Roberto Calassos Essaysammlung „Die neunundvierzig Stufen“

Der Italiener Roberto Calasso setzt sich in diesem Buch mit ausnahmslos deutschen Autoren auseinander

© Die Berliner Literaturkritik, 15.08.15

- Diese Rezension erschien erstmals am 25.07.2005 in diesem Literaturmagazin. -

CALASSO, ROBERTO: Die neunundvierzig Stufen. Essays. Übersetzt aus dem Italienischen von Joachim Schulte. Carl Hanser Verlag, München 2005. 382 S., 25,90 €.

Von Roland H. Wiegenstein

Mit „Der Hochzeit von Kadmon und Harmonia“, dieser verführerisch gescheiten Expedition in die griechische Mythologie, ist der 1941 in Florenz geborene italienische Essayist Roberto Calasso auch hierzulande bekannt geworden, als einer jener Denker und Nachdenker, die zur geheimen Bruderschaft derer gehören, die wie Karl Heinz Bohrer über den Schrecken, wie Botho Strauß über den „Anschwellenden Bocksgesang“ spekulieren. Er hat im „Untergang von Kasch“ in der Figur Talleyrands den Epochenbruch zwischen dem Ancien Regime und der Moderne emblematisch beschrieben, sich in „Ka“ der indischen Mythologie und ihrer Vollendung (und Überwindung) durch Buddha zugewandt und sich in „K.“ der Geheimnisse Kafkas angenommen.

Was Calasso fasziniert, das ist jener „Nihilismus“ in der abendländischen Geschichte, als dessen größten Philosophen er Nietzsche ansieht. Er gehört zu denen, die der Aufklärung nicht über den Weg trauen und die die Verluste betrauern, die eine durchrationalisierte, binäre Welt dem Wilden, Ungefügen, Unvorhersehbaren ständig zufügt. Er liebt die Analogien als Instrument der Erkenntnis mehr als jene unerbittlichen Deduktionen, die die europäische Metaphysik immer tiefer in die Abstraktion getrieben haben. Man kann ihn zu denen rechnen, die das schwierige Geschäft der Selbstaufklärung betreiben, denn so verwegen seine Gedankengänge auch sein mögen, sie sind nicht obskurantistisch, nicht von jener Dummheit versehrt, die sich auf eine bessere Vergangenheit nur aus Denkfaulheit und Interesse beruft.

Das Unbehagen des elitären Einzelgängers

Als er zusammen mit dem jüngst verstorbenen Verleger Luciano Foà 1961 den Adelphi Verlag gründete, ihn schon in dessen ersten Büchern vom damals wichtigsten literarischen Verlag Einaudi (von dem Foà kam) abgrenzte, war klar, was beide wollten: ein „Umkippen der kulturellen Achse Italiens“, weg von der damals vorherrschenden „Linie Gramsci-Lukács-Brecht“, hin zur „Linie Schopenhauer-Nietzsche“; weg von der sozialistischen Utopie hin zu einer eher pessimistischen, „dekadenten“ Welterklärung, die ihren biografischen Grund in dem Unbehagen des elitären Einzelgängers an den „gesellschaftlichen“ Implikationen des vorherrschenden Diskurses hat.

Für Calasso bedeutet „Kritik“ immer auch die Destruktion eines „kritischen Denkens“, das auf den ewigen Frieden der Vernunft gerichtet ist: Daran vermag er nicht zu glauben. Und wenn er sich bei der Übersetzung eines Bildtitels des späten Goya entscheiden müsste, ob es „Der Schlaf (oder „der Traum“) der Vernunft gebiert Ungeheuer“ heißen muss, so würde er vermutlich für „Traum“ plädieren. Im „Zeitalter der Massaker“ erscheint ihm alles als zu kurz gegriffen, was nur von einer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse das Heil erwartet. Der Ursprung seiner Art zu denken liegt in dem Skandalon des in vielen Mythen nachweisbaren Kultes des Menschenopfers. (Im „Untergang von Kasch“ hat er diesem erhellende Passagen gewidmet, ohne doch das Opfer des Jesus von Nazareth als das letztmögliche begreifen zu wollen.)

In seinem Verlag hat er Autoren veröffentlicht, die als Naturwissenschaftler und Mythenforscher Verschollenes wieder entdeckten oder mittels der avanciertesten neurologischen Verfahren neu herausfanden; er hat natürlich Nietzsche und den deutschen Romantikern Raum gegeben und mit großer Beharrlichkeit die Autoren des Wien der Jahrhundertwende publiziert: Joseph Roth, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Peter Altenberg und Karl Kraus. Er hat für die Bücher seines Verlages nicht nur selbst die Klappentexte geschrieben (inzwischen weit über tausend), er hat seinen Autoren häufig auch in der Form ausführlicher Nachworte oder in Zeitschriften und Zeitungen veröffentlichter Aufsätze publizistisch Hilfestellung gegeben und so Adelphi zu einem scharf konturierten Verlagsunternehmen gemacht, das bis heute unabhängig geblieben ist, nicht von einem der Verlagskolosse aufgekauft wurde.

