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Ratgeber für die „Krisenkinder“

Das neue Buch von Michael Ebert und Timm Klotzek

© Die Berliner Literaturkritik, 28.07.09

„Wir Krisenkinder“, titelte unlängst „Der Spiegel“ über die jungen Deutschen. Angepasst, orientierungslos und eben krisengeplagt sind demnach die 20- bis 35-Jährigen. Doch nun naht Hilfe: Die beiden Chefredakteure des Unisex-Lifestyle-Magazins „Neon“, Michael Ebert (34) und Timm Klotzek (35), haben sich aufgemacht, ihre Altersgenossen an die Hand zu nehmen. „Planen oder treiben lassen?“ haben sie ihr Buch genannt. Mit handelsüblichen Lebenshilfe-Werken und Ratgebern wollen die Autoren aber nichts gemein haben — auch wenn der Verlag das Werk auf der Rückseite als „handfester Ratgeber“ anpreist. Egal: Mit Widersprüchen kennt sich die Zielgruppe ja aus, die sogenannte Generation Praktikum. Mit „Viel Arbeit, wenig Geld“ zum Beispiel.

Was aber passiert in dem Buch? In 14 Kapiteln wie „Eltern“, „Vorankommen im Job“ oder „Familie gründen“ geben die „Neon“-Chefs Tipps, liefern Testfragen, zitieren Promis und lassen Psychologen sprechen. Auch bekannte Generationsgenossen wie Christian Ulmen und Tim Mälzer, die ähnlich wie die Autoren schon was Vorzeigbares im Leben geschafft haben, kommen zu Wort. Die dpa-Redakteure Britta Schmeis und Gregor Tholl haben den Leitfaden auf seinen Erkenntniswert getestet. Stellvertretend stellen sie vier Kapitel vor und ziehen ein Fazit. SIE ist 36, ER 30.

LIEBE FINDEN: Soll ich im Internet nach der großen Liebe suchen? Inhalt: Fakten, Fakten, Fakten, wie viele Menschen bei Singlebörsen angemeldet sind und welchen Umsatz die Anbieter machen. Dazu Weisheiten wie: Das Internet kann den Zufall besiegen. Das Internet ist größer als der Zufall. SIE (mal wieder liiert, ohne Singlebörsen-Erfahrung): „Erkenntnisgewinn gleich null.“ ER (das Glück auch schon mal im Internet gefunden): „Stimmt. Aber: Wenigstens ist hier nochmal recht unterhaltsam geschildert, wie schnelllebig und revolutionär das Internet ist. Die Online-Krux ist wirklich schön beschrieben mit dem Satz: ‚Eine E-Mail hat keine Schweißdrüsen.’“

ESSEN: Soll ich mit Hilfe eines Ernährungsplans auf mein Gewicht achten? Inhalt: Witzige Betrachtung darüber, dass mit 20 noch eine Einladung zum simplen Spaghetti-Essen möglich war, das selbstgekochte vegane Drei-Gänge-Menü aber irgendwann zu einer Sache der Lifestyle-Ehre wird. Und darüber, dass die Rinderroulade bei alldem Functional-Organic-Convenience-Food schon in gut zehn Jahren ausgestorben sein wird — natürlich wissenschaftlich belegt. SIE: „Großartig, was ich schon immer wusste, wird mir noch einmal bestätigt: An ausladenden Oberschenkeln und Dauerbabybäuchlein sind nicht die böse Lebensmittelindustrie, willenlose Fressattacken und XXL-Packungen Schuld, sondern vor allem die genetische Veranlagung.“ ER: „Alles schon zigmal gelesen. Außerdem glaube ich an die Zukunft der Roulade. Der Satz ‚Der Bauch entsteht im Kopf’ als Widerstandsthese gegen die ‚Gehirnwäsche der Lebensmittel-, Mode- und Diätindustrie’ ist ganz nett.“

FREUNDSCHAFT: Soll ich zu alten Freunden Kontakt halten? Inhalt: Nie war es dank Facebook, StudiVZ, E-Mail und Billigfliegern so einfach, Freundschaften zu pflegen — die Frage ist nur: Will man das? Die Autoren definieren langatmig Freundschaft an sich und scheuen sich dabei nicht, Aristoteles zu bemühen. Ihr Fazit: Die Sache bleibt kompliziert. SIE: „Ach so, ja dann.“ ER: „Klar, dass einem letzten Endes nur 10 Menschen wirklich wichtig sind und nicht 1000. Gelernt habe ich hier die soziologische Theorie, dass sogenannte Freunde und Bekannte heute zum Teil auch nur als ‚hochspezialisierte Gefühlsdienstleister’ fungieren. Weiß noch nicht, ob ich das so sehen will.“

ÄLTER WERDEN: Soll ich, wenn ich 30 werde, schon mal eine erste Lebensbilanz ziehen? Inhalt: Experten verraten, dass der 30. Geburtstag ein magisches Datum ist, für viele das Ende der Jugend bedeutet und es bei den Partys plötzlich kein billiges Dosenbier mehr gibt, sondern vor allem viel Eigenmarketing. Und Albert Einstein wird zitiert mit „Ein Mensch, der nicht vor seinem 30. Geburtstag seinen großen Beitrag zur Wissenschaft geleistet hat, wird es niemals tun.“ SIE (die ihren 30. im Skiurlaub verschlafen hat): „Dumm gelaufen, ich bin ein Versager. Konzentrier ich mich auf den 40., aber Wissenschaftlerin bin ich ja ohnehin nicht.“ ER (den 30. entspannt und nur mittelgroß gefeiert): „Jaja, das Alter ist nur eine Zahl. Sicher ist jedenfalls, dass Einstein nicht immer Recht hatte.“

FAZIT: Das Buch ist zum Teil sehr witzig, aber an vielen Stellen auch banal. Dabei hat es den typischen „Neon“-Sound, nach dem immer mehr Angehörige der Zielgruppe „süchtig“ zu sein scheinen — siehe steigende Auflage des Münchner Magazins. Ebert und Klotzek haben es nun mal „geschafft“. Zweifel bleiben, ob die 272 Seiten, wenn sie jemand anderes geschrieben hätte, jemals gedruckt worden wären. Aber das bleibt ja nun für immer ungeklärt.

Von Britta Schmeis und Gregor Tholl

Literaturangabe:

EBERT, MICHAEL; KLOTZEK, TIMM: Planen oder treiben lassen? Wie man merkt, ob man sich zu viel oder zu wenig Gedanken über sein Leben macht. Heyne Verlag, München 2009. 272 S., 17,95 €.

Weblink:

Heyne Verlag


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