FRANKFURT/MAIN (BLK) – Der Roman „Saugfest“ von Steffi von Wolff ist im Juni 2010 beim Fischer Taschenbuch Verlag erschienen.
Klappentext: Helene, 29, Taxifahrerin, ist nicht gerade bester Laune. Sie motzt ihren Fahrgast an und ruiniert ihrer besten Freundin Annkathrin die Märchenhochzeit. Aber schließlich hat ihr der eine auf die Rückbank gekotzt, und die andere heiratet einen echten Blödmann! Annkathrin wirft Helene hochkant raus, und so hat sie Zeit, eine Nachtfahrt in eine abgelegene Dorfdisco zu übernehmen. Dort geht Seltsames vor sich: Dunkle Gestalten stehen im Regen, Fahrstühle verschwinden, und Helene erhält ein verlockendes Angebot …Comedy zum Anbeißen – mit unheimlichen Uschi-Glas-Fans und dem ersten Wolf, der seit 150 Jahren in der Umgebung von Kassel gesichtet wurde!
Steffi von Wolff, geboren 1966, arbeitet als Autorin, Redakteurin, Moderatorin, Sprecherin und Übersetzerin. Sie wuchs in Hessen auf und lebt heute mit ihrem Mann in Hamburg. Ihre Romane sind eine Frechheit – und Bestseller. (ton)
Leseprobe:
©Fischer Taschenbuch Verlag©
Natürlich kommen wir viel zu spät auf diesem Acker außerhalb von Kiel an. Wo soll denn hier bitte eine Disco sein? Da drüben steht etwas. Ich schalte kurz das Fernlicht ein. Ja, ein Gebäude. Einsam steht es da, ringsherum sind nur Felder, ganz hinten befindet sich ein kleines Wäldchen. Was mich ein bisschen wundert ist die Tatsache, dass in dem Gebäude überhaupt kein Licht brennt. Hier ist es so einsam und dunkel, wie ich es vorher noch nicht erlebt habe. Fast schon unheimlich. Aber wenigstens habe ich diese Disco wohl gefunden. Was mich auch wundert, ist die Tatsache, keine wummernden Bässe zu hören.
„Wir haben Glück“, sage ich zum Heuler. „Kommst du mit und suchst die Leute mit den Jacken?“
Ich rede ja schon mit ihm wie mit einem Ehemann. Das muss ich dringend abstellen. Das fehlt noch, dass ich den Heuler frage, ob er abends zum Essen ein Bier will.
Der Heuler jedenfalls denkt gar nicht daran, alleine im Auto zu bleiben, das Auto könnte ihn ja beißen, nein, er möchte in meiner Nähe sein und wohnt an meinem Bein.
Diese Ruhe hier draußen macht mich verrückt. Noch nicht mal Grillen zirpen. Es ist totenstill.
Langsam gehe ich mit dem Heuler auf das Gebäude zu, von dem ich immer noch hoffe, dass es die Disco ist, da es ja das einzige Haus weit und breit ist. Na ja, was heißt Haus, je näher ich komme, desto mehr stelle ich fest, dass es eher eine Ruine ist. Aber vielleicht tanzen hier Gothic-Anhänger zu unbeschreiblichen Klängen, und möglicherweise haben sie gerade eine Schweigeminute für einen Kollegen eingelegt, der für irgendeine Sache geopfert wurde.
Vor dem Haus hebt sich eine Silhouette ab, und als wir das halbverfallene Gebäude erreicht haben, sehe ich, dass ein Mann davorsteht.
Sein Gesicht ist nicht zu erkennen. Er ist groß und trägt einen schwarzen, glänzenden Ledermantel mit einer Kapuze. Ich bleibe stehen. Der Heuler auch. Der Mann nicht. Er kommt direkt auf uns zu.
Mindestens tausend Geschichten von ermordeten Taxifahrern schießen mir durch den Kopf. Geschichten, die ich mir selbst mal ausgedacht habe, weil ich hoffte, dass mir die eine oder andere passieren könnte.
