der indische Präsident erwähnte die Kinderarbeit in einer Rede über den „Triumph“ von Chandigarh nur mit dem Unterton lobender Anerkennung.


Hans-Gert Braun ist Professor der Volkswirtschaftlehre. Fast 40 Jahre lang hat er an der Universität Stuttgart gelehrt. 25 Jahre lang war er auch Mitherausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift Internationales Afrikaforum. Er hat eine Reihe wirtschaftswissenschaftlicher Bücher verfasst und etwa 250 Aufsätze zu wirtschafts- und entwicklungspolitischen Themen veröffentlicht. 2010 erschien sein Buch: Armut überwinden durch Soziale Marktwirtschaft und Mittlere Technologie. Ein Strategieentwurf für Entwicklungsländer (LIT). Darin hat er auch das Großprojekt Chandigarh entwicklungspolitisch gewürdigt.



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