Von Ulrich Fischer
BOCHUM (BLK) – „Die vergessene Straße“ ist ein mehrdeutiger Titel. Eigentlich ist eine Sackgasse gemeint, in der arme Menschen ohne Einfluss leben. Im übertragenen Sinn jedoch wird auf den Sozialismus angespielt, jene einst verheißungsvolle Straße, die die Arbeiterbewegung bahnte, und die in unserer Zeit weithin vergessen scheint. Johan Simons, der Regisseur der Inszenierung, will die Straße offenbar dem Vergessen entreißen. Da dies die erste Uraufführung des Festivals Ruhrtriennale ist, erscheint das politische Stück wie eine programmatische Absichtserklärung von Intendant Jürgen Flimm. Das Publikum begrüßte die Uraufführung am Samstagabend in der Bochumer Jahrhunderthalle mit einhelligem Applaus.
Der Autor der „Vergessenen Straße“, Louis Paul Boon, ist in Deutschland nur wenig bekannt. In den Niederlanden und Flandern gilt der Arbeiterdichter als einer der bedeutenden Romanciers des 20. Jahrhunderts.
Am besten in dem Stück ist ihm Roza gelungen, ein junges Mädchen mit den üblichen Träumen. Die anderen Figuren, die in der „Vergessenen Straße“ leben müssen, repräsentieren verschiedene Fraktionen der Arbeiterbewegung. Sie streiten sich, lieben sich, schmieden Pläne – aber nie finden sie zusammen, um ihr gemeinsames Interesse durchzusetzen: Wieder Anschluss zu finden für ihre Straße, die, ohne dass auch nur einer der Anwohner gefragt worden wäre, zur Sackgasse herabgewürdigt wurde.
Johan Simons, ein Regisseur von europäischem Format, der 2010 Intendant der Münchner Kammerspiele werden soll, hat diese einfache, nie simple Geschichte mit dem allegorischen Kern im Inszenierungsstil des sogenannten armen Theaters verwirklicht. In der Einfachheit liegt der große Reiz. Die Kostüme kommen nicht aus dem Fundus eines wohl ausgestatteten Stadttheaters, sie stammen aus der Altkleidersammlung.
Rainer Maria Rilke hat einmal gedichtet, Armut sei ein großer Glanz von innen – das Ensemble macht diesen Glanz zur Eröffnung der Ruhrtriennale sichtbar. Man denkt an Goethes Figur der Margarethe, an Kleists anrührendes „Käthchen von Heilbronn“ – Mädchen aus dem Volk, „denen da oben“ weit überlegen wegen ihres großen Herzens, ihrer Reinheit, ihrer Unschuld.
In diesem Sinn huldigt das blendend disponierte Ensemble aus Gent den „einfachen Leuten“ in Bochum, die die Last des Strukturwandels der Region tragen. Die Uraufführung ist eine Eloge auf sie – und eine Mahnung. Die letzten Worte lauten: „Wir müssen vorwärts.“ Niemand wird diesen Menschen die Arbeit des Wandels abnehmen, sie müssen es selbst machen. Die Jahrhunderthalle, ein Industriedenkmal, das eindrucksvoll an die schöpferische Kraft menschlicher Arbeit erinnert, ist genau der richtige Ort für dieses Stück.
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