Diese Kopfbilder habe ich geliebt. Gerade eben aber bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich das alles wirklich erleben möchte. Meiner Phantasie entsprangen einmal diverse Taxifahrer, die man monatelang gesucht und schließlich aufgebläht in einem Stausee gefunden hat, obwohl sie nachweislich gut schwimmen konnten, Taxifahrer, die man wegen fünfzig Euro kaltblütig enthauptete, Taxifahrer, die sich ordnungsgemäß nach ihrer letzten Tour bei der Zentrale abgemeldet haben, um dann nach Hause zu fahren und dort nie angekommen sind, sondern später gevierteilt in einer stillgelegten Tierversuchsanstalt auf Gesellschaft warteten, Taxifahrer, die Leute mit Jacken erkannt haben und dann gar nichts mehr, weil sie gezwungen wurden, eine Zyankalikapsel zu zerbeißen, und das alles nur wegen ein bisschen Geld, und dann Taxifahrer, die …
Der Mann kniet vor mir auf dem Boden. „Satan!“, ruft er. „Satan! Da bist du ja wieder. Wir haben dich schon vermisst.“
Ich kapiere tatsächlich erst nach einer halben Minute, dass er den Heuler meint. Fassungslos frage ich: „Satan?“, während der Heuler hektisch versucht, ein Loch zu graben, um sich darin zu verstecken. Ich habe beinahe den Eindruck, der Junge schwitzt.
Also der Wolf. Man sollte ihn zwingen, Sport zu treiben. Ein Wolf muss doch schlank sein.
„Das ist Satan.“ Der Ledermann steht auf. „Er gehört zu uns.“
„Das ist ein Wolf“, sage ich. „Und dass er zu Ihnen gehört, kann auch nicht sein. Er ist nämlich erst seit heute hier in dieser Gegend. Das ist der erste Wolf, der seit …“
„Was wollen Sie schon über mich wissen?“ Der Mann verschränkt die Arme und verengt seine Augen zu Schlitzen. „Gar nichts wissen Sie. Und über Satan auch nichts. Dass das mal klar ist.“
Dann mustert er mich von oben bis unten. „Wie sehen Sie überhaupt aus?“
Ach du Scheiße. In der Hektik habe ich völlig vergessen, mich umzuziehen.
Ich muss aussehen wie der letzte Dorftrottel in meiner Tracht. Instinktiv habe ich sogar den Korb mitgenommen, und das Kopftuch trage ich auch noch.
„Spielen Sie Märchen nach?“, fragt mich der Mann. „Wollen Sie als …“
„Nein! Nicht das böse Wort sagen!“, fahre ich dazwischen. Der Heuler zuckt schon wieder so komisch. „Er kann mit Märchen nicht so gut“, ich deute auf den Wolf. „Er verträgt das nicht.“
Der Mann sieht mich an. „Was haben Sie mit ihm gemacht?“
„Gar nichts habe ich mit ihm gemacht.“ Ich überlege kurz.
„Woher kennen Sie diesen Wolf überhaupt?“ Diese Frage finde ich gerechtfertigt. Das ist alles schon merkwürdig genug, aber möglicherweise klärt es sich ja auf. Vielleicht liegt einfach nur eine tragische Verwechslung vor, über die wir uns gleich gemeinsam amüsieren werden, dabei schlagen wir uns selbstverständlich gegenseitig auf die Schultern und prusten so blöde Sachen wie „Und ich dachte schon …“ oder: „Wissen Sie, was ich geglaubt habe, wissen Sie’s?“
„Das geht Sie nichts an“, werde ich informiert.
Auch gut. Dann eben nicht. Gemeinsames Amüsement habe ich noch nie gekonnt. Ich lege sowieso keinen gesteigerten Wert auf eine weitere Kommunikation mit diesem Herrn, sondern möchte meinen Job erledigen, und wenn ich dabei den Heuler auch gleich noch loswerde, habe ich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.
