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„Sehnsucht nach Leben" macht Mut

Der neue Roman von Margot Käßmann

© Die Berliner Literaturkritik, 07.06.11

KÄSSMANN, MARGOT: Sehnsucht nach Leben, Verlag adeo, Asslar 2011, 176 S., 17,99 €.

Von Haiko Prengel

Das Buch war abzusehen. Nicht weil Margot Käßmann ohnehin gerne schreibt und regelmäßig Neues zu sagen hat. Sondern weil in ihrem Leben zuletzt so viel passierte, dass selbst die standfeste Pfarrerin ins Wanken geriet. 2009 ihr bejubelter Aufstieg zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. 2010 dann die Alkoholfahrt und ihr sofortiger Rücktritt von allen Ämtern - nach 25 Berufsjahren. In ihrem neuen Buch „Sehnsucht nach Leben“ versucht die 52-Jährige, diese Turbulenzen zu verarbeiten. Und legt der Öffentlichkeit zugleich einen Ratgeber für den Umgang mit den Widersprüchen der eigenen Existenz vor.

„Hätte ich vorher gewusst, welche Brüche im Leben auf mich zukommen, wäre ich ihnen wohl ängstlich ausgewichen“, schreibt Käßmann. Manchmal brauche es dann großen Mut, wenn man ein selbstbestimmtes Leben führen wolle: „So habe ich es als inneren Mut empfunden, nach drei quälenden Tagen der Frage nach dem eigenen Versagen, nach der Erfahrung von übler Häme und Spott, nach immer aberwitzigeren Spekulationen sagen zu können: Ich gebe alle meine Ämter auf.“

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Käßmann hatte sich im Februar 2010 in Hannover betrunken ans Steuer eines Autos gesetzt und war bei Rot über eine Ampel gefahren. Im Nachhinein wurde sie für ihre Konsequenz - die sofortige Aufgabe ihrer Ämter als hannoversche Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende - gelobt. In der Plagiatsaffäre von Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) etwa fiel die Theologin den Kritikern als Positivbeispiel ein, wie man als Träger von Amt und Würden mit persönlichen Verfehlungen umzugehen habe. Nach dem Rücktritt von Horst Köhler wurde die resolute Theologin sogar als neue Bundespräsidentin vorgeschlagen. Kurzum: Kaum eine Person in Deutschland gilt als moralisch so integer wie Margot Käßmann.

In „Sehnsucht nach Leben“ versucht die vierfache Mutter dieser Rolle gerecht zu werden. Den Menschen, die oft selbst Brüche und schwere Schicksalsschläge zu verkraften haben, Orientierung und Halt zu geben. Da ist Käßmann dann ganz Pfarrerin. Flechtet auch immer wieder Stellen aus der Bibel ein sowie ihre Lieblingssentenz „Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“. Insgesamt widmet sie sich in zwölf Kapiteln den verschiedenen Sehnsüchten nach Leben, Stille, Frieden, Mut, Gott oder Liebe. Illustriert werden die Passagen vom Maler Eberhard Münch.

Patentlösungen für die Sinnfragen des Lebens liefert Käßmann nicht. Sie ist wohl selbst zu widersprüchlich, zu zerrissen. Auf der einen Seite mache Sehnsucht nämlich kreativ und könne die Welt verändern, schreibt sie. Das Verlangen nach Veränderung könne aber auch „krankhaft“ sein, wenn es das Gute nicht wertschätze: „Da erscheint dann ein anderes Leben immer besser als das eigene - mit einer anderen Frau, an einem anderen Ort oder anderem Arbeitsplatz.“ Wie ist ein „Leben in Fülle“, wie es Käßmann nennt, also möglich? Ihre Antwort lautet: Balance finden. Und sich der Sinnsuche im Leben mutig stellen.

Für Margot Käßmann waren die Folgen ihrer Alkoholfahrt ja nicht der erste Bruch in ihrem Leben. Sie hatte schon vorher einiges zu verkraften: Eine Krebserkrankung und die Trennung von ihrem langjährigen Ehemann, was sie 2009 in der Zwischenbilanz „In der Mitte des Lebens“ verarbeitete. Das Buch steht immer noch oben in den Bestseller-Listen.

Weblink: Adeo Verlag


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