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Ralph Giordanos Tagebuch

„Mein Leben ist so sündhaft lang“

© Die Berliner Literaturkritik, 24.11.10

Von Andreas Heimann

Die Liste der Bücher von Ralph Giordano ist schon beachtlich lang. Und sie soll noch länger werden. Denn der 87-Jährige denkt nicht ans Aufhören. Im Gegenteil: An seinem 86. Geburtstag hat er mit seinem Verlag gleich über mehrere neue Projekte gesprochen. Eins davon ist ein Tagebuch, das sich genau über ein Jahr erstreckt und das nun erschienen ist.

Es präsentiert den Autor der „Bertinis“ von einer neuen Seite. Es zeigt nicht nur den bekannten Schriftsteller und scharfzüngigen Redner, wie viele ihn kennen. Das Buch ist ausgesprochen persönlich, ohne peinlich zu werden, und es beweist auch: Giordano ist zwar hochbetagt, aber noch beneidenswert fit im Oberstübchen.

Auch der Titel „Mein Leben ist so sündhaft lang“ spielt auf sein hohes Alter an. Die Formulierung ist von Victor Klemperer geborgt, der in seinen eindrucksvollen Tagebüchern über seine Erfahrungen als Jude im „Dritten Reich“ geschrieben hat. Klemperer starb mit 79, Giordano ist schon einiges älter. Doch er ist politisch interessiert wie eh und je, verfolgt die Diskussionen der Gegenwart so aufmerksam wie seit Jahrzehnten und mischt sich in etliche noch ein.

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Mit seiner Meinung hat Giordano nie hinterm Berg gehalten, daran hat sich nichts geändert. So erläutert er in seinem Tagebuch, warum er Ex-Kanzler Gerhard Schröder nicht mochte und bei der jüngsten Bundestagswahl für Angela Merkel war. Er erklärt, warum er sich gegen das Leugnen des Völkermords an den Armeniern im Ersten Weltkrieg engagiert, Thilo Sarrazin in vielen Punkten recht gibt oder was er zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan denkt.

Die aktuelle Islam-Debatte taucht in Giordanos Tagebuch an vielen Stellen auf. Altersmilde ist er nicht geworden - schon gar nicht in seiner Islamkritik. Nicht immer ist das ausgesprochen differenziert, was er dazu notiert. Manchmal überzieht er auch, in seiner Kritik an Homosexuellen etwa, denen er „Selbstverhimmelung“ vorwirft, die ihm auf die Nerven gehe: „Wo man hinguckt, Schwule und ihre Veranstaltungen“.

Es dominieren aber die ganz anderen Eindrücke, die sehr persönlichen, etwa, wenn Giordano sehr offen über den Tod seiner dritten Frau Tanja berichtet. Oder wenn er von einem Besuch in Hamburg erzählt, wo er im „Dritten Reich“ als Kind einer jüdischen Mutter bedroht und verfolgt aufwuchs und ihm an den Orten seiner Kindheit die Tränen kommen. Bewundernswert ist die Gelassenheit, die Giordano zeigt, wenn er über Drohanrufe berichtet: Die gibt es mit schöner Regelmäßigkeit, oft nachts: Psychoterror gegen einen, der nicht müde wird, seine Meinung zu sagen.


Ralph Giordano: Mein Leben ist so sündhaft lang, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010, 301 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-462-04240-5.


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