Obwohl es wie aus Eimern gießt, zieht der Mann seine Lederkapuze vom Kopf und legt den Kopf in den Nacken. »Das ist ein guter Regen«, sagt er.
Ein bisschen erinnert er mich an Mel Gibson in Braveheart. Weil ich nämlich jetzt auch noch sehe, dass er sehr lange Haare hat. Fast bis zu den Hüften fallen sie ihm. Und dann diese Augen! Sie sind schwarz, glänzend und enorm groß. Er wirkt einerseits unheimlich und andererseits so erfahren, wie ein steinalter Mann, der viele Erlebnisse hinter sich gebracht hat, und das, obwohl er nicht viel älter zu sein scheint als ich.
„Guter Regen macht mir nichts aus. Es kommt immer darauf an, wie er fällt“, sagt er fast heiser.
Ja, darüber mache ich mir auch ständig Gedanken.
„In Schottland fällt er meistens lotrecht.“
Ich sag’s ja, Mel Gibson. Vielleicht will der Mann mich gleich noch einladen, im Regen mit ihm auszureiten, und später lassen wir uns von einem gälischen Priester heimlich in einem teilgerodeten Wäldchen trauen, aber die Ehe ist nicht von allzu langer Dauer, sondern wird von einem Soldaten, der Edward dem Ersten dient, heimtückisch beendet, weil ich gefangen genommen und an einen Baum gebunden werde, woraufhin mir die Kehle durchgeschnitten wird.
Annkathrin liebt solche Filme und zwingt mich manchmal, sie mit ihr zu schauen, was ich so langweilig finde, dass ich es gar nicht in Worte fassen kann. Sie muss ständig heulen, ich schlafe ein.
Herrje, das sind Filme. Spielfilme. Das ist doch nur gestellt. Diese Murron, also diese Frau vom Mel Gibson in diesem Film, die wird ja gar nicht wirklich hingerichtet. Außerdem ist das doch alles schon so viele hundert Jahre her. Der Film spielte, glaube ich, im 13. oder 14. Jahrhundert. Für diese Geschichte interessiert sich doch niemand mehr.
„Es ist noch gar nicht so lange her, so vor zwei-, dreihundert Jahren, da gab es nur guten Regen“, faselt der Mann weiter und lächelt mich tiefgründig an.
„Aha“, sage ich. Er scheint bekloppt zu sein. Oder will er mir Angst machen? Nicht mit mir. „Ja, ich kann mich auch noch gut daran erinnern“, sage ich. „Im Juni 1745, es war ein Sonnabend, da regnete es so richtig schön. Ich befand mich damals gerade auf dem Nachhauseweg vom Feld, barfuß natürlich, ich trug Spaten und ein Reisigbund wie ein Mütterlein, ich wollte nur noch heim zu meinem Gatten, zu Kindern und Viehzeug, ach, was bin ich nass geworden.“
Der soll mal nicht glauben, dass er mich einschüchtern kann! Außerdem weiß ich jetzt, wie die Leute damals sprachen, ich hab dem Heuler ja Rotkäppchen vorgelesen. Und, das finde ich besonders gut, ich glaube, ich wirke authentisch, wegen der Tracht, des Kopftuchs und des Weidenkorbs.
Der Langhaarige lächelt immer noch. Jetzt hat das Lächeln allerdings eher zynische Züge angenommen.
„So, so“, sagt er mit dunkler Stimme.
„Ja, so ist das nun mal.“ Ich nicke. „Wo ist denn hier der Eingang? Ich soll nämlich jemanden abholen. Ich bin Taxifahrerin. Leider habe ich kein Ochsengespann und auch keine Kutsche dabei, sondern nur ein profanes motorbetriebenes Vehikel. Ich hoffe trotzdem, dass die Fahrgäste sich darin wohlfühlen werden.“
Er nickt zu der Ruine hinüber. „Sie werden schon erwartet.“
Das sagt er so, als wäre der Sensenmann persönlich anwesend. Nur wo? Es werden sich wohl kaum Menschen zwischen diesen eingefallenen Mauern befinden.
