BERLIN (BLK) – Weltklang, das sind Gedichte aus der ganzen Welt, vorgetragen in Originalsprache. Luiza Braun, Moderatorin der ZDF-Sendung „Aspekte“, leitete das Publikum durch den Abend. Sie setzte einen aktuellen Vergleich zu dem Grand Prix de Eurovision, und zwar ohne über die Gewinnerin zu sprechen. Mittlerweile sei die sprachliche Vielfalt aus dem Wettbewerb getilgt. Es sei schade, bedinge sich jener doch von den verschiedenen europäischen Nationen. Die Anpassung an das Englische hat dem Grand Prix eine essentielle Eigenschaft genommen: den Klang der Länder, die Kultur der jeweiligen Sprache. Anders als dort soll beim Poesiefestival die internationale Melodie der Gedichte beibehalten werden.
Für jemanden, der nicht sieben verschiedene Sprachen flüssig spricht, bleibt nur die Möglichkeit, selbst aktiver Leser zu werden. Dementsprechend wurde am Anfang der Veranstaltung ein Lesebuch mit extra dafür angefertigten, deutschsprachigen Übersetzungen und Leselampen verteilt. Nach einer Einführung in deren Gebrauch hielt der Leiter des Festivals Berlin, Thomas Wohlfahrt, seine Ansprache. Der thematische Schwerpunkt der Veranstaltungen in diesem Jahr soll die Dichtkunst aus dem Mittelmeerraum sein. Allerdings wurde an diesem Abend weder dem gewählten Schwerpunkt noch der Aussage Wohlfahrts, die Linie des diesjährigen Festivals sei unpolitisch, im Folgenden Beachtung geschenkt: Die Künstler kamen nicht vom Mittelmeer und auch ihre Texte ließen mediterranes Flair missen.
Internationale Dichtergrößen trugen das Publikum auf Deutsch, Englisch, Russisch, Französisch, Chinesisch und Spanisch durch die Nacht. Die Welt klingt unterschiedlich und doch sind die existentiellen Geräusche die gleichen. Der Zuhörer oder Mitleser schwankte an diesem Abend zwischen Verständnis und Unverständnis, die jeweilige Sprache fungierte dabei oft nur als Hintergrundmusik. Es war eher der Rhythmus der Sprache, durch den der Zuhörer verschiedene Stimmungen und Untertöne fühlen konnte. Dies fiel bei bekannten Sprachen wie dem Englischen (Michael Ondaatje, Cole Swenson) oder dem Französischen (Nina Kibuanda) einfach, bei nicht so gewohnten wie dem Russischen (Dmitry Golynko) oder völlig fremden wie dem Chinesischen (Yang Lian) war es eher anstrengend. Obwohl der Versuch Spaß macht: Wie können wir in anderen Sprachen Impulse entdecken ohne selbst die Betonung zu verstehen, wie können wir völlig ungewohnte Töne fühlen? Die Möglichkeiten der phonetischen Übertragung waren begrenzt, die bildliche Übertragung ist durch die Übersetzung in die eigene Sprache, die deutsche Sprache, oft haften geblieben.
Anat Pick zeigte einen Aufbruch der Dichotomien durch die Performance ihrer dadaistischen Gedichte, die auf der Phonetik östlicher und westlicher Sprachen basieren. Die Soundpoetin lässt Grenzen zwischen Sprachen sowie zwischen Lauten und Musik verschmelzen. Leicht verständlich, zumindest für die deutschen Zuhörer, waren die Vorträge der Deutschen Poeten wie Elke Erb und Michael Krüger. Unverständnis auf Seiten der Zuhörer äußerte sich hier höchstens auf Grund von kryptischen Satzgebilden, weniger wegen der Sprache an sich. Dass der Aufbruch in einer anderen Sprache funktioniert, dies bewies uns der chilenische, politische Dichter Raúl Zurita in seinem „Lied an seine verschwundene Liebe“, dem ohne den Vortrag in der Originalsprache bedeutende und intensive Momente verloren gegangen wären. Wortgewaltig und provokant, Ausdruck eines Leidenden mit Wut auf die Geschichte, umgesetzt durch Tempus, Rhythmus und Lautstärke. Die spanische Sprache wurde hier zum lieblichen Messer, wohlklingend und fließend im Sinsang, grausam in Lautstärke und Bedeutung.
Das Verstehen eines Gedichtes in einer anderen Sprache funktioniert vor allem dann, wenn wir bereits ein Teilverständnis besitzen, mit dem ähnliche Wörter und Ausdrücke in bestimmte Sparten eingeordnet werden können. Die Harmonien geben uns die Stimmung vor. Dann ist eine Brücke vorhanden. Bei einer für uns so fremd klingenden Sprache wie dem Chinesischen sind die Höhen und Tiefen im Ausdruck völlig verschieden. Gedichte sind an und für sich verschlüsselt, auch diese müssen (wie die anderen Sprachen) interpretiert und in einen Sinn übertragen werden. Eine doppelte Übersetzungsarbeit, das ist anstrengend! So ist es auch nicht verwunderlich, dass mit fortschreitender Uhrzeit immer weniger Gäste anwesend waren. (anguz)
BLK-Notizblock