Auf jede Einsicht folgt eine weitere

1991 erschien in Italien sein Essayband „Die neunundvierzig Stufen“, der Arbeiten enthält, die zwischen 1969 und 1990 publiziert wurden und die sich ausnahmslos mit deutschsprachigen Autoren befassen. Das ist in Italien eher ungewöhnlich und wir, die deutschen Leser der jüngst erschienenen Übersetzung, begegnen darin Teilen unserer literarischen und philosophischen Tradition sozusagen in italienischem Licht, müssen auf Überraschungen gefasst sein. Wer schon andere Bücher Calassos gelesen hat, wird die Konsequenz bewundern, mit der dieser Autor seine Einsichten und Manien pflegt, wer das neue als erstes liest, dem wird die Mühe, mäandernden Einsichten, komplizierten Gedankenspielen, überraschenden Wendungen, tiefsinnigen Behauptungen zu folgen, durch einen Stil vergolten, der schlank und elegant nichts so scheut wie „Beweise“. Calasso beweist nichts, er versenkt sich in Texte, macht Vorschläge, regt zum Weiterdenken und oft auch zum Widerspruch an.

Der Titel des Buchs verdankt sich einer jüdischen Legende, die davon erzählt, dass es für die Auslegung jeder Thorastelle neunundvierzig Stufen gibt – und auf jeder eine neue Hinsicht oder Einsicht in den heiligen Text. Calasso wendet die Metapher in einem kurzen Zeitungsbeitrag (den man sich länger wünschte) auf den von ihm verehrten Walter Benjamin an, genauso, wie er – ebenso kurz und verehrend-klug – Theodor W. Adornos „Minima Moralia“ deutet.

Der erste und längste Essay des Bandes gilt Nietzsche und dessen „Ecce homo“, den er als Essenz eines Denkens begreift, das sich bewusst in eine „Praxis“ einlässt, die der Wahnsinn selbst ist. Dies Denken „wird keine sophía mehr sein, doch gewiss immerhin ein Denken, sogar ein überaus komplexes Denken, in dem jedoch nicht mehr bloß die herkömmliche Gestalt des Philosophen eine Rolle spielen kann, sondern auch die nicht minder geheimnisvolle Gestalt des Seiltänzers. Inzwischen befinden wir uns nicht mehr im gelobten Land jenseits der Metaphysik, sondern in einer Sphäre, die uns in höherem Maße vertraut ist, nämlich in jener Sphäre, die Nietzsche als Artistik bezeichnet, also einen durch kein anderes Wort zu ersetzenden Ausdruck, der eher mit dem Leben eines Akrobaten zu tun hat als mit dem Leben eines Philosophieprofessors. Dies ist der äußerste Bereich der décadence, der schwindelerregende Ort, an dem alle Schätze der Moderne verborgen sind, der Rausch des Nihilismus.“

Von Nietzsche über Robert Walser...

Ein solcher Satz ist typisch für Calasso: Für sich genommen wirkt er bloß als eher willkürliche Setzung, in der eng geknüpften Kette seiner Deduktionen bekommt er einen präzisen Sinn, dem er ausführlich nachspürt. (Übrigens stehen in diesem Essay einige Absätze über Heideggers semantische Ableitungen, die zum Erhellendsten gehören, was ich darüber kenne.) Calasso untersucht den Begriff des „Schicksals“, den er bei Nietzsche in seinen archaischen Zügen wieder zutage treten sieht. „Mit Ecce homo hat sich Nietzsche vorzeitig von der eigenen Identität getrennt, die nach der Lehre von der ewigen Wiederkunft nichts anderes ist als ein zyklisches Syndrom.“

Auch dieser Satz wird dann expliziert. Die bildungsgesättigte Wanderung durch Nietzsches letztes Lebensjahr vermittelt neue (beunruhigende) Einsichten und besteht auf dem bisher Uneingelösten (weil allzu Schmerzhaften) von Nietzsches Philosophie. Dass Calasso an diesen riskanten Essay, der akademischen Nietzscheforschern vermutlich die Haare zu Berge treibt, einen anschließt, der sich mit Robert Walser und dessen „Jakob von Gunten“ befasst, ist kein Zufall: Er spürt in der scheinbar gelassenen, zärtlich dem Kleinen, Unscheinbaren zugewandten Prosa das Schweizers Abgründe auf, die dieser selbst zu verbergen trachtete. Er liest sehr genau und zieht seine Konsequenzen: „Die bruchlose Ironie Walsers – letzte Hinterlassenschaft der großen Romantiker – setzt die Gewissheit der Überflüssigkeit des Wortes voraus. Daher rührt die Vorherrschaft des Geplauders.“

