Semiotische Irrlichter

Requiem auf die Fünfziger Jahre von Jiří Kratochvíl

© Die Berliner Literaturkritik, 10.09.10

Jiří Kratochvíl (Foto ©: Barbara Niggl Radloff)
Literaturangabe:
Kratochvíl, Jiří: Das Versprechen des Architekten.
Braumüller Verlag, Wien 2010. 396 S., 23,90 €.

Von Volker Strebel

Viele Romane und Erzählungen von Jiří Kratochvíl spielen, wie auch der vorliegende Roman, im mährischen Brünn. Der tschechische Untertitel dieses Romans „Requiem auf die Fünfziger Jahre“ konkretisiert den gesellschaftspolitischen Hintergrund des Schauplatzes. In der ČSSR herrschte der Stalinismus, dessen Schauprozesse lediglich eine, wenn auch öffentlichkeitswirksame Facette eines abartigen und brutalen Regimes abbildeten.

Die erzählerische Meisterschaft von Jiří Kratochvíl erweist sich im atemberaubenden Vermögen, die Absurditäten eines diktatorischen Systems atmosphärisch dicht darzustellen. Es ist, als liefere Kratochvíl mit diesem Roman den Beleg, dass die literarischen Mittel der Postmoderne dazu die einzig angemessenen sind. Der Brünner Architekt Kamil Modráček, vor der Machtübernahme der Kommunisten geehrt und geachtet, ist jetzt Angestellter in einem staatlichen Architekturbetrieb. Auch Daniel Kočí, jetzt Verkäufer in einer trostlosen Konsum-Fleischerei, hatte als erfolgreicher Privatdetektiv vor der politischen Wende ein weitaus aufregenderes Leben. Beider Schicksale sollten sich im Verlauf der Handlung des vorliegenden Romans auf ungewöhnliche Weise ineinander verwickeln. Diese mäanderartige Verwebung von Schicksalen prägt Kratochvíls erzählerisches Vorgehen.

Die kommunistischen Machthaber kreideten Modráček an, während des Krieges eine Villa für den SS-Gruppenführer Günter Wangenheim gebaut zu haben. Dass Modráček im Visier des allmächtigen Geheimdienstes stand, beunruhigte ihn nicht weiter. Vielmehr schien er sich an die Vernehmungen des Leutnant Láska als etwas Unumgängliches zu gewöhnen. Als eines Tages jedoch seine geliebte Schwester in den Verliesen der Geheimpolizei ums Leben kam, reifte bei Kamil Modráček ein Racheplan. Zufälle, unglückliche Verquickungen und günstige Fügungen bilden dabei ein unvergleichliches Amalgam. Die Dinge beginnen sich zuzuspitzen und Architekt Modráček kam um ein Eingeständnis nicht herum: „Es schauderte mich zu Recht vor der immer deutlicheren Verkettung von Dingen, die an sich, das heißt, jedes einzelne Glied dieser Kette, als rein zufällig erschienen“.

Es gelingt Modráček tatsächlich, Leutnant Láska in einem unterirdischen Labyrinth seines Hauses gefangen zu nehmen. Freilich klappt nicht alles, wie es geplant ist. Modráček ist gezwungen, weitere Gefangene zu machen, um seine Racheaktion nicht zu gefährden. Eine ungeahnte Dynamik nimmt ihren verhängnisvollen Lauf. Den Spannungsbogen des Rachegenres ergänzt eine erzählerisch geschickt inszenierte Choreographie. Schlüsselpassagen werden aus je unterschiedlicher Perspektive der handelnden Figuren erzählt. Hinzu kommt Kratochvíls Gabe, virtuose Bilder zu erzeugen.

Zuweilen wird der Leser unvermittelt angesprochen, als falle der Erzähler sich selbst ins Wort. Da geht es um Fragen der Paranoia, denunzierende Arbeiter, Judenwitze und Voyeurismus, Vladimir Nabokov oder um abstrakte Malerei. Das kommt Modráčeks Charakter entgegen, der seine Umgebung aufmerksam wahrnimmt: „Schau, schau, wie hinterlistig die Welt der schicksalhaften Zeichen, jener semiotischen Irrlichter, ist!“.

Das unterirdische Labyrinth in Modráčeks Keller verkörpert unfreiwillig die Brutalität der Außenwelt – und beiden liegt der Anspruch auf eine Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen zugrunde: „Selbstverständlich ging das nur mit Gewalt. Jede Utopie ist zugleich ein KZ“. Auch insofern wundert es nicht, daß dieser Roman nachdenklich endet!Als promovierter Slavist war Jiří Kratochvíl 1970 aus dem Schuldienst entlassen worden und erlebte als Hilfsarbeiter und Nachtwächter die bleiernen Jahre der sogenannten „Normalisierung“. Zwanzig Jahre konnte er ausschließlich in Untergrundverlagen, im sogenannten Samizdat publizieren. Im Dezember 1999 hatte Jiří Kratochvíl in seiner Heimat die höchste literarische Auszeichnung Tschechiens, den Jaroslav-Seifert-Preis, erhalten. Die Übersetzerinnen Christa Rothmeier und Julia Hansen-Löve, Mutter und Tochter, bilden ein eingespieltes Team. Beide sind Bohemistinnen, deren sprachliche und landeskundliche Kompetenz der Sprachkraft des phantastischen Realismus eines Jiří Kratochvíl zugute kommt.

Literaturangabe:

KRATOCHVÍL, JIŘÍ: Das Versprechen des Architekten. Braumüller Verlag, Wien 2010. 396 S., 23,90 €.

Weblink:

Braumüller Verlag

 


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