„Haben Sie eine Taschenlampe?“
Er lacht düster auf. „Natürlich nicht. Kommen Sie mit.“
„Das war eine ganz dumme Frage“, sage ich sarkastisch. „Entschuldigen Sie bitte vielmals. Wie unüberlegt und vor allen Dingen wie anmaßend von mir, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass jemand bei Dunkelheit eine Taschenlampe mit sich führt.“
Er antwortet nicht, was ich recht unhöflich finde, aber er ist sowieso ein unkultivierter Flegel, der von lotrechtem Regen spricht, was soll man da noch groß erwarten? Trotzdem bin ich froh, dass er vorausgeht und nicht hinter mir, so kann ich sicherstellen, dass er mich nicht mit einem Morgenstern hinrichten oder mich mit dem Antoniusfeuer oder dem Fleckfieber infizieren kann, wie immer das auch gehen mag.
Auf den Heuler kann ich nicht zählen, das weiß ich. Der wird mich ganz sicher nicht beschützen.
Satan. Lächerlich. Da, er grunzt schon wieder jammerig vor sich hin, weil er nichts zu sehen scheint. Weichei.
Ich tapse also dem Langhaarigen hinterher, wir gehen durch einen Mauerdurchbruch und stehen letztendlich in einer Art Hof, in dessen Mitte ich schemenhaft einen Brunnen erkenne. Wie romantisch. Bestimmt ranken sich um den Brunnen rote Rosen, und wenn ich brav bin, wird da noch eine Schaukel für mich angebracht.
„Hier entlang.“
Jetzt geht es weiter, an dem Brunnen vorbei, und wir kommen in einen neuen Hof, der von hohen Mauern umgeben ist. Ich finde das alles sehr, sehr seltsam. Was sind denn das für Fahrgäste? Müssen die erst noch irgendwo ausgegraben werden?
Ich höre, wie der Ungehobelte eine Tür öffnet, die ich vorher nicht bemerkt hatte. Sie befindet sich in der Mitte einer der Mauern.
Er dreht sich zu mir um. „Wir nehmen den Fahrstuhl.“
Den Fahrstuhl? Wo soll es denn hier einen Fahrstuhl geben? Der Heuler weicht instinktiv vor der Tür zurück. Spürt er die lauernde Gefahr? Aber vielleicht fürchtet er sich auch nur vor der kleinen Maus, die eben mit einem leisen Rascheln vorbeigehuscht ist. Dem Heuler traue ich alles zu, nur nicht, dass er eine echte Gefahr erkennt.
„Ich …“, fange ich an, weil ich langsam wirklich ein mulmiges Gefühl bekomme. Es ähnelt dem Gefühl, das ich hatte, als ich dem Heuler zum ersten Mal begegnet bin. Aber der Langhaarige hat mittlerweile schon auf einen Knopf gedrückt, und eine Sekunde später öffnet sich knirschend eine Fahrstuhltür, die alles andere als modern aussieht.
Ich überlege ehrlich, ob ich in diesen Fahrstuhl einsteigen soll. Zwar weiß Malte, wo ich bin, weil er mir ja die Adresse gesagt hat, aber wer weiß, wohin man mich bringt, nachdem ich tot bin. Da nützt diese Adresse der Polizei gar nichts.
Gut, man wird mein Auto finden – oder auch nicht, sie könnten mir ja die Wagenschlüssel abnehmen und das Taxi Gott weiß wohin bringen. Letztendlich gehe ich aber doch die paar Schritte nach vorn und stehe dann in diesem ungefähr einen Quadratmeter großen Aufzug, gemeinsam mit dem Heuler und dem „In Schottland fällt der Regen lotrecht“- Menschen und warte darauf, was als Nächstes passiert.
