Von Basil Wegener
So engagiert und distanziert gleichzeitig hat in jüngster Zeit selten ein Protagonist eine Frau beobachtet. Der Beginn von Peter Stamms neuem Roman „Sieben Jahre“ hat Zauberkraft. Ein Mann, der Ich-Erzähler, raucht vor der Galerie seiner Frau einen Zigarillo. Die Frau, Sonja, erscheint selbst ihm irgendwie unnahbar. Strahlend und verschlossen zugleich. Er beobachtet, wie ein gut aussehender Mann auf Sonja zugeht und sie anspricht. „Es war, als erwache sie. Sie lächelte, stieß mit ihm an. Er bewegte den Mund, in ihrem Gesicht war ein fast kindliches Erstaunen zu sehen, dann lächelte sie wieder, aber selbst von hier aus sah ich, dass sie dem Mann nicht zuhörte, dass sie an etwas anderes dachte.“
Stamm erzählt die Geschichte Alexanders, eines Mannes in einer stillen Not mit seiner schönen Frau. Der studierte Psychologe aus Winterthur, geboren 1963, erzählt schmucklos. Stamm hat sich in vielen Formen versucht. Nach kaufmännischer Lehre und Studium schrieb er Hörspiele, Theaterstücke und Beiträge für Bücher. Sein erster Roman „Agnes“ erschien 1998, 2001 der Roman „Ungefähre Landschaft“ und 2003 Erzählungen unter dem Titel „In fremden Gärten“. Er war immer zuerst Autor, der auch was im Journalismus gemacht habe, sagte er in einem Interview.
In lakonischen Rückblenden erzählt Stamm, wie Alexander und Sonja schon lange Freunde waren, bis sie sich im Marseille entschlossen zusammenzugehen. „Ich glaube, sie wartete darauf, dass ich sie küsse, jedenfalls schien es sie nicht zu überraschen, als ich es tat.“ Überschäumende Liebe ist nicht im Spiel, ein leichtes Gefühl stellt sich ein, aber an dieser Stelle weiß der Leser schon, dass der Mann sich nicht immer richtig lebendig fühlen wird an Sonjas Seite.
Deswegen fasziniert es ihn, als er in ein amouröses Kontrastprogramm schlittert. Mit Freunden gabelt er Iwona aus Polen irgendwo in der Stadt auf. Sie spricht fast nichts, ist unansehnlich, spröde, schüchtern. Aber in ihrem Zimmer hat er sexuelle Entladungen, die ihm auch irgendwie schmutzig vorkommen. Iwona stellt sein Leben infrage.
Stamm verführt den Leser, schreibt unangestrengt, unanstrengend. Er zieht den Leser in eine Story, die lange ohne Dramatik auskommt. Originalität und furiose Momente waren schon in vergangenen Romanen („An einem Tag wie diesem“) nicht unbedingt Stamms Markenzeichen. Aber Ungenauigkeiten vermeidet der Autor — und meist auch Langeweile. Ohne Sentimentalitäten, klar, aber auch etwas geheimnislos hält Stamm die Dinge im Fluss.
Literaturangabe:
STAMM, PETER: Sieben Jahre. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009. 297 S., 18,95 €.
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