Von Alexandra Stahl
KÖLN (BLK) - Es klingt verlockend. Wer hat noch nicht mit dem Gedanken gespielt, die Arbeit einfach niederzulegen und sich komplett ins Private zurückzuziehen? Wer dann keine Lust auf das Leben hat, bleibt im Bett liegen und zieht die Decke über den Kopf – wie Oblomow. Der Titelheld aus Iwan Gontscharows (1812-1891) gleichnamigem russischen Roman von 1859 hat das Nichtstun und Aufschieben zum Lebensmotto gemacht. Die Folgen zeigt nun das Schauspiel Köln („Theater des Jahres 2010“) in einer dreistündigen Bühnenfassung des Werks. Für die klassische Inszenierung des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis gab es bei der Premiere am Freitag (11.2.) begeisterten Applaus.
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Alles beginnt mit friedlichem Schnarchen. Oblomow und sein treuer Diener Sachar liegen in der Stube und trotzen dem Tag. Die Rechnungen türmen sich, die Bücher sind verstaubt, das Essen ist auf einen kümmerlichen Rest Schinken zusammengeschrumpft. Finanzieller Ruin droht dem Gutsherren Oblomow, der nicht mehr arbeitet, sondern von den Erträgen der Bauern lebt, die auf dem väterlichen Hof wirtschaften. Der ist vom Verfall bedroht, doch Oblomow bleibt im Bett. „Was sollen wir tun?“, fragt Sachar aufgeregt. Sein Herr winkt müde ab: „Können wir es nicht morgen tun?“
Das Schnarchen geht weiter, die Tage des dicklichen Adligen mit dem zerknautschten Gesicht und dem traurigen Blick verstreichen. Wenn er nicht schläft, isst er. Und wenn er gegessen hat, legt er sich wieder hin. Wie ein Teigklumpen sehe er aus, schimpft der Jugendfreund Stolz, der versucht Oblomow aus seiner Lethargie zu reißen. Stolz bereist als Staatsbeamter die Welt, sein Leben kennt keine Ruhe. Oblomow aber fragt mit sehnsüchtiger Stimme: „Was wäre die Welt ohne Börsen, Aktien und Zeitungen?“
Während für den Einen die Arbeit das Leben ist, ist es für den Anderen ein abgeschiedenes Leben auf dem Land in familiärer Idylle. Doch Oblomow bleibt ein Träumer, zu sensibel für das Leben - und die Liebe. Als Stolz ihn mit der schönen Olga zusammenbringt, flammt das Leben in dem antriebslosen Tagträumer noch einmal auf, aber zugleich fürchtet er seine Gefühle.
Hermanis ist mit seiner Inszenierung gelungen, das Innenleben eines am Leben Verzweifelten auf die Theaterbühne zu bringen, ohne zu langweilen. Das liegt besonders an der Situationskomik zwischen einem herumgammelnden Oblomow und seinem grummelig liebenswerten Diener Sachar. Die passende Stimmung erzeugen das opulente Bühnenbild und die historischen Kostüme von Kristine Jurjane, die das Russland des 19. Jahrhunderts zum Leben erweckt.
Zudem überzeugen die Schauspieler, allen voran ein großartiger Gundars Abolins als Jammerlappen Oblomow, den man von Anfang an so gern hat, dass man den Dicken mit dem krausen Haar am Ende ebenso vermisst wie seinen Diener Sachar. Oder wie Dramaturg Götz Leineweber den epischen Theaterabend mit dem egozentrischen Protagonisten beschreibt: „Man muss sich in Oblomow verlieben, dass der Abend etwas wird.“