Die Tür schließt sich quietschend und knarzend, und dann geht es offenbar nach unten. Recht schnell. Irgendwann macht es „Klong“, und der Fahrstuhl kommt zum Stillstand. Eine Art Notbeleuchtung in diffusem Rot schaltet sich ein.
„Herrje, er ist schon wieder stecken geblieben“, mein Gegenüber bummert an die eine Wand. „Heda! Heda!“
Heda? Haben die so nicht im Mittelalter gesprochen? Ja doch. Der Heuler hechelt panisch. Der Mann dreht sich zu mir um und lächelt schon wieder so komisch.
„Man sagt, ich sehe aus wie John Malkovich in Con Air.“
Durch das Licht sind seine Zähne gut zu erkennen. Die beiden Eckzähne stehen weiter vor als die anderen.
Ich muss schlucken. Und frage mich zum ersten Mal wirklich ernsthaft, a) was hier los ist, und b) wo ich hier hingeraten bin.
Ich bin eine Taxifahrerin, die eine Tour nach Schleswig-Holstein angenommen hat, habe seit neuestem einen verhaltensgestörten Wolf als Haustier, verkleide mich gern mal als Rotkäppchen, tarne einen Heißwasserkocher als Napfkuchen, trage ein kariertes Kopftuch und derbe Wanderstiefel, befinde mich im steckengebliebenen
Aufzug einer Ruine, in der ich eigentlich bloß Fahrgäste abholen wollte, und mir gegenüber steht eine Gestalt, die durch rötlichen Lichteinfluss alles andere als vertrauenerweckend aussieht.
Dazu kommt, dass ich mich so alleine auf der Welt fühle. Selbst meine einzige Freundin hat sich von mir abgewendet, und das für immer. Schön ist anders. Mein Herz rast. Mein Mund ist trocken. Der Heuler winselt. Werde ich gleich sterben? Ich wollte doch immer sterben. Aber so? Nein, so nicht. Ich weiß selbst nicht mehr, was ich eigentlich will.
Der Mann beugt sich zu mir nach vorn. „Kennen Sie Con Air?“
Ja, Zottel, ich kenne Con Air. Das ist doch dieser schnulzige Heimatfilm, in dem es um den jovialen Jungbauern Justus auf Juist geht, der nach langer Sucherei endlich seine Traumfrau gefunden hat, und das ist die rüstige Rechtsanwaltsgehilfin Resi aus Recklinghausen, die die Natur total liebt und schon immer auf einem Hof mit dreihundert schwachsinnigen Schweinen wohnen wollte, weil sie es so toll findet, ab morgens um vier in einem stinkenden Stall das Vieh zu versorgen. In ihrem Beruf hat sie nie ihre Erfüllung gefunden, aber im Schweinemist.
Ganz zum Schluss nach vielen, vielen Problemen, die bewältigt wurden („Die Bank gibt uns keinen Kredit für einen neuen Mähdrescher. Wir sind am Ende!“ „Die Bank gibt uns doch einen Kredit für den neuen Mähdrescher. Wir sind gerettet!“) sieht man die beiden mit neugeborenen Ferkeln auf den Armen in einer Jauchegrube stehen, im Hintergrund geht die Sonne unter, Justus aus Juist hat einen abgewetzten Blaumann an und sagt zur Resi aus Recklinghausen: „Ich wusste gar nicht, dass du eine braune Bluse hast“, und Resi antwortet verliebt: „Hab ich auch nicht, da haben nur die Schweine draufgeschissen.“ Beide machen „Hahahaha“ und sagen: „Ist das Leben nicht schön?“ Dann setzt Violinenmusik ein, und der Abspann beginnt.
„Nein, ich kenne Con Air nicht. Ich habe zwar schon mal davon gehört, aber ich hab den Film noch nie gesehen.“ Schluck. Schluck. Schluck.
