In Tobias Sommers zweitem Gedichtband „zu viele Tragflächen“ sucht der Leser vergeblich nach traditionellen Mustern und Topoi. Nicht, dass in den letzten Jahren der Knittelvers sein Comeback gefeiert oder der Reim Hochkonjunktur gehabt hätte – aber Sommers Lyrikband ist anders. Mit expressionistischen und surrealistischen Elementen zeigt er eine Welt, die fern ab von Eintönigkeit existiert und den Alltag mit bunten Bildern verzaubert.
Beim Durchblättern des Bandes scheint es den Gedichten an Struktur zu fehlen. Erst auf dem zweiten Blick offenbart sich eine Fülle an stilistischer Eleganz und kreativen Gedankenspielen, die sich surreal in Szene setzen. In „Unbezahlbar“ beschreibt Sommer das Entstehen eines Gedichtes. Hier wird das Gedicht selbst zum Symbol für komprimierte Sprache, die durch Telefonate die ganze Welt durchquert und sich in Zahlen und imaginären Konten manifestiert. Es geht um die unbezahlbare Gedankenwelt. Wo das Gedicht beginnt, dort endet es auch: buchstäblich im Kopf.
Sommers Stil hat stark expressionistische Züge und drückt den unmittelbaren Eindruck, die ganz persönliche Melancholie des Moments aus. In seinen Gedichten wird die rationale Logik stets soweit irritiert, dass sich der Leser in einer Welt wiederfindet, die Unerwartetes aufdeckt und Wörter mit Bedeutungen verknüpft, so dass das Vertraute plötzlich fremd ist. Und mit einem Mal erscheint es wie selbstverständlich, dass eine Lokomotive aus dem Meer empor fahren kann oder der Erzähler mit dem Radio eine Frequenz sucht, die ein Tor in die zukünftige Kindheit eröffnet. Syntaktisch hebt Sommer das Vertraute unter anderem durch das Fehlen jeglicher Interpunktion auf. Assoziationsketten können sich in diesem Sinne ungehemmt entfalten.
Manchmal sind die gedanklichen Verknüpfungen und die surrealen Bilder nicht nachvollziehbar. Dann wirken Gedanken zusammengestückelt, Bilder wild zusammengeschustert, die mit einem Kleber aneinander gehalten werden, aber einfach nicht halten wollen. Allerdings verliert Sommers Poesie nie an Schönheit, Tiefe und Eleganz. Und diese Attribute sind es, die seine Gedichte auszeichnen.
Von Franziska Henning
Literaturangaben:
SOMMER, TOBIAS: zu viele Tragflächen. Richmond Verlag, Sulzbach-Rosenberg 2007. 79 S., 8,90 €.
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