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Olea europaea sativa

Ralph Dutli schreibt über die Symbolik einer Frucht

© Die Berliner Literaturkritik, 28.04.10

ZÜRICH (BLK) – Im September 2009 ist der Roman „Liebe Olive“ des Autors Ralph Dutli im Ammann Verlag erschienen.

Klappentext: Was hat Odysseus Ehebett mit der Kulturgeschichte der Olive zu tun? Wie kommt der französische Renaissance-Dichter Joachim du Bellay dazu, einen ganzen Olivenhain von Sonetten zu dichten? Irrte sich Shakespeare, als er „Oliven von endloser Dauer“ verkündete? Was bedeuten „gefüllte Oliven“ beim ungarischen Romancier Sándor Márai? Ob wir im Olivenbaum den ersten Demokraten des Abendlandes oder van Goghs letzten Therapeuten vermuten dürfen, in der Hand des sterbenden Somerset Maugham einen Fetisch für die Sehnsucht nach dem Süden entdecken oder mit dem Philosophen Mark Aurel in der fallenden Olive ein Symbol für das Menschenleben erkennen eine Vielzahl amüsanter, Staunen erregender oder nachdenklich stimmender Geschichten ist aufgehoben in Ralph Dutlis hinreißendem Bändchen über eine kleine Frucht mit dem botanischen Namen „Olea europaea sativa“.

Der ist Essayist, Lyriker und Übersetzer sowie Herausgeber der zehnbändigen Ossip-Mandelstam-Gesamtausgabe Ralph Dutli wurde 1954 in Schaffhausen/Schweiz geboren. Er studierte Romanistik und Russisch in Zürich und Paris. Von 1982 bis 1994 legte er seinen Lebensmittelpunkt nach Paris. Für seine Werke erhielt er mehrfache Auszeichnungen, unter anderem 2002 der Stuttgarter Literaturpreis. Heute lebt Ralph Dutli in Heidelberg. (ros)

Leseprobe:

©Ammann Verlag©

Letzte Ölung für Somerset Maugham

Das Entzünden einer Lampe signalisierte in der Antike einen Anfang oder einen Übergang, bezeichnete einen wichtigen Moment im Leben oder im Jahr. Es geschah am Tag der Geburt, der Hochzeit, der Ernte, des Todes... Bei Taufe und Tod kam Olivenöl ins Spiel. Im alten Rom wurden kurz vor einer Geburt mehrere Lampen für das Kind entzündet, von denen jede einen eigenen Namen hatte. Den Namen der Lampe, die am längsten brannte, gab man schließlich dem Neugeborenen: Es war ein Omen für ein langes Leben. Noch heute wird in Griechenland während der Taufzeremonie der ganze Körper des Babys mit Olivenöl gesalbt.

Bei Griechen und Römern schmückte man die Türen der Häuser, in denen ein Neugeborenes oder ein Brautpaar wohnte, mit Olivenzweigen, um die Dämonen zu verscheuchen. Türen und Schwellen wurden symbolisch mit Olivenöl gereinigt. Der Ölbaum gehörte seit je den Lebenden wie den Toten. Er bedeutete gemeinsamen Reichtum, aber auch getrennte Wege. Öl und Olivenzweige waren ein unabdingbarer Bestandteil der Totenrituale der antiken Welt. Die Toten wurden mit Olivenöl gesalbt und rituell »gereinigt«, auch die Salbung von Grabmälern war ein Akt sakraler Reinigung. Olivenkränze um den Kopf der Leichname sollten Dämonen bannen, von der Welt der Lebenden fernhalten. Der Olivenkranz »bändigte« die Dämonen und band sie an den Toten, damit die um das Totenlager versammelten Hinterbliebenen vor ihnen geschützt waren. Laut Plutarch begruben die Spartaner ihre Toten in Ölbaumblättern. Olivenzweige bildeten das Material für die Totenkränze, die im gesamten hellenistisch geprägten Mittelmeerraum verwendet wurden. Für besonders begüterte Tote gab es eine Art Luxusausführung: Kränze aus Goldblättern, in Form von stilisierten Ölbaumblättern. Besonders schöne aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. sind im Museum von Tarent zu bestaunen, in Süditalien, in der Nähe der alten griechischen Kolonien. Aber der Olivenkranz war auch ein Symbol für die Auferstehung von den Toten, für Wiederkehr, neues Leben. Verstorbenen wurden im alten Ägypten Oliven als Wegzehrung für die Reise ins Totenreich mitgegeben. Olivenbaumblätter galten als Symbol des Himmels. Aus ihnen stellten die Ägypter das Öl her, das für die Mumifizierung der Pharaonen verwendet wurde. Sie versprachen sich davon besonderen Schutz vor bösen Keimen. Nach neuesten Studien zu Recht: Öl und Blätter des Olivenbaums schützen vor schädlichen Pilzen, Bakterien und sogar Viren. Als 1922 Howard Carter das Grab von Tut-Anch-Amun entdeckte, dem 1338 v. Chr. mit neunzehn Jahren verstorbenen Pharao, fanden sich Olivenblätter auf dem Herrscherhaupt. Sie galten als „Kranz der Rechtfertigung “, waren ein Zeichen für das bestandene Jenseitsgericht, die Psychostasis, das Wägen der Seele auf der Jenseits-Waage. Es fand statt unter Vorsitz der Göttin Maat, die für das „Gleichgewicht der Welt“ zuständig war, und des Totengottes Osiris, der über die Aufnahme des Verstorbenen im Reich des Westens entschied oder ihn in das schreckliche Reich der Dämonen verbannte.

©Ammann Verlag©

Literaturangabe:

DUTLI, RALPH: Liebe Olive: Eine kleine Kulturgeschichte. Ammann Verlag, 2009. 168 S., 13,95 €.

Weblink:

Ammann Verlag


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