Was aber in diesem Geplauder steckt, erfährt man bei Calasso auf überredend schöne Weise, danach wird man Walser anders lesen. Und besser begreifen, welcher Tradition er angehört. Es gibt keinen Text Calassos ohne Verweise auf andere, oft entlegene Texte, der unersättliche Leser ist in der „Bibliothek von Babel“ Stammgast wie nur wenige, darin dem von ihm verehrten Borges verwandt. Calasso ist ein großer Zitierer und Kundige werden in seiner Prosa auch viele unausgewiesene Zitate finden, gleich als wolle er den Leser prüfen: Hast du es bemerkt?

... zu Karl Kraus und Franz Wedekind

Calasso schreibt über die Meinung „Wer sich mit der Meinung bekleidet, um sie zu ersetzen, geht eine tödliche Wette ein: die Meinung ist das Nessusgewand des Denkens.“ Und darum widmet sich der Autor so inständig dem, der Meinungen durchs bloße Zitieren entlarvte: Karl Kraus. Elias Canettis Spuren folgend analysiert er Kraus Zeitschrift „Die Fackel“ und sein bedeutendstes Werk „Die letzten Tage der Menschheit“ mit einer Akribie ohnegleichen. In diesen Essays muss er sich freilich auch mit gesellschaftlichen Fragen befassen, die er sonst zu meiden trachtet – er tut es so „aufgeklärt“, auch so besorgt, dass er alle abweisen kann, die ihn nur für einen brillanten Glasperlenspieler halten wollen: Er weiß, was der Fall ist, er sucht nur einen anderen Weg, gegenwärtiges Unheil in seiner Genese zu erklären.

So wie er die „Denkwürdigkeiten“ des an Wahnvorstellungen leidenden Gerichtsrats Schreber von 1903 als einen der Schlüsseltexte ausweist, an deren Deutung sich Freud und die Psychoanalyse abarbeiteten und einer eher beiläufigen, kurzen Erzählung von Frank Wedekind ein Äußerstes an verborgenen Bedeutungen abgewinnt. Für ihn ist auch „Mine Haha“ ein Schlüsseltext der Moderne, ausgerechnet der dient ihm dazu, sich mit Karl Marx auseinander zu setzen und dessen Theorie vom Fetischcharakter der Ware zu ihrem Recht kommen zu lassen. Die erklärende Equilibristik dieses Stücks ist atemraubend – und leuchtet am Ende ein.

Calasso gehört selbst zu den „décadents“, den Kindern des Nihilismus – und er weiß es. Selbst bei Bert Brecht entdeckt er in dessen Tagebüchern, was der arme B.B. selbst zensiert hat: sehr wundersame Einblicke! Er versucht eine Ehrenrettung des berüchtigten Max Stirner und seines rüden Werks „Der Einzige und sein Eigentum“, das diesen Monomanen in seiner Bedeutung für die Denkweisen des 19. Jahrhunderts und den verborgenen Einfluss auf sie zeigt, haben doch Marx und Engels in ihrer „Deutschen Ideologie“ viele Seiten darauf verwendet, Stirner zu „widerlegen.“ Calasso verfolgt einfach die (verdeckten) Spuren, die Stirner im Werk anderer Autoren hinterlassen hat, er findet viele.

Ein Goldgräber auf den Feldern der Kultur

Und schließlich kehrt er im letzten Essay zurück zu seinem wichtigsten Thema: den Mythen und ihrem Weiterwirken. Dabei wird der geheime Antrieb dieses Autors noch einmal deutlich: Wenn schon die Mythen zu Fabeln geworden sind, so werden doch „die Mythengeschichten, die in ihrer Wortgestalt Entsetzen ausgelöst hatten, auch weiterhin heimlich betrachtet. Man könnte meinen, die europäische Kunst habe einen ehrenhaften Kompromiss gefunden, um den Geschichten das Überleben zu ermöglichen, indem sie sie in der verantwortungsfreien Sphäre der Kunst beherbergt hat.“

Genau um diese Herbergen geht es Calasso. Er, dessen Sensorium für Themen und Probleme eher ästhetischer als streng philosophischer Art ist, der die Stilmittel der Ironie wie des Pathos einzusetzen weiß, ist ein Goldgräber auf den Feldern der Kultur – oft genug findet er dabei neben ungehobenen Schätzen die Gebeine von Ermordeten und erschrickt. Doch er versagt es sich, probate Mittel zur Verbesserung des Menschengeschlechts in Umlauf zu bringen: Lieber will er verblüffen, ratlos und aufmerksam machen, damit wir dem Schrecken ins Auge sähen. Was dann wird, wissen die Götter – wenn es sie denn gibt.

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