Martin Pollack, der vielfach ausgezeichnete österreichische Autor, Übersetzer und Reporter, lebt seit über zehn Jahren in Bocksdorf, einer kleinen Gemeinde im Südburgenland. Durch Zufall stieß er eines Tages auf dem Bocksdorfer Friedhof auf das Grab zweier Polen, ein massiver schwarzer Stein, eine schlichte Inschrift: „Kriegsgrab / Hier ruhen 2 polnische Ostarbeiter / Stanislaw Grzanka 1925-1945 / Stanislaw Medrek 1927-1945“. Das Grab ist gepflegt, frische Blumen, kein Unkraut. Wer waren die beiden Polen, wie kamen sie nach Bocksdorf und was führte zu ihrem gewaltsamen Tod im April 1945?
Meist sind es Zufallsbegegnungen, kleine Begebenheiten oder Fundstücke wie ein Packen Fotos, aufgenommen an einem unbekannten Ort im von Hitlerdeutschland besetzten Polen und jetzt angeboten in einem Wiener Antiquariat, die Martin Pollack Anlass geben, ihren Geschichten nachzuspüren. Er geht ihnen nach mit den drängenden Fragen eines Reporters, der Zusammenhänge aufdeckt, und mit dem sensiblen Blick eines Autors, der sie verdichtet zu kurzen Texten, Berichten und Reportagen. Im kleinen Detail lassen sie das Große erkennen: die Risse eines Jahrhunderts, die Verwerfungen jüngster mitteleuropäischer Geschichte, die Ängste und Unsicherheiten in einer Zeit des Übergangs.
Martin Pollacks mit „Warum wurden die Stanislaws erschossen?“ übertitelter Band enthält „Reportagen“ aus über 25 Jahren, zum Teil in „TransAtlantik“, „Literatur und Kritik“ und anderen Publikationen bereits veröffentlichte Texte, zum Teil Originalbeiträge. Der älteste Bericht, „Jäger und Gejagter. Das Überleben der SS-Nr. 107 136“, aus dem Jahr 1982 erzählt vom vergeblichen Bemühen seines Warschauer Studienfreundes Julian Leszczýnski, des SS-Mannes Rolf Heinz Höppner habhaft zu werden; einer der jüngsten (2007), „Russe. Nachrichten aus der bulgarischen Provinz“, berichtet von der Gegenwart der knapp 160 000 Einwohner zählenden Donaustadt und der „Brücke der Freundschaft“, die sie mit rumänischen Giurgiu verbindet.
Die zwei Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, der Nationalsozialismus und der Kommunismus, und seine Auswirkungen auf das Leben des Einzelnen sind die zentralen Themen des Martin Pollack. 1944 in Bad Hall, Oberösterreich, geboren, studierte er zunächst Slawistik und osteuropäische Geschichte, übersetzte die Werke Ryszard Kapuscinskis und war bis 1998 Redakteur des „Spiegel“ in Wien und Warschau. 2004 veröffentlichte er „Der Tote im Bunker“, einen Bericht über seinen Vater, einen ranghohen SS- und Gestapo-Mann, der nach 1945 auf der Fahndungsliste für Kriegsverbrecher geführt und im April 1947 am Eingang eines Bunkers an der italienisch-österreichischen Grenze erschossen aufgefunden wurde.
Die Geschichte seiner nationalsozialistischen Eltern und Großeltern, beispielhaft erzählt in „Unheimliche Normalität“, steht stellvertretend für die Familienbiografien vieler in den 1940er- bis 1950er-Jahren in Deutschland und Österreich Geborenen. Der eigene Großvater, Pollacks „wunderbarer“ Großvater, wirkte als Rechtsanwalt mit an zahlreichen Arisierungen in Amstetten, Niederösterreich. Nach 1945 kam er ins amerikanische Internierungslager „Marcus W. Orr“ bei Salzburg, doch Schuld, Reue und Einsicht blieben aus, der anständige und aufrichtige Dr. Richard Bast fühlte sich als Opfer, diffamiert von den „angeblichen“ Opfern und ihrer „Geschichtslüge“.
„Juden? Früher wohnten hier überall Juden.“ Der Huzule Bogdan Bojtschuk im ostkarpatischen Porkurava (heute Ukraine), 1918 bis 1939 polnisch, danach besetzt von Sowjettruppen, ab Juni 1944 von den Deutschen und ihren Verbündeten, erinnert sich noch an seine jüdischen Nachbarn. Heute sind sie verschwunden. – Rudolf Schwarz ist einer der letzten Juden von Borschtschiv (westliche Ukraine). Als 1939 die Deutschen in das ehemalige Ostgalizien einmarschierten, schloss er sich den zurückweichenden sowjetischen Truppen an, kämpfte später mit der Roten Armee gegen die Faschisten und marschierte mit den Russen bis Berlin. Im Ghetto von Borschtschiv fanden seine Mutter und eine Schwester, als zwei von rund 800 Juden, den Tod. Sie wurden erschossen – von ukrainischen Polizisten und Deutschen.
Osteuropa in den 198oer bis 1990er Jahren: Noch vor dem Zusammenbruch der kommunistischen Regimes registriert Pollack leise Zeichen der Veränderung, des Übergangs. Seine Berichte über „Schwule in Ljubljana“ (1985) und die Anfänge der Punkband „Laibach“ („Titos verstoßene Enkel“, 1984) erzählen von den schon spürbaren Rissen in der glatten Fassade kommunistischer Ideologie, als Vorboten der Erschütterungen, die noch folgen sollten, in Danzig, Warschau, in Bosnien, in Weißrussland, in Kiew.
Trotz EU- und NATO-Osterweiterung, trotz aller wirtschaftlichen Erfolgsmeldungen in den Vorzeigestaaten des ehemals kommunistischen Machtblocks, die Probleme sind nicht verschwunden. „Wir brauchen nur genau hinzuschauen und hinzuhören […] um die erstaunliche, manchmal beängstigende Entdeckung zu machen, dass manches, was wir für vergangen hielten, nach wie vor existiert oder in neuem Gewand wieder auftaucht, wie wir das auch aus unseren Ländern kennen.“ Dieser genaue Blick ist die große Gabe des Martin Pollack – genau wie seine Sprache, die das Detail erfasst und die Geschichte und Gegenwart Mittel- und Osteuropas in glasklaren Momentaufnahmen mit all ihren Widersprüchen lebendig macht.
Literaturangaben:
POLLACK, MARTIN: Warum wurden die Stanislaws erschossen? Reportagen. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2008. 229 S., 19,90 €.
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