Von Björn Hayer
Ehrlich gesagt, werden die meisten Leser des Buches „Roman unserer Kindheit“ verstört gewesen sein – erinnert der Titel doch allzu anmutend an die nostalgische Welt längst verlorener Kindheitstage. Man erwartet ein bisschen Sehnsucht, ein wenig Rilke und nicht zuletzt das Gefühl, an einen unwiederkehrbaren Raum zurückgekommen zu sein, den wir alle in uns tragen. Doch diese Erwartungen werden buchstäblich böse enttäuscht. Denn der Autor Georg Klein entwickelt bereits im Titel ein manisch-makaberes Zauberspiel, in dessen Fängen der Leser auf dünnem Grade zwischen Harmonie und Abgrund geführt wird.
Obwohl der Roman zunächst mit einem trivialen Fahrradunfall, einer Anwandlung jugendlichen Leichtsinns, beginnt, offenbart sich darin schon die düstere Vorausdeutung eines blutgewaltigen Ausgangs. Erscheint die Handlungsoberfläche in einer kleinen Vorstadt zu Oberhausen, in dem acht Kinder, darunter der „Ami-Michi“, die „Schicke Sybille“ „der Schniefer“, „ Wolfskopf“ und andere, ihre Sommertage in mutloser Neugier gestalten, von friedlicher Einheit getragen, verleihen zahlreiche Prolepsen dem Text eine bedrohliche Ungewissheit. Nichts ist ganz klar. Und Gewissheit sowieso nur eine Frage der Phantasie.
Die Kinder sind nahezu unerschrocken und ziehen doch in einer sommerlichen Welt umher, deren zaghafte Idylle schon bald von einem Kindsmord zerstört werden soll. Aber was gilt in dieser skurrilen Szenerie überhaupt noch als wahr?
Schon in seiner vorangegangen Prosa „Libidissi“ oder „Von den Deutschen“ zeichnete sich ab, dass Vorstellung und Andeutung sowie der Bruch ins Zweifelhafte die Pfeiler von Kleins literarischem Programm markieren. Subtil entwickelt er eine Welt mysteriöser Gestalten. Angefangen beim „Fehlharmoniker“, dem Zeitschriftenverkäufer Geistermann bis hin zum „Mann ohne Gesicht“ liefert auch dieser Text eine geheimnisvolle Bodenlosigkeit, die verführt, aber den Leser am Ende auch rätselhaft allein lässt. „Wie traurig oder lustig darf oder muss das Ende eines Buches sein?“ fragt sich Geistmann, nachdem die Kinder in den düstern Gängen einer alten Brauerei die blutüberströmende Begegnung mit einem aufgeblähten „Unhold“ am Rande des Schockzustandes überlebt haben. Die Antwort auf diese Frage könnte im Sinne Kleins heißen: So grenzwertig, so untrennbar wie nur möglich.
Finsternis und Sommertag, Heiterkeit und Abgrund liegen hier nah beieinander und lassen eine sprachmächtige Raffinesse erkennen, die im deutschsprachigen Raum sicherlich einzigartig ist. Und sollte das Ende auch Unklarheiten, wenn nicht sogar eine unbefriedigende Dunkelheit hinterlassen, so entfaltet Georg Klein seine wohl eigentliche Idee: Nur die Leerstelle kann die Grundlage für eine unermessliche, kindliche und manchmal zutiefst menschlich grausame Phantasie eröffnen!
Literaturangabe:
KLEIN, GEORG: Roman unserer Kindheit. Rowohlt Verlag, Reinbek 2010. 448 S., 22,95 €.
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