„Ein Superstreifen. Genial. Geht um einen Army-Ranger, der nach acht Jahren Knast endlich wieder heimkann. Wird von Nicolas Cage gespielt. Aber er hat die Rechnung eben nicht mit John Malkovich gemacht: Der ist total skrupellos und macht vor nichts
halt, geht über Leichen.“
„Wie süß“, sage ich unbeholfen und kralle mich an meinem Weidenkorb fest.
„Heda!“, brüllt das Langhaar. „Macht das Ding doch mal wieder flott.“
Dann widmet er sich wieder mir.
„Süß? Na ja, darüber kann man so und so denken.“
„Ich habe mich gerade versprochen. Ich dachte wohl gleichzeitig an die Schweine.“
„Was?“
„An die schlimmen Schweine, die dem John Malkovich an den Kragen wollen«, rede ich mich heraus.
„Kann es sein, dass Sie nicht ganz richtig im Kopf sind?“
Nein, Zottel, ich meine ja, Zottel, du hast recht. Ich bin nicht ganz richtig im Kopf. Aber du. Du ganz bestimmt.
!Hagen, Anselm! Nun, was ist los, Männer?“, brüllt Zottel los.
Der Heuler ist eingeschlafen. Er liegt der Länge nach da und sieht so noch fetter aus, als wenn er stehen würde. Ich fasse es nicht. Wie kann er in dieser Situation einfach so einschlafen?
„Gemach, gemach!“, kommt es dumpf von unten. „Ein Modem hat sich in der Elektrik verklemmt.“
„Ach so! Ein Modem! Gut, gut, dank euch für die Information. Aber macht hin nun, die Zeit rennt uns davon!“
„Jawohl! Jawohl!“, brüllen Anselm und Hagen, von wo auch immer.
Zottel wendet sich wieder mir zu. „Nur ein Modem, nichts Ernstes. Das kriegen die Jungs schnell wieder gerichtet. Schlimmer wäre es, wenn es wieder eine Strandmuschel gewesen wäre. Kriegen Sie mal die Stofffetzen raus aus der Elektrik.“
Ich nicke verständnisvoll und zwinge mich, mir die Frage, warum ausgerechnet eine Strandmuschel sich in die Elektrik verirren sollte, nicht zu stellen. Andererseits: Warum verirrt sich ein Modem darin?
Ganz unvermittelt fühle ich mich, als würde ich den Proben einer Laienschauspielgruppe beiwohnen, die allabendlich zusammenkommt und es wahnsinnig wichtig findet, was sie tut. Zur Premiere an einem Freitagabend kommen dann hundertfünfzig Leute (der Gemeindesaal der evangelischen Kirche ist ausverkauft), und schon Wochen vorher ist es Gesprächsthema Nummer eins, dass der Michael und der Andi, die im wahren Leben Bäckergeselle und Kfz-Mechaniker sind, solche wahnsinnigen Nebentalente haben. Natürlich wird dann gewitzelt, wenn sie in langen Umhängen auf der Bühne stehen und vielleicht sogar noch Lorbeerkränze auf den Köpfen haben. („Na, na, na, trägst du jetzt heimlich Frauenkleider?“ oder „Hihihi, fühlst dich wohl wie Cäsar, was? Aber das Ding wird abgenommen, wenn du heimkommst, zu Hause hab immer noch ich die Hosen an.“ Das sagt dann die Ehefrau von Michael oder Andi. Oder es sagen beide Ehefrauen.)
Gott, ich konnte diesen Menschenschlag noch nie ausstehen! Das sind diese Menschen, die mit ihrem Kegelclub oder dem „Verein Zwerg-Welsumer Hühner“ an einem Freitag in Frankfurt in den Zug steigen, um ein aufregendes Wochenende in Hamburg zu verbringen. Während der dreieinhalbstündigen Fahrt werden Butterbrote mit Mettwurst ausgepackt und hartgekochte Eier geschält, man hat kleine Salz- und Pfeffertütchen dabei, die man in einem Charterflugzeug (Mallorca) mal „hat mitgehen lassen, ach, war das da warm! Da könnte sich Deutschland mal eine Scheibe von abschneiden“, und Pfläumchen und Jägermeister machen die feuchte Runde.
