Von Bettina Hartz
Natürlich ist es kein leichtes Unterfangen, die Lyrik eines Landes repräsentativ in hundert Gedichten von knapp sechzig Dichterinnen und Dichtern wiederauferstehen zu lassen, denn um einen solchen Wiederauferstehungsversuch handelt es sich in „100 Gedichte aus der DDR“, wenn die Herausgeber Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach neben die offizielle Lyrikverlautbarung, wozu auch die den Band eröffnende DDR-Nationalhymne von Johannes R. Becher gehört (die ja schon bald nicht mehr gesungen werden durfte), auch Gedichte von Manfred Bieler und Uwe Greßmann stellen. Und wenn sie im Nachwort den fast schon revolutionären Satz schreiben, „die Lyrik der DDR“ gehöre „zu unserem Erbe“, also zu einem gesamtdeutschen - da wird es einen Moment still, und in diese Stille hinein sagt Elke Erb „Hühnerei!“ und wird „folgerichtig geschnappt“, aber „Schuld sind die“, die „kein selbständiges Ei“ „mehr dulden können“!
Und daran ist sie dann ja auch zugrunde gegangen, die DDR, der Gabriele Eckart hinterherruft: „Adieu Land / Das langsam erstickt an den unausgesprochenen Dingen ...“ Dabei gab es eine grandiose Vielstimmigkeit, Fühmann ist da, Brecht natürlich, der junge Grünbein, noch ohne konservativ-klassizistischen Überzug, Huchel, Bobrowski, Brasch, Inge Müller. Naturlyrik und Liebesgedichte, Kritisches zum Zerfall der Städte, zur Umweltverschmutzung, zu Mitläufer- und Duckmäusertum, zur atomaren Bedrohung (wunderbar machtentblößend zynisch Kito Lorenc’ „Die Stimme gibt Empfehlungen zum Überleben bei Atomkrieg“), sehr viel Politisches also, im Großen und Kleinen - und gegen Ende hin immer mehr Absagen an die ewig aufgeschobene Erfüllung der Hoffnung - voller Hoffnung, die Nicht-nur-Dichter-Utopie möge sich doch noch im Hier und Jetzt verwirklichen.
Literaturangaben:
BUCHWALD, CHRISTOPH / WAGENBACH, KLAUS (Hrsg.): 100 Gedichte aus der DDR. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009. 169 S., 16,90 €.
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