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Philippe Jaccottets Notizen

„Notizen aus der Tiefe“ von dem in Frankreich lebenden, in der Schweiz geborenen Philippe Jaccottet

© Die Berliner Literaturkritik, 08.07.09

Einer chassidischen Legende zufolge ruht die Welt auf 36 Gerechten. Einzig ihre Lauterkeit verhindert, dass Gott in seinem Zorn die Menschheit zerschmettert. Dass auch das literarische Universum trotz Plusterfülle von einigen wenigen Gerechten getragen wird, glaubt der leidenschaftliche Leser lebenslang. Auf das Buch eines solchen Autors zu treffen, bedeutet: Glück.

Das Glück besteht zunächst darin, dass das Buch seinen eigenen Raum erzeugt, in dem es ruht. In ihm gewinnen die Wörter ihre Schwere zurück, die Sätze ihren Klang. Aktualität, Unterhaltungswert, Genreschubladen – all das, wonach sonst geurteilt wird, erweist sich als unwesentlich. Und ob Jaccottets „Notizen“ nun Aphorismen sind, poetische Notate, Reflexionen, Kürzest-Essays – das mag jeder entscheiden, wie er will.

Die „Notizen“ kreisen um drei Themen. Die ersten 75 Seiten mit dem Titel „Israel, blaues Heft“ entstanden nach einer Reise in das Land, das für den protestantischen Schweizer Jaccottet vor allem die Heimat biblischer Bilder ist, „denn man hat mich wie die meisten Kinder in Europa sehr früh mit ihnen gefüttert: die Taube der Arche Noah, der aus dem Wasser errettete Moses…, Joseph, der in Ägypten Träume deutet — es sind fast zu viele…“ Die Poesie dieser Szenen hindert Jaccottet nicht, ausführlich eine Geschichte aus dem „Buch der Richter“ zu zitieren, die in ihrer haarsträubenden Grausamkeit aus der gestrigen Zeitung stammen könnte.

Den religiösen Bräuchen von Juden, Moslems und Christen steht der Autor zugleich offen und distanziert gegenüber. Das Dunkel der Grabeskirche, die mechanische Klage an der Klagemauer stoßen ihn ab („als überdauere vor diesen Steinen ein wilder, blinder Ritus, den Rücken zur Welt…“). Erst auf dem weiten Platz vor dem Felsendom spürt er „ein Gefühl von Glück, Erleichterung, Öffnung: wegen der schlanken Bögen, …ihrer Eleganz und ihrer Nutzlosigkeit… ich denke an die Wüste und an Konstruktionen, die mit ihr verschmelzen, um den Schatten besser in sich zu bewahren, und an das Wasser eines Brunnens.“

In solchen Sätzen zeigt sich Jaccottets Vorgehensweise: dichterisch, also unsystematisch, tastend, ohne ein „Ergebnis“ anzustreben. Die Notizen wirken wie spontane Niederschriften; Flüchtiges und Atmosphärisches treibt in ihnen wie im Reisen selbst. Die (wenigen) allgemeinen Aussagen reichen über Israel hinaus: „Die Nähe der Gewalt gibt dem, was man sieht, mehr Kontur, oder eine andere Kontur; man bildet sich ein, doch zum großen Teil ist das eine Illusion, dem Wirklichen näher zu sein, stärker einbezogen zu sein in die Gegenwart…“

Liegt nicht genau darin das Faszinosum der Gewalt? In diesem Versprechen, intensiver zu sein, zu fühlen?

Jaccottets Texte betreffen immer auch das Nachdenken, das Empfinden selbst. Er formuliert behutsam, oft zweifelnd. Aber das heißt nicht: ohne Standpunkt. Mit ein paar sanften Bemerkungen dringt er zum Kern einer Person, einer Parole vor — und siehe, oft ist da gar keiner. Und wie nebenbei beschreibt er Landschaften und Stimmungen, so treffend, dass man es nicht vergessen wird: „Die Berge … nehmen langsam die Farbe von Elfenbein und zartem Rosa an, das Aussehen einer Substanz, die nicht verschwommen ist wie Nebel, sondern, ich kann es nicht anders sagen, immateriell.“ Wer je im Abendlicht auf ein Gebirge zufuhr und sah, wie die Steinmassen schwerelos wurden, weiß: Genau so ist es.

Die beiden anderen Notatsammlungen kreisen um den Tod eines Freundes und um Jaccottets Beziehung zur russischen Literatur. „Umkreisen“ heißt, dass von alltäglichen Eindrücken gesprochen wird, von Natur, Büchern, Musik. Dazwischen das Sterben, der Tote: „die Hand hat einen Stein berührt, der kälter war als die Kälte.“

Die Gewissheit, auch selbst auf den Tod zuzugehen, bildet das Zentrum dieses Triptychons, die Seitenbilder zeichnen jeweils eine Reise nach: eine im üblichen Sinn des Wortes (nach Israel) und eine in „Das Wort Russland“ (so der Titel). Ausgehend von den Leseerfahrungen des Kindes, das einst Jules Vernes „Kurier des Zaren“ auf seiner Mission durch die endlosen Weiten begleitete, widmet sich Jaccottet vor allem den Figuren Dostojewskis, die Kälte und Grausamkeit erfahren, aber auch Licht.

Zur Kälte gehört der Schnee, Symbol einer Reinheit, die von den Menschen zerstört wird. Im ersten Teil ist es der Schnee des Berges Hebron, in dessen Weiß die israelischen Panzer verrotten. Im dritten Teil ist der Schnee mörderischer Bestandteil der Gulag-Welt Sibiriens, in der Ossip Mandelstam und unzählige andere zugrunde gingen. Im Mittelteil dagegen, wie um dem Übermaß des Schreckens etwas entgegen zu setzen, erwähnt Jaccottet die Bilder Giorgio Morandis als Beispiel einer „Malerei, die ihr Licht vom Schnee erhalten hätte.“.

Morandis minimalistische Stillleben, denen Jaccottet ein eigenes, „umkreisendes“ Buch gewidmet hat („Der Pilger und seine Schale“), zeigen ein paar Krüge oder Flaschen. Auf eher kleinen Leinwänden offenbaren sie, was mit dem Pinsel und ein wenig Ölfarbe zu erreichen ist. Hingerissen steht man davor und begreift nicht, wie von einem solchen Sujet, einer solchen Malweise ein derartiges Leuchten ausgehen kann. Mit ähnlichem Staunen liest man Jaccottets schmales Buch.

Von Gisela Trahms

Literaturangabe:

JACCOTTET, PHILIPPE: Notizen aus der Tiefe. Übersetz aus dem Französischen von Friedhelm Kemp, Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Carl Hanser Verlag, München 2009. 168 S., 17,90 €.

Weblink:

Carl Hanser Verlag


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