Sobald der Alkoholpegel gestiegen ist, also nach ungefähr einer Viertelstunde, fangen die blöden Sprüche an, und man beginnt zu singen, Stadtpläne werden studiert und kommentiert („Das Blaue da, das ist die Elbe!“), und wenn man am Hamburger Hauptbahnhof angekommen ist, geht das Drama los („Ach du liebe Zeit, der ist ja ganz anders aufgeteilt als der Bahnhof in Frankfurt!“). Das sind diese Leute, die dann abends „die Reeperbahn unsicher machen“ und geschockt in Turnschuhen und mit Bauchtaschen und Brustbeuteln durch die Erotikshops latschen, um dann im Erotikkaufhaus Nummer eins, nämlich der Boutique Bizarre, komplett zusammenzubrechen, weil sie nicht wissen, was sie mit einem zwei Meter langen Unterarm, der in einer Hand mündet, die zur Faust geballt ist, anfangen sollen. Die gickelnd im Untergeschoss durch die SM-Abteilung schleichen und auch noch den Nerv haben, ein weißes Gummikleid mit einem roten Kreuz drauf von der Stange zu nehmen und einen Verkäufer zu fragen, ob das a) aus der Schweiz und b) denn auch atmungsaktiv sei. Das sind dann meistens die Frauen, die so was fragen; die Männer würden sich am liebsten in der Pornofilmabteilung umschauen, trauen sich das aber nicht, weil die Frauen ihnen später die Hölle heißmachen würden.
Zu vorgerückter Stunde geht’s dann natürlich auch noch in die Herbertstraße, und hier kommen die Männer endlich zum Zug, sträuben sich erst mit kindlichem Eifer, um sich dann doch überreden zu lassen, „mal durchzugehen“, um dann wieder rauszukommen und ihren gackernden Frauen zu versichern, dass „das nichts für mich ist“, obwohl jeder Blinde mit Krückstock sieht, dass sie am liebsten mit mindestens drei Huren hätten vögeln wollen.
Manchmal sagt eine der Frauen dann noch: „Wie gut, dass ich dir so wenig Taschengeld gegeben habe“, und alle lachen; die Männer weniger fröhlich als verzweifelt und sauer darüber, dass sie zu spät auf die Idee gekommen sind, ihre Frauen zu Hause zu lassen.
Ich kriege so was immer mit, wenn ich freitags oder samstags Spätschicht habe, und möchte diese Menschen am liebsten unverzüglich in den Zug zurück nach Frankfurt setzen, das heißt, am liebsten würde ich sie erst noch geißeln, weil sie so dumm sind, aber das mache ich natürlich nicht, weil auf dem Kiez nachts überall Polizisten rumlaufen, die ich teilweise auch mit Namen kenne.
Es ruckelt und ruckelt, und dann ruft Anselm, oder ist es Hagen: „Es ist geschafft. Das Modem ist entfernt. Nun kann es weitergehen!“, und Zottel antwortet: „Gute Arbeit, Kameraden!“
Kurze Zeit später sind wir im schätzungsweise dreiundsechzigsten Untergeschoss angekommen, und die Tür öffnet sich wieder ächzend.
Der Heuler wacht auf und winselt, traut sich aber, die Fahrstuhlkabine zu verlassen.
Ich trotte ihm und Zottel hinterher.
Und bekomme fast einen Herzschlag.
©Fischer Taschenbuch Verlag©
Literaturangabe:
VON WOLFF, STEFFI: Saugfest. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 2010. 256 S., 